of Montreal – Paralytic Stalks.

(VÖ 10.02.12) Das elfte Album der Indie-Band of Montreal ist wie ein Essen in einem Spitzen-Restaurant, bei dem jeder der Köche alles zeigt, was die musikalische Finesse hergibt: Hier wird viel gekonnt und noch mehr gewollt – ob das den Ohren zugute kommt oder viele Köche den Sound verbreien, das ist hier die (Geschmacks-)Frage.

of Montreal - Paralytic Stalks.

of Montreal – Paralytic Stalks.

Kulinarisch gesprochen werden bei „Paralytic Stalks“ nur beste Zutaten sautiert, braisiert, legiert, deglaciert, frappiert, pochiert und dann fein angerichtet mit Synthie-Saucenspiegel und Tontechnikerparfait serviert. Dabei bleiben die Amerikaner aus dem Elephant-6-Kollektiv in Athens, Georgia, ihrem gewohnt elektronischen Techno-Pop und dem Konzept schwerer Texte im leichten Soundgewand treu.

Was dabei herauskommt, klingt nach Psychodelic Circus – nach experimentellen Beatles-Alben von „Revolver“ bis zum „White Album“, ein wenig nach Pink Floyd und den frühen Genesis. Versuchte Schritte in den Fußstapfen der ganz Großen, passend zu den großen Ansprüchen und großen Themen, die Frontman Kevin Barnes seit 1997 mit seinem Bandprojekt verfolgt: „You can focus on the positive things, the sunlight and the trees growing and all the birds and animal life, all the beautiful things; or you can focus on genocide and torture, terrorism, abuse, und neglect.“ (Barnes im SPIN-Interview)

Der erste Song „Gelid Ascent“ beginnt hypnotisch, erinnert ein wenig an den Progressive Rock von Porcupine Tree und dreht sich um die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen. Soso. So weit schmeckt das Konzept nicht übel. Es folgen ein Song über das Leben im generellen Weltwahnsinn („Spiteful Intervention“), einer zum Schlussmachen in einer platonischen Beziehung („Dour Percentage“), einer über spirituelle Verwirrung („We Will Commit Wolf Murder“) und einer über Liebe („Malefic Dowery“). Allesamt kreuz und quer durch die Tonleitern, gern mal mit ungewöhnlich arhythmischem Gesang. Und immer alles kunterbunt auf einmal – Synthie, Bass, Klavier, Disneyflötentöne, immer rauf auf den Plattenteller damit. Dem Tontechniker sei dank ist alles klar und deutlich hörbar, aber hier hat jemand eindeutig zuviel gewollt.

Dementsprechend bekommt man auch bei „Ye, Renew the Plaintiff“ – dem Highlight und erklärten Barnes-Liebling – etwa fünf Songs in einem: Nach einem Funk-Start taucht man in ruhigere Gewässer und hört sich am besten Drumsound der gesamten Scheibe satt, bevor der Klang wieder Richtung Surrealismus driftet. Danach kann man bei „Wintered Debts“ noch ein wenig Mando-Diao-Beatles-Country-Shuffle genießen – mit Honky-Tonk-Piano und Pedal-Steel-Guitar das wohl zweitbeste Stück auf „Paralytik Stalks“.

Denn danach wird es zäh: „Exorcismic Breeding Knife“ bezeichnet Barnes selbst als sein unkonventionellstes Arrangement und in der Tat ist es der reinste Geigen-Alptraum in „Revolution No. 9“-Manier. Aber wo die Beatles noch revolutionär waren, ist das hier einfach nur unhörbar. „Authentic Pyrrhic Remission“ fängt dagegen vielversprechend leichtfüßig und rhythmusbetont an, entwickelt sich aber passend zu seiner Massenkommunikationsthematik zu einem hektischen Mainstreamschnipsel-Brei, der erst im letzten Drittel wieder appetitlich wird.

Zusammengefasst: Wenn 5-8 Köche (da können sich Wikipedia und Facebook bei of Montreal nicht einigen) die ganze Speisekarte auf einmal wollen, dann nützen auch die besten Zutaten nicht viel. Vielleicht hätten of Montreal es ein wenig ruhiger angehen lassen sollen: Gezielte Verwirrung, akzentuiertes Chaos, eine feinere Trennung von Hauptgericht und Beilagen – das hätte ein feines Menü ergeben können. So aber wurden musikalische Handfertigkeit und echtes Können grob durch den Fleischwolf gedreht und anschließend komplett durchpüriert in CD-Hüllen verpackt. Die Inhaltsangabe von Text und Absicht liest sich köstlich, aber was letztlich im Ohr landet, hat leider gerade mal zweieinhalb Michelin-Sterne verdient.

Bewertung: 2,5/5
Highlights: Ye Renew the Plaintiff, Wintered Debts

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