Frank Turner & The Dropkick Murphys in der Columbiahalle, Berlin am 27.01.2013.

Die Tickets hatte ich eigentlich wegen den Dropkick Muphys gekauft, denn diese sieben Verrückten aus Boston verbreiten auf der Bühne einfach ansteckend gute Laune. Diesmal ist als Vorband Frank Turner dabei – und er wird mein heimlicher Headliner des Abends.

(c) swi

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Ich staune immer wieder, wie knackevoll die Columbiahalle sein kann. Motörhead oder Dropkick Murphys – hier scheinen immer nur Bands zu spielen, die jeden Quadratzentimeter Saalfläche mit Publikum (über-)füllen. Dass da kein Platz für Sauerstoff bleibt, dürfte klar sein. Die Durchschnittstemperatur liegt mindestens bei 35° Grad, weshalb Formulierungen wie „der Saal kocht“  mit Vorsicht zu genießen sind.

Zum Auftakt spielen Cryssis ihren British-German Power-Pop: Zwei junge Hüpfer, der Toten-Hosen-Drummer Vom Ritchie und ein Sänger, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Dick York besitzt eine solide Rock-Stimme und hat vermutlich einige Jahre Banderfahrung zu bieten, aber alles in allem ist für Cryssis die Columbiahalle doch ein bisschen zu groß – Stimmung will auch bei ihrem besten Song „School Days“ nicht recht aufkommen.

Ganz anders bei Frank Turner. Dass er die Bühne bei den ersten Solo-Takten seines „If I Ever Stray“ ganz allein ausfüllen kann, liegt nicht nur an seiner Körpergröße von geschätzten zwei Metern. Dieser Mann hat einfach Präsenz, Charakter – Feuer. Und wenn er für seinen Folk-Rock in die Saiten haut, strahlt er über das ganze Gesicht.

Weiter geht es mit „The Road“. Und für alle, die es nicht wussten, folgt eine ziemliche Überraschung, denn Frank Turner spricht Deutsch. Sehr gut sogar. Er bedankt sich artig für den Applaus und kündigt „Peggy Sang The Blues“ an: „Dieser Song ist über drei Dingen: Karten spielen, lange aufbleiben und Whiskey trinken mit meine Oma!“ Die Coolness hat der Enkel also von keinem Fremden.

Es folgt „Reasons Not To Be An Idiot“, ein Song „über meine bescheuerte Ex-Freundin“ und „Glory Hallelujah“, danach ist Schluss mit Deutsch – jetzt wird getanzt. Frank Turner & The Sleeping Souls haben da nämlich ein Experiment am Start: Bisher liegen auf ihrer Liste der besten Pogo-Städte Oslo, Hamburg und –buuuuh! – München ganz vorn. Das wollen die Berliner natürlich nicht auf sich sitzen lassen – auch nicht die, die sich auf der Tribüne verstecken. „ We can fucking see you, guys!“, ruft Frank, und dieses Gefühl hat man wirklich – dass dieser Mann einen sieht, dass er für jeden Einzelnen im Saal spielt.

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Und jeder Einzelne will tanzen. Also los mit „Four Simple Words”! Keine Ahnung, wo Berlin danach auf der Top-Dance-Skala landet, aber – tatsächlich – der Saal kocht. In jeder Hinsicht, denn auf dem überfüllten Boden vor der Bühne findet sich immer noch Raum für eine Wall of Death und langsam wird es wirklich unerträglich heiß.

Eins, zwei, drei, vier – den Beginn meines absoluten Lieblingsstücks zählt Frank Turner noch einmal auf Deutsch ein: „Sing like there were no barriers, no stage, like we were just a bunch of friends who sing and get fucking drunk together!“ Ein Song über das Erwachsenwerden und den Wunsch, sich dabei die Freiheit und den eigenen Dickschädel bewahren, denn „ditching teenage fantasy means ditching all your dreams.“ Frank Turner dirigiert strahlend den Saalchorus zu „And I won’t sit down / And I won’t shut up / And most of all I will not grow up…”

Danach ist nur noch Zeit für einen einzigen Song – „but it’s an important one!” – denn eigentlich sind wir ja wegen den Dropkick Murphys da: Frank Turner & The Sleeping Souls beschließen ihren Teil des Abends mit „I Still Believe“ – in The Beatles, The Ramones, in drums, guitars and poetry!

Wir sind durchgeschwitzt vom Tanzen, haben ein breites Grinsen im Gesicht – und eigentlich auch genug. Frank Turner allein würde für ein ganzes Konzert gereicht haben.

Die Dropkick Murphys starten danach mit „The Boys Are Back (And They’re Looking For Trouble)“. Sie geben noch mal richtig Schub mit ihrer ungebremsten Punk-Energie, mit Dudelsack-Power und Tanzeinlagen. Sänger Al Barr tänzelt über die ganze Bühne wie ein Boxer im Ring, die Show sitzt und das Publikum  tobt mit. „Johnny I Hardly Knew Ya“, „Going Out In Style“, „Stand Up And Fight“,„Sing Loud Sing Proud”, „Forever”, „Wild Rover”, „Fields of Athenry”, grüne Zylinderhüte, eine gigantische Lightshow, Schweiß und Pogo…. es ist alles da, was ein Murphys-Konzert braucht.

Und obwohl Frank Turner eine ganz andere Art von Folk-Hommage betreibt – Sonnenschein statt Hooliganpower – die Energie der beiden Bands passt schon gut zusammen. And they won’t sit down, and they won’t shut up… and most of all they will not grow up.

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