#13 Klabauterschmerz (Aus dem Archiv II).

Mein Mann ist bei irgend so einem Rockerclub, Lady Boys MC… oder wie sie heißen. Er ist der „Präsi“, als wenn das etwas wäre. Es bedeutet vor allem, dass er fast jedes Wochenende unterwegs ist. Ich weiß nicht, was er dann genau macht. Wenn ich mich an die Partys von früher erinnere, bedeutet es vermutlich, dass er erst betrunken mit aller Welt Streit anfängt, und dann im nächsten Stadium der Alkoholfreuden irgendwo rückwärts in die Büsche fällt. Na ja. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr, ihn da raus zu zerren. Bei seiner Bierplautze mittlerweile würde ich mir auch einen Bruch heben.

Dabei haben wir uns durch den Club erst kennengelernt: Als Bloody Redlips war ich damals Tänzerin bei einer Burlesque-Show – meine Nummer bestand darin, mich in altmodischer Ledermontur auf einer alten Harley Davidson zu räkeln und diese bei einer gespielten Reparatur Stück für Stück fallen zu lassen. Der Höhepunkt war eine Art Schleiertanz – mit Motorradteilen. Das und die nackte Haut haben den Kerlen natürlich gefallen und danach ist sein kompletter Club förmlich über mich hergefallen. Fast übereinandergepurzelt sind sie in ihrem eifrigen Bemühen, mir Drinks auszugeben und mir einen Hocker zum Sitzen herbeizuschaffen. Ich habe mit allen getanzt, mit allen geflirtet – bis auf einen. Den habe ich geheiratet.

Dabei saß er nur da, trank, sprach kein Wort und starrte mich gläsern an. Irgendwann stand er auf, taumelte nach draußen und schlug der Länge nach auf dem Rasen hin. Seine Kumpels scherte das nicht. Nur ich bin ihm irgendwann nachgegangen – und da lag er da. Hatte sich inzwischen auf den Rücken gedreht und schlief. Ich weiß nicht, was mich dazu brachte, aber ich habe mich neben ihn gelegt, sein Arm wie ein Kissen unter meinem Kopf, und dachte: angekommen.

So viel zum lächerlichen Groschenroman meiner Ehe.

Inzwischen sind wir fast 12 Jahre verheiratet. Ich tanze nicht mehr, es gab einfach zu viel Ärger, wenn Marlon – so heißt mein Mann – mit dabei war. Am Anfang war ich ja auch ganz glücklich, das aufzugeben. Ich habe zwar gern getanzt, aber eigentlich hatte ich mal Ballett studieren wollen. Mich vor einem Haufen grölender Rocker auszuziehen, hatte nicht zu meinen Kindheitsträumen gehört. Aber die wurden wohl einfach viel zu früh zerstört.

Mit vier Jahren habe ich angefangen, Ballett zu tanzen – ich hatte im Fernsehen eine Ballerina gesehen und fand sie wunderschön. Ich habe so lange gebettelt, bis meine Mutter mich in einer Schule anmeldete, und als meine Eltern ums Leben kamen, hatte ich gerade meine erste Aufführung hinter mir.

Meine Eltern nannten mich Paulette – als Synthese aus Paul und Yvette, ihren eigenen Namen. Einige Jahre nach meiner Geburt stellte sich der Sinn dieser Sentimentalität heraus: In einem akuten Anfall von Lebensmüdigkeit (denn nur so lässt es sich erklären), warf sich meine Mutter vor einen vorbeifahrenden Bus. Der Gedanke muss ihr plötzlich und zufällig gekommen sein, denn sonst hätte sie niemals zugelassen, dass sich mein Vater bei dem Versuch sie zu retten, ebenfalls ums Leben brachte. Damit war meine Kindheit zu Ende, ich war fünf.

Ich wuchs bei Freunden meiner Eltern auf und bei ihren Geschwistern. Ich wurde rumgereicht – was schlimmer klingt, als es war. Denn alle liebten mich und haben meine Eltern gemocht – ich wurde von allen behandelt wie eine kleine Prinzessin. Aber unser vertrautes Haus mit dem Garten, mein eigenes Zimmer, ein festes Zuhause fehlte mir. Meine Eltern fehlten mir. Von ihren Gesichtern habe ich nur noch eine verschwommene Vorstellung. Aber mit meinem Namen hatten sie mir wenigstens eine Erinnerung an meine Herkunft hinterlassen. Ich habe mich oft mit diesem Namen getröstet, hab ihn leise vor mich hin gesprochen, wenn ich mich allein fühlte. Dann war es, als wären Paul und Yvette noch bei mir.

Außerdem habe ich mich an das Tanzen geklammert, es war meine Konstante in einem Leben voller Veränderungen. Leider war mein Talent nicht groß genug, um Berufstänzerin zu werden – vor allem entwickelten sich in der Pubertät zu viele Rundungen und Kurven, die ich auch mit der strengsten Diät nicht mehr in den Griff bekam. Der Balletttraum war für mich ausgeträumt: zu viel Po, zu viel Busen, weibliche Hüften und jede Menge strafftrainierte Muskeln – für die Burlesque-Truppe war ich ein echter Glücksfall.

Als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, einmal auf einer großen Bühne zu stehen. Zuhause vor dem Spiegel sah meine Version des sterbenden Schwans großartig aus – manchmal bedauere ich, dass es keine Bilder von dem pummeligen, eifrig mit den Ärmchen rudernden Entlein im Tutu gibt. Nach dem Tod meiner Eltern habe ich dieses Solo nie mehr getanzt. Und gesehnt habe ich mich nur noch nach einem richtigen Zuhause.

Als mich Marlon nach zwei Wochen fragte, ob ich ihn heiraten wolle – unter dem Gejohle seiner Freunde, leicht schwankend, aber auf den Knien – habe ich „ja“ gesagt. Am nächsten Morgen erkannte ich an seinen flatternden Augenlidern und seinem Stirnrunzeln, dass er sich an nichts mehr erinnerte. Aber eins muss man den Lady Boys lassen: Sie stehen zu ihrem Wort. Ob sie noch davon wissen oder nicht.

Und nun sitze ich jedes Wochenende allein zuhause. In meinem Haus, mit meinem Garten, mit meinem Hund. Meine Möbel, mein Geschirr, meine Blumenbeete. Oder unsere – wir haben ja beide dafür gezahlt, aber Marlon ist ja praktisch kaum hier. Ihn zu verlassen, wäre das eine – das hier aufzugeben, würde mir schwerfallen. Aber eine Ehe funktioniert nicht mit „meins, meins, meins“.Eine Ehe funktioniert nur mit „unser“. Und „unser“ gibt es für Marlon nur mit seinen Jungs. Ich bin seine Zierde zuhause, sein Weibchen, was Haus und Garten in Ordnung hält – ich habe unterschätzt, dass er nicht nur Haare und Klamotten im Stil der 50er trägt, sondern auch seine Moralvorstellungen aus konservativen Zeiten stammen: Er Tarzan, ich Jane.

Um in Ruhe über alles nachzudenken, fahre ich an die Nordsee. Aber die Gegend ist überfüllt mit Touristen, am Strand gibt es tagsüber keinen Fleck, der nicht von Sandburgen, Kinder und ihren gestressten Eltern verstopft wäre. Ich miete mir ein Fahrrad, fahre stundenlang durch die Dünen, und abends meide ich die schicken Strandbars. Lieber hocke ich mit den alten Seebären in ihren muffigen Kneipen. Sie reden über Fischfang, die Luft ist blau von Rauch und die Jukebox spielt Lieder aus ihrer Jugend. Nur manchmal drückt einer den falschen Knopf und dann brüllt Heino sein Rammstein-Cover.

Bis auf die Thekendame bin ich die einzige Frau dort – und die Jüngste. Ein, zwei Abende lang verstummen die Alten, wenn ich zur Tür hineinkomme und beobachten mich, während ich meinen Grog bestelle und mich ganz ans Ende der Theke verziehe. Als ich mich am dritten Abend auf meinen Platz setze, steht einer vom Kapitänstisch auf und kommt zu mir.

Er ist mir schon am ersten Abend aufgefallen – denn anders als die meisten trägt er keine abgewetzte Schiffermütze, kein blaugestreiftes Hemd. Er ist groß und sehr dünn, er hat einen buschigen weißen Backenbart und klare blaue Augen. Seine Kleidung ist schwarz – abgewetzte Lederhosen, ein Hemd und darüber eine Weste aus Kuhfell, dessen behaarte Seite nach außen zeigt. An seinen Ohren klingeln zahlreiche Ringe und auf seinem Kopf sitzt ein flacher schwarzer Hut – am Kapitänstisch fällt er auf wie ein bunter Hund. Er spricht kaum; die anderen scheinen ihn auf eine ehrfürchtige Art eher zu dulden als gern bei sich zu haben. Doch wenn er mal das Wort ergreift, schweigt die ganze Runde, um ihm zuzuhören.

Jetzt steht er vor mir: „Darf ich Gesellschaft leisten?“, fragt er und ich nicke. Er rutscht auf den Stuhl neben mir, bestellt sich per Handzeichen ebenfalls einen Grog und prostet mir damit zu. „Pardon, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Knochenkalle werde ich genannt. Wie ist der werte Name?“ Seine Sprechweise wirkt ungewohnt geschliffen an einem Ort wie diesem und seinem Tonfall fehlt der typisch norddeutsche Nasal.

Knochenkalle also, gut, ich stelle mich entsprechend mit meinem alten Tanznamen vor. Er verzieht keine Miene: „Sehr erfreut, Bloody“, sagt er, und fragt, was mich an die See verschlagen hat. Ich sage, dass ich eine Auszeit brauche und als er mich fragend ansieht, erzähle ich in einem Atemzug das Desaster meiner Ehe. Ich brauche sogar ein Taschentuch zwischendurch; danach ist es mir peinlich. Er schaut mich ungerührt an.

„Weißt du, warum man mich den Knochenkalle nennt?“, fragt er schließlich. Ich schüttele den Kopf. „Ich bin Tischler“, sagt er, „ich tischlere die Särge für die Seemänner. Für alle aus der Gegend. Und wenn einer auf See bleibt, dann beerdigen wir den leeren Sarg.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Grog. „Als ich halb so alt war wie du, war ich verlobt… sie hat es nicht ausgehalten, dass der Tod mein bester Kunde ist.“

Ich schlucke. Jetzt schäme ich mich, ihn mit meinen Sorgen überschüttet zu haben – mit Sorgen, die mir jetzt lächerlich erscheinen. Eine Weile schweigen wir, dann schaut er auf die Uhr und steht er auf. „Um diese Zeit drehe ich immer meine Runde über den Strand“, sagt er, „komm mit, wenn du willst.“

Die Nacht ist fast kühl, nur in den Backsteinwänden der Häuser hängt noch eine Erinnerung an die Wärme des Tages. Der Strand ist jetzt leer. Ich ziehe die Schuhe aus und wir wandern schweigend über den Sand. Knochenkalle sagt nichts mehr, nur manchmal fasst er nach meinem Arm und dreht meinen Kopf in Richtung der Sternbilder. Der Große Bär, die Venus, sogar die Milchstraße kann man hier draußen gut erkennen. Wir bleiben die ganze Nacht draußen.

Im Morgengrauen hocken wir unten am Wasser; mit den Füßen in der Nordsee scharren wir Sand zusammen für eine Burg. Er fragt, wie es mir geht. „Mein Mann…“, setze ich an und er beginnt zu lachen. „Wenn du über deinen Mann klagen willst, bist du bei mir falsch. Das ist Klabauterschmerz – wenn’s im Herzen rumpelt, soll man sich nicht stur stellen. Was willst du denn?“, er rückt ein paar Muscheln zurecht, Fenster sollen das werden.

„Du hast doch alles.“ Er rückt seinen Hut zurecht. „Gib dir Zeit, Bloody, das Leben ist auch so kurz genug, glaub mir“, sagt er, „Geduld ist das einzige, was dir fehlt.“ Er fasst nach meiner Hand und zieht mich hoch. Die Burg steht und er verabschiedet sich mit einem angedeuteten Handkuss.

Ich sehe ihm nach wie er über den Strand geht. Kurz bevor er zwischen den Dünen verschwindet, laufe ich ihm nach. „Kalle“, rufe ich, „Kalle, warte!“ Er bleibt stehen. „Kalle“, rufe ich noch einmal, dann stehe ich außer Atem vor ihm. „Der Name“, keuche ich, „der Name ist Paulette.“ Er lächelt und nickt.

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39 Gedanken zu “#13 Klabauterschmerz (Aus dem Archiv II).

  1. kaetheknobloch schreibt:

    Und das wollten Sie uns vorenthalten? Sind Sie noch bei Troste? Das ist großartig, das ist eine Schreibe, das sind Sätze, wie Wellen, die anlanden, da im Sand. Ich liebe Ihren Knochenkalle, ich liebe Ihre Paulette, ich liebe diese Geschichte. Klabauterschmerz, alleine der Titel! Ich muß lesen, nochmal, nochmal…darf ich rebloggen, bitte?!

    • rocknroulette schreibt:

      aber nichts lieber als das, ich wäre geehrt!!
      und ja, plötzlich fügte sich alles zusammen… klar, paulette konnte vor 12 jahren nicht geschrieben werden, weil der knochenkalle noch ungedacht war! und plötzlich… flutschte alles ineinander und aus der feder.

  2. 500woerterdiewoche schreibt:

    Ui, da ist ja was schönes aus den Bruchstücken geworden!

    Am Anfang sind die Zeitenwechsel vielleicht ein bisschen verwirrend, vor allem der Sprung zu „mit vier Jahren“. Falls du die Geschichte überarbeiten willst, kannst du überlegen, ob du da vielleicht die Reihenfolge änderst, sodass auch der Rückblick auf die Kindheit insgesamt chronologisch ist.

    Der Schluss ist dafür sehr schön geworden 🙂

  3. guinness44 schreibt:

    Ich kann der Frau Knobloch nur zustimmen. Was ein Jammer, wenn das verborgen geblieben wäre. Den drittletzten Absatz habe ich nicht richtig verstanden, aber es ist egal, da ich vorher bereits den kalten Sand „gespürt“ habe.

  4. wildgans schreibt:

    Jetzt stelle ich mir das vor. Laut gelesen von beispielsweise einer Katharina-Thalbach-Stimme oder Pluhar…..Käme gut! Altrockerhippiegipsyqueen- Madame.

  5. Herr Ärmel schreibt:

    Ich habe mich gerne in dem weiten Saal mit seinen stimmungsvollen Bildern umgeschaut. Rechtschönen Dank für die Ausstellung.
    Samstäglichschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  6. mickzwo schreibt:

    Ja, ein guter Text. Und wo wir schon bei Sgt. Pepper sind: der Song „Good morning Good morning“ passt für mich auch ganz gut zu diesem wunderbaren Text, der iwe auch immer in einem Aufbruch endet.
    Ich würde ihn auch gern rebloggen auf https://ernstzwo.wordpress.com/
    LG, mick.

    • rocknroulette schreibt:

      ich würde mich unheimlich freuen! sehrsehr gern!!
      (und sgt. pepper ist wirklich ein tolles ding… mir rumpelt jetzt grad „Being For The Benefit Of Mr Kite“ durch ohr)

  7. westendstorie schreibt:

    Vielen Dank für die schönen Zeilen am Morgen. Und ich lese so vieles was doch so anders ist und gleichzeitig so bekannt. Ich war nach 19 Jahren dann „erwachsen“ und verließ den sicheren Arm und ein festes Zuhause. Ein paar Jahre später hab ich mich immer noch nicht dran gewöhnt…
    Schön 🙂

      • westendstorie schreibt:

        Häufig bleibt der fokus einfach auf bestimmte Inhalte. Wie auch Paulette´s Überlegung:
        „davon wissen oder nicht.

        Und nun sitze ich jedes Wochenende allein zuhause. In meinem Haus, mit meinem Garten, mit meinem Hund. Meine Möbel, mein Geschirr, meine Blumenbeete. Oder unsere – wir haben ja beide dafür gezahlt, aber Marlon ist ja praktisch kaum hier. Ihn zu verlassen, wäre das eine – das hier aufzugeben, würde mir schwerfallen“

        Ich kenne genau selbige Gedanken. Das ist der Bezug zu ihr 🙂

        Knochenkale ist auch sehr geil. Zumal ich doch eine Knochenuschi gut kenne. Ihr bringen die Jäger das geschossene Wild und richtet die Trophäen. Endlich mal ein cooler Job 😀

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