Aus dem Archiv.

Ich habe meine Festplatte aufgeräumt und ein paar Textanfänge gefunden, deren Geschichten wohl nie geschrieben werden. Oder doch?

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Meine Eltern nannten mich Paulette – als Synthese aus Paul und Yvette, ihren eigenen Namen. Einige Jahre nach meiner Geburt stellte sich der Sinn dieser Sentimentalität heraus: In einem Anfall akuter Depression (denn nur so lässt es sich erklären), warf sich meine Mutter vor einen vorbeifahrenden Bus. Der Gedanke muss ihr plötzlich und zufällig gekommen sein, denn sonst hätte sie niemals zugelassen, dass sich mein Vater bei dem Versuch sie zu retten, ebenfalls ums Leben brachte. Von ihren Gesichtern habe ich nur noch eine verschwommene Vorstellung. Aber mit meinem Namen hatten sie mir wenigstens eine Erinnerung an meine Herkunft hinterlassen.

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Mein Mann ist bei irgend so einem Rockerclub, Beach Boys, Lady Boys… irgend sowas. Er ist der „Präsi“, als wenn das etwas wäre. Es bedeutet vor allem, dass er fast jedes Wochenende unterwegs ist. Ich weiß nicht, was er dann genau macht. Wenn ich mich an die Partys von früher erinnere, bedeutet es vermutlich, dass er erst betrunken mit aller Welt Streit anfängt, und dann im nächsten Stadium der Alkoholfreuden irgendwo rückwärts in die Büsche fällt. Na ja. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr, ihn da rauszuzerren. Bei der Bierplautze mittlerweile würde ich mir auch einen Bruch heben.
So viel zum lächerlichen Groschenroman meiner Ehe.

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Wir hocken am Meer, mit den Füßen in der Ostsee und scharren Sand zusammen für eine Burg. „Wenn du über dich klagen willst, bist du bei mir falsch“, Knochenkalle lacht. „Was willst du denn auch?“, er rückt ein paar Muscheln zurecht, Fenster sollen das werden, „du hast doch alles.“
Die Burg steht. Er rückt seinen Hut zurecht. „Gib dir Zeit, schreib deine Bücher“, sagt er, „Geduld ist das einzige, was dir fehlt.“

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32 Gedanken zu “Aus dem Archiv.

      • guinness44 schreibt:

        Nun, Du wirst eine erfolgreiche Autorin, schreibst mehrere Bestseller und verweist J.K. Rowling auf Platz 2, was die Einnahmen angeht. Mit Deinem Millardenvermögen gründest Du zwei Stiftungen. Die Yvette Stiftung zur Erforschung der Depressionen und die Paul Stiftung für Kinder, die früh ihre Eltern verloren haben. Durch Deine Popularität und die finanziellen Mittel bekommt das Thema Depression neue Aufmerksamkeit und es gelingt endlich der entscheidende Durchbruch, der es Millionen Menschen erlaubt ihre Lebensqualität massiv zu verbessern. Du bekommst den Literaturnobelpreis. Die von Deiner Stiftung geförderten Forscher bekommen den für Chemie und Medizin. Soll ich weiter schreiben?

      • rocknroulette schreibt:

        au ja, das klingt nach einer packenden story!!
        neinein, schon… also… ich… ganz verlegen… aber… danke! ich freu mich. und tatsächlich ist depression (neben der anti-hollywood-liebe) eins meiner leib-und-magen-themen. vielleicht wird es ja eines tages was. und wenn es so kommt, gelobe ich hiermit feierlich die gründung genannter stiftungen. amen!

    • rocknroulette schreibt:

      … wobei der anfang da wohl auch das ende ist. aber mal sehen, vielleicht fallen knochenkalle noch ein paar kleine weisheiten ein. und wenn ich nummer 2 schreibe, dann wird es definitiv der Lady Boys MC!! ich sehe die kutten direkt vor mir… in pink vielleicht? und kajal ist pflicht. muhahaha…

    • rocknroulette schreibt:

      schnafte 😀 was auch immer es heißen mag. vielleicht hat der rocknroller auch mal ne schnafte auf die schnuut verdient. ich überlege das noch. aber das hat vermutlich das größte weiterschreibpotential. mal schauen, was mir dazu einfällt!
      knochenkalle hat dagegen wohl alles gesagt.

      • kaetheknobloch schreibt:

        Mooooment. Ich wüßte doch zu gerne, wie Knochenkalle zu dem Spitznamen kam. Ist er der örtliche Bestatter, der einstmals den ersten Mann der Sandburgenbaufrau unter die Erde brachte, sich in die nunmehr alleinerziehende Mutter zweier wilder Rangen verliebte und im Dorf wurde bald getuschelt, er hätte nachgeholfen? Oder ist er der geschaßte Gruftie, der erst mit der Flucht in die große Stadt lernte, aufrecht seinen Hut zu tragen und anderen von seiner Kraft abzugeben, wie hier der ehemaligen Börsenfrau, die durch den letzten großen Crash zwar alles Vermögen verlor, doch ihre Freiheit wiedererlangte? Oder doch ganz andernst? Fragen über Fragen. Knochenkalle fetzt auf jeden Fall! So, nun mal ran an den Schreibtisch, Frau Rocknroulette.

    • rocknroulette schreibt:

      schreiben wollen will ich immer 🙂 oder doch fast. aber deine frage ist gut, die gefällt mir.
      und die antwort kann wohl nur sein, dass ich wollen werde, wenn die geschichten auch wollen. ohne zu wissen, wo das ganze hingehen soll oder ohne etwas sagen zu können… nein, dann lieber nicht wollen. dann bleiben sie lieber unvollendet.

      • Mountfright schreibt:

        Schreiben ohne zu wissen, wo das Ganze hingehen soll kann spannend sein – wer weiß, wo die Geschichten Dich hinführen. 🙂 Aber Du hast Recht – sie werden sich melden, wenn sie weitergeschrieben werden wollen.

        Vielleicht sind es übrigens auch gar keine drei Geschichten – vielleicht ist es eine? Ist mir mal passiert: Zwei uralte (je mehr als 10 Jahre zu dem Zeitpunkt), Anfänge / Fragmente sind in meinem Kopf plötzlich aufeinander zugerast, zusammengestoßen, verschmolzen – und dann war da etwas Stimmiges, mit dem ich arbeiten konnte / wollte / musste.

    • rocknroulette schreibt:

      ich glaube, dass der knochenkalle eigentlich alles gesagt hat – da ist der anfang wohl zugleich auch das ende.
      für den rocknroller könnte es weitergehen. bei paulette bin ich mir (seit knapp 11 jahren) nicht sicher 😀
      aber eigentlich liegen bei mir keine textanfänge rum – eigentlich wird alles geschrieben. daher sind die drei (oder zwei) eher eine ausnahme.

  1. ladyfromhamburg schreibt:

    Die erste Geschichte, die müsste weitergehen. Unbedingt! Ich hoffe, genauso wie einmal diese fesselnden Details und eine Art Beginn herausflossen, so sprudelt irgendwann die Fortsetzung … ^^

    LG Michèle

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