Westend: Zwischen Kiez und Ku’damm.

Wenn man im späten Schein des goldenen Novembers mit Frollein Wunder am Arm durch gelbe Blätter rauschend eine Wanderung in der Nachbarschaft unternimmt, erlebt man nicht nur untypisch freundliche Berliner, sondern entdeckt man eine Parallelstraße weiter die allerschönsten Dinge.

Meine schmucklose White-Trash-Straße hat am einen Ende den Lietzensee und am anderen  den Schlosspark. Dazwischen den Transen-Supermarkt (der gerade abgerissen wird, weil er alt und ein bisschen schrammelig war), meine ruhige Wohnung mit Spatzenbande im Hinterhof, einen Pudelfrisör, drei Spielcasinos und am hellichten Tag mit heruntergelassenen Hosen pinkelnde Frauen.

Und nur eine Parallelstraße weiter, in der Danckelmannstraße, gibt es das Kiez-Berlin, wie es charmanter nicht sein könnte. Da wandert man vorbei an Apotheken mit 50er-Jahre-Beschriftung, türkischen Gemüseläden und Frisören in Mengen, Nobel-2nd-Hand, Kneipen, gebrauchten Kinderklamotten, Änderungsschneidereien, Töpferdesign, african art, „Eier Butter Milch“, KiezFahrräder … da wachsen Platanen in blumenbepflanzten Umrandungen und sitzen die Menschen vor der Bio-Brotwerkstatt in der letzten Sonne.

Mittendrin finde ich alles, was ich zum Leben brauche: Im Supermarkt kassiert ein Weibsbild, das schon als Mann respektable 2×2 Meter Gardemaß erreichte, meinen Wochenendeinkauf. Danach bringe ich drei Paar Schuhe zum Schuhmacher – der unerwartet jung und attraktiv ist, mich erst wegen meiner „das sind aber meine Lieblingsschuhe!“-Panik auslacht und mir dann ganz ernst verspricht, das Beste für meine abgelatschten Schätze zu tun.

Auf der Suche nach Briefmarken entdecke ich einen völlig vollgequarzten Eckkiosk, in dem mir eine raucherhustende Omi nicht nur stinkende Zigarren und schicke Zigarillos verkaufen will, sondern auf maximal 4 m² auch noch Lottoscheine, Zeitungen, Zeitschriften und einen Brief- und Paketservice anbietet. Service mit einem strahlenden Lächeln und knarziger Berliner Freundlichkeit. „Sindse sicha, Frollein, dassse keene Tüte wolln.“ Ja, bin ich. Aber danke schön und bis zum nächsten Mal, wa.

Weiterwandern. Und hinein in einen winzigen Buchladen.
Berufskrank wie ich bin, steuere ich zielgerichtet gleich auf das gelbe Reclam-Regal zu und fische mir den gesuchten „Hamlet“ heraus. „Sie kennen sich ja aus,“ strahlt der Buchhändler,  „ich stell‘ Sie ein.“

Ich bin sehr geschmeichelt und kläre ihn über meine Vergangenheit auf. Als er hört, dass ich früher bei Lehmanns Buchhandlung am Ernst-Reuter-Platz gearbeitet habe, umwölkt sich seine Stirn. Buchstäblich. Ich weiß genau, dass er jetzt „schlechte Zeiten“ denkt.

Und um die noch ein bisschen von seinem kleinen Laden fernzuhalten, kaufe ich nicht nur den „Hamlet“, sondern auch noch das ein oder andere Romänchen bei dem freundlichen Buchhändler in der Nachbarschaft. Support your local dealer.

Was auch immer all die anderen Berliner heute am frühen Abend so glücklich gemacht hat. War es der warme November, in dessen angenehmen Temperaturen man sich für die Klimaerwärmung zu erwärmen beginnt (Wortwitz, ick traps dir) oder hat etwa jeder von ihnen eine singende Amsel im Hinterhof, so wie ich gerade?

Ich jedenfalls bin unsinnig glücklich in Westend.

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