John Allen: Capturing Ghosts.

Artwork(VÖ 04.11.2016) Hui, dieses Album startet rockig! Nach dem überwiegend sehr schwermütigen Vorgänger „Orphan Keys„macht mich das froh. Außerdem zeigt der Opener  zwei Dinge: Zum Einen, dass sich John Allen, der ja als One-Man-Wonder begonnen hat, sich auch in einem vollen Bandarrangement mit seiner Tour-Crew The Black Pages sehr wohl fühlt. Und apropos wohlfühlen – zum Anderen lässt mich „Good Times“ an Frank Turners Motto positiv music for negative people denken. Denn John Allen beschwört hier einmal mehr seinen Hang zur (sagen wir mal) Melancholie, während er musikalisch ganz andere, fröhliche Saiten aufzieht.

Weiter geht’s mit „Rain Won’t Change A Thing“ – OMG. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, denn dieser kleine Walzersong macht, dass ich fernwehmütig werde und nostalgisch und glücklich, und das alles zur selben Zeit. Ein echter John Allen eben.

Danach wird Platz gemacht für Geister und Dämonen: Die Ballade „Ghosts“ und der vor Minimalismus schon fast meditative Track „Darkness“ tun genau das, was ihre Titel vermuten lassen. Sie beschreiben, beschwören und umschweben düstere Sphären, in denen das Leben zum Gefängnis wird. Harter Tobak, doch John Allen zieht es durch und seine Stimme lotet bei dem schier endlosen „Darkness“ die Grenzen der Eintönigkeit bis an den Rand des Wahnsinns aus: Einen radiotauglichen Ohrwurm kann man das nicht eben nennen, wohl aber die exakte musikalische Umsetzung einer Depression. Respekt – und die Hoffnung, dass der nächste Song einen rettenden Gegenpol setzt.

Und „All This Time“ kracht tatsächlich wohltuend in die Stille – ist es Zufall oder hat John Allen mit „Capturing Ghosts“ etwa ein Konzeptalbum hingelegt? Nach Hoffnung klingt es noch nicht, aber die Resignation von „Darkness“ scheint dem Willen zum Kampf gewichen.

„Heart To The Earth“ ist geprägt von John Allens rauher, raumfüllender Stimme – und von zaghafter Hoffnung und Sehnsucht. Und weil ich es gern schwungvoll und monumental mag, ist auch dieses Stück eins meiner Lieblingsstücke auf dem Album. I’m gonna live where you just grow old – wenn das mal kein schönes Motto ist! Dasselbe könnte man übrigens über „Two Out of Three“ sagen. Hier hält Allen das Tempo nicht nur, sondern legt noch mal eine Schippe drauf: Im Rahmen einer Kneipengeschichte gibt es eine neue Geister-Weisheit darüber, dass man im Leben nicht immer alles haben kann.

„Discovering Ice“ dagegen ist nicht ganz mein Fall. Hier wird das minimalistische Konzept noch einmal bemüht, und in meinen Ohren klingt der sich langsam steigernde Aufbau des Liedes zu Beginn diesmal tatsächlich so – ein wenig bemüht und konstruiert. Wobei der instrumentale Teil sich Stück für Stück in einem strudelnden Sog verwandelt, der dann tatsächlich wieder Spaß macht, bevor er überraschend verklingt.

„Water Rising“- ein hypnotischer Bass, Regenrauschen, Sphärenklänge und eine weitere Variation des meditativen Beinahe-Sprechgesangs: Doch hier funktioniert es wieder, uneingeschränkt. John Allen zieht einen röhrend und mit einem teuflischen Lachen einen hinab in eine weitere Ebene seines düsteren Universums und man folgt. Gebannt und überwältigt.

„Pictures“ ist mit seinem locker-leichten Einstieg danach schon fast ein Schock – als wenn man aus einem rasenden Alptraum auftaucht und mit schweißnasser Stirn feststellt, dass man im eigenen Bett liegt, der Morgen graut und allesalles gut ist. Puh!

Pressefoto2

Gesamturteil: John Allen hat sich auch bei seinem vierten Studioalbum konsequent weiterentwickelt. Und zu meiner Freude konzentriert er sich dabei nicht auf die niederdrückende Schwere, die in „Orphan Keys“ anklang, sondern auf ein rundes Album, das nicht nur in die Tiefen seiner Seele führt – sondern auch wieder heraus. Es geht um den Sieg über die Dämonen. Selbst wenn der Sieg gar keiner ist, sondern eine Wanderung mit den Geistern, die John Allen begleiten und denen auch der Hörer für die Dauer eines Albums begegnen darf.

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11 Gedanken zu “John Allen: Capturing Ghosts.

  1. wolkenbrecher schreibt:

    Klingt interessant. Hat also immer ein Grundkonzept, der Herr Allen, das den den Grundton der gesamten CD bestimmt, wenn ich das richtig verstanden habe. Muss ich unbedingt mal reinhören. Es muss ja nicht immer Hardrock oder Heavy sein .. Danke!

    Willkommen bei den Montagslyrikern! – Einladung von Terence Horn und PPschen

    PP hatte die wirklich gute Idee, die Montagslyriker ins Leben zu rufen. Ein Projekt, um unsere Blogs bekannter zu machen und um uns untereinander besser zu vernetzen. Wir wollen mehr Leser für unsere Arbeit gewinnen und zeigen, was wir drauf haben.

    Die Idee: Wir bitten jeden Montag einen Lyriker um Beantwortung von fünf Fragen (Ich stelle euch natürlich erst ein wenig vor und bräuchte die Antworten bis spätestens Samstagabend, um alles entsprechend vorzubereiten):

    1. Nenne den Schmerz beim Namen. Wer ist der Dämon, der dich zum Schreiben verführte?
    (Der Mensch, die Muse, das Unglück)

    2. Wer dich kennenlernen will muss wissen, dass du …
    (Erzähl uns von deinen Macken, schlechten und guten Eigenschaften, von deinen dunklen Geheimnissen)

    3. Welche Götter verehrst du?
    (Künstler, die dich prägten, die du gerne liest oder empfehlen möchtest.)

    4. Was tust du, um dein Werk bekannt zu machen?
    (Lesungen, Poetry-Slams, Veröffentlichen in Zeitschriften, Büchern, Internet usw.)

    5. Und nun, zeige dich!
    (Mit bis zu zehn charakteristischen Werken, die du uns vorstellen magst. Mit einem Bild von dir? )

    Natürlich müsst ihr nicht alle Fragen beantworten, wenn ihr nicht wollt oder weicht einfach ein wenig aus. Wenn ihr wollt, könnt ihr auch Bilder schicken und natürlich einen Link zu eurem Blog. Ich kann zwar nicht garantieren, dass ich alles veröffentliche, aber ich gebe mir Mühe.

    Bitte setzt auch auf eurem Blog einen Link zu dem Artikel, damit wir alle von der Veröffentlichung profitieren und vielleicht auch auf den ein oder anderen Artikel von einem Kollegen oder einer Kollegin.
    Wir sind gespannt, wie sich die Montagslyriker entwickeln. So oder so ist ein Projekt, mit dem wir Spaß haben werden und neue, interessante Leute kennenlernen.

    Wir freuen uns auf deine Werke!

    Terence Horn
    http://terencehorn.com

  2. wolkenbrecher schreibt:

    LG: Jeden Montag um 19 Uhr (heute auch) wird ein anderer Lyriker vorgestellt. Du bist also nie zu spät: Kann nur sein, dass deine Veröffentlichung etwas später kommt, weil sich schon einige angemeldet haben. Aber an einem der nächsten Montage könntest du drankommen ..

  3. wolkenbrecher schreibt:

    PS: Mein Kumpel Terence hat mir grad mitgeteilt, dass wir schon länger gebucht sind. Du hast also noch Zeit, dir was textlich auszudenken. Wir halten die Stellung solange und geben erst auf, wenn der letzte Text veröffentlicht ist. Du hast also noch Zeit, dir was auszudenken. Dann schreibe halt endlich Lyrik. Ich liebe dich, du schöne Frau .. ❤

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