Liebe auf dem Tanzflur oder Familientradition soll man nicht brechen.

In meiner Familie lernt man sich beim Tanzen kennen.

Der Mann und ich sind uns so begegnet, meine Eltern haben es Ende der 60er beim Diskoabend der Tanzschule vorgemacht (obwohl ich mir wirklich nicht vorstellen kann, dass mein motorradfahrender Herr Papa mal das Tanzbein geschwungen hat) und die Geschichte der Urahnen kölnischerseits war ähnlich: Der Bär lernte sein Funkenmariechen auf dem Tanzboden kennen und sie erfuhr erst auf dem Standesamt – hochschwanger -, dass der stattliche Typ mit dem furchteinflößenden Backenbart lockere fuffzehn Jahre mehr auf der Latte hatte als sie mit ihren zarten 21. Nun ja. Sie waren lange verheiratet und die erste Schwangerschaft war nicht die letzte.

Ihre Tanzfreude haben der Bär und seine Frau auch an ihre Kinder vererbt. Mein Opa liebte wohl nur das Fußballspielen mehr. Und deswegen war er auch während der Gefangenschaft bei den Briten in jedem Tanzsaal zu finden, den der Weltkrieg noch halbwegs heil gelassen hatte. Dort traf er auch meine Oma.

Dass sie einmal seine Frau werden würde, davon waren die beiden beim Erstkontakt noch weit entfernt. Es gab einen Tanz, jawohl, doch als mein Opa noch mal nachlegen wollte, wurde das Frollein zickig: Sie sei schon versprochen.

Mein Opa zuckte die Schultern und weil auch kein anderes Dämlein tanzen wollte, setzte er sich zu seinen Jungs an den Tisch. Über Fußball reden konnte man schließlich auch noch. Doch die Rechnung ging nicht auf. Plötzlich stand nämlich das zickige Frollein wieder neben ihm und sagte: „Darf ich bitten?“

Mein Opa kichert, als er mir beschreibt, wie er sie von oben bis unten betrachtet hatte. Und dann kriegsstumpenschmauchend „nö“ sagte. Einfach „nö“. Um ein Haar wäre die Geschichte meiner Familie hier zu Ende gewesen. Doch wenn meine Oma was will, dann kriegt sie es auch: „Damenwahl!“, sagte sie. Und weil mein Opa als Ex-Soldat nicht nur Befehle gewöhnt, sondern von seiner Mutter auch gut erzogen war, fügte er sich.

„Und das war’s.“ Mehr ist heute nicht aus ihm rauszukriegen.

Meine Oma hat noch eine zweite Geschichte zur jungen Liebe auf Lager. Und die dreht sich darum, wie sie mit meinem Opa frischverbandelt ein Konzert ihres Bruders besuchte (denn der spielte Kontrabass beim renommierten Heinz Both) und danach in der abziehenden Menge ihre Eltern entdeckte.

Mit einem unbekannten Verehrer hätte sie sich vielleicht noch dünne machen können. Doch mein Uropa kannte meinen Opa bereits – natürlich vom Fußball. Er winkte das junge Zitterpaar heran und lud meinen Opa zum Mittagessen ein.

Sagte ich das mit dem gewohnten Befehlston schon? Dazu kam der Hunger des Lagers, meine liebreizende Oma und meine freundliche Uroma. Kurz: Mein Opa ging mit. Und alles, was meine Oma denken konnte, war: „Oh Gott, hoffentlich schmatzt der nicht!“

Tja. Hier bin ich. Er hat wohl nicht geschmatzt.

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9 Gedanken zu “Liebe auf dem Tanzflur oder Familientradition soll man nicht brechen.

  1. Nika schreibt:

    Schön, wenn sich diese Geschichten in der Familie halten und weiter getragen werden. Wie sich meine Eltern kennengelernt haben weiß ich, bei den Großeltern wird das schon schwierig. Aber an das Grinsen und „Ach…“ Mit geröteten Wangen meiner Oma, auf die Frage, ob die anderen Mädels nicht neidisch waren, das sie den Opa geheiratet und somit vom Markt genommen hat, werde ich mich ewig erinnern. Denn natürlich waren die Mädels neidisch, schließlich war der Opa ein stattlicher, groß gewachsener blonder junger Mann mit stahlblauen Augen. Das Hochzeitsfoto wie aus Hollywood.

    Man sollte sich doch manchmal mehr „von früher“ und aus der Familie erzählen lassen. Ist doch immer wieder schön,Traditionen aufzudecken, oder Familiengeschichte weitergeben zu können.

    Schön, dass du sie auch mit uns teilst. Süße Geschichte.

    • Sabine Wirsching schreibt:

      ich versuche alles zu sammeln, was meine großeltern erzählen. viele geschichten hat man ja schon tausend mal gehört, aber seitdem sie mitbekommen haben, dass ich ihre stories in „diesem internet“ sammle, graben sie öfter noch mal was neues aus.

  2. eimaeckel schreibt:

    Ich liebe deine Familiengeschichten. Man spürt, dass du die Menschen in deiner Familie mit ihren Schwächen und Größen liebst -und geliebt wirst. Fast möchte ich glauben, dass es ein Familienleben ohne Abgründe geben kann. „Unter jedem Dach ein „Ach“, sagte meine Schwiegermutter mal. Sie musste es wissen, als Frau vom Jugendamt.

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