Doppelrezi! Volbeat: Seal The Deal & Let’s Boogie.

In guter Valve-Tradition teilen der fabulöse Oliver Rogoll und ich uns mal wieder ein Volbeat-Mammut-Review-Slot. Gespalten und doch vereint, sozusagen.

volbeat-seal-the-deal-and-lets-boogie-992x560(VÖ 03.06.2016) Volbeat, oh du mein Sorgenkind… ich gestehe, dass ich mich kaum traue, das neue Album anzuhören. Entdeckt habe ich die Dänen 2007 im Radio – natürlich passenderweise mit „Radio Girl“ vom zweiten Album „Rock The Rebel / Metal The Devil“.

Da wurden sie von den Fans der ersten Stunde bereits als zu poppig gescholten – doch ich muss gestehen, dass mich ihr Debüt „The Strength / The Sound / The Songs“ etwa ab der Hälfte in die düsteren Arme der Melancholie treibt. Das zweite Album dagegen macht mich froh und tanzlustig – genauso wie das großartige „Guitar Gangsters & Cadillac Blood“, das vierte Album „Beyond Hell / Above Heaven“ und das wahnsinnige Live-Album. Wow.

Volbeat konnten mein Herz erfüllen mit ihren Geschichten, ihren Melodien und gigantischen Shouts. Jedes Album war noch ein Stückchen besser als der Vorgänger, noch ein bisschen gekonnter – und ein wenig glatter.

Die Frage ist: Wann ist es zu „gekonnt“? Kann es überhaupt zu „gekonnt“ sein? Kann man einer Band vorwerfen, wenn sie lernt, Ohrwürmer zu produzieren, die nicht nur Radio Girls wie mich anziehen, sondern die gesamte Boss-Hoss-Fraktion begeistert?

Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich „Outlaw Gentlemen & Shady Ladies“ nur für den Review gehört habe – und danach nie wieder. Halt, stopp – gelogen. Neulich hab ich es nochmal versucht. Aber irgendwie geht es nicht mehr. Keine Überraschungen, kein Rauheiten mehr… die Mischung aus roher Kraft und Charme war für mich verschwunden.

Und jetzt liegt „Seal The Deal & Let’s Boogie“ vor mir und ich traue mich nicht.

Egal. Los geht’s. Let’s Boogie – vielleicht funktioniert dieses neue Volbeat-Album ja abseits aller Erwartungen.

„The Devil’s Bleeding Crown“ gab’s ja vorab schon zu hören. Ordentlich Gitarrenrums, ein Hauch von Lärm… doch, mit diesem Song kann man sich trotz teils recht vorhersehbarer Melodieführung wohlfühlen. Und ein wenig Überraschung ist auch dabei. Gut. Weiter so!

„Marie Laveau“ ist dagegen ein bisschen langweilig. Und „For Evigt“ – oh weh. Das werden die Seniorensender rauf und runter spielen, wenn wir mal alt sind (habe ich das jetzt wirklich gesagt?). Bis auf die rotzigen Gitarren klingt jetzt schon nach Schlager, da können auch Johan Olsen von Magtens Korridorer und die Banjo-Einlage nicht viel ausrichten (auch wenn die zugegebenermaßen witzig ist).

Und dann kommt endlich „Let It Burn“: Der Anfang allein berührt Herz & Ohr, wie nur Volbeat es kann. Okay, es ist nicht mehr frisch und überraschend – wie soll es das auch, nach mehreren Alben? Aber es ist gut, es funktioniert für mich – es ist das, was Volbeat für mich ist. Für das nächste Stück „Black Rose“ haben sich Volbeat mit einem anderen meiner Lieblingsmusiker zusammengetan, dessen Frische und Originalität auf seinen letzten Alben auch ein wenig nachgelassen hat. Doch mit Michael Poulsen fetzt Dankko Jones – nicht so dreckig wie manchmal und etwas knapp, aber er holt die volle Volbeat-Power zurück.

Langsam werde ich optimistischer, was „Seal The Deal“ angeht. Und weitgehend zurecht.

Es ist nicht alles neu (eigentlich gar nichts), manche Songs sind sehr hübsch („Goodbye Forever“), manche richtig gut („Seal The Deal“ und das Georgia-Satellites-Cover „Battleship Chains“), andere kommen einem vor wie zweite Aufgüsse (so geht es mir etwa bei „Rebound“, das wie eine langsame Version von „Thanks“ daherkommt), aber das Album insgesamt ist okay. Gut. In Ordnung. Ohne den albernen Backgroundchor wär’s vielleicht sogar noch besser als das.

Dass nicht alles neu klingt, liegt nicht an Volbeat – das liegt an der Zeit. An all den Songst und Alben, die sie schon aufgenommen haben. Doch dass sie von der Road to Pop wieder abgewichen sind, ist sehr wohl ihr Verdienst. Kurz: „Seal The Deal“ ist kein Vergleich zu „Guitar Gangsters“, aber eben auch kein Vergleich zu „Outlaw Gentlemen“. Und das ist wirklich sehr gut.

… und weiter geht’s mit Oliver!

Beinahe ebenso wuchtig wie ein ’59er Cadillac DeVille kommt nun also Volbeat-Opus Nummer Sechs in die Plattenläden gebrettert. Unter der ausladenden Karosserie mit dem gewohnt sperrigen Albumtitel blubbert auch diesmal wieder verlässlich groovender Heavyrock mit reichlich Route-666-Attitüde. Der bullige Volbeat-V8 beschleunigt auf immerhin rund 50 Minuten Musik. Und die ist (wie gehabt) so fett produziert wie die glänzende Pomade im Haar des Mannes, der auch nach 15 Bandjahren immer noch fest am Steuer sitzt: Bandgründer und Leadsänger Michael Poulsen.

Dieser setzt den bereits auf den vorhergehenden Alben eingeschlagenen Kurs unbeirrbar fort. So lenkt er sein Sound-Fahrzeug wieder ein Stück weiter in Richtung der breiten Mainstream-Highways, fernab der in früheren Jahren eingeschlagenen Kopfstein- und Schotterpisten.

Schon immer war Volbeat eine Band, bei der Blue Jeans und Petticoats einträchtig nebeneinander auf der Rückbank Platz genommen haben. Dem 50er-Jahre-Sound sowie den Wildwest-Ausritten in der knallharten Verpackung konnte man gleichermaßen viel abgewinnen. Die melodiöse Bereifung scheint jetzt jedoch mehr denn je dem glatten Straßenbelag der US-Charts angepasst: So grobstollig profiliert wie noch zu Anfangszeiten kommt „Seal The Deal“ nicht daher. Hier dürfte vor allem das für härtere Musik bisher noch nicht empfängliche (weibliche) Fanlager vermehrt am Straßenrand den Daumen recken, um auf das Volbeat-Gefährt aufzuspringen.  Und auch der eine oder andere Song wirkt eher wie zum dritten Mal behelfsmäßig überlackiert und kann kaum verbergen, dass sich in Sachen Songwriting offenbar erste leichte Korrosionsspuren am Unterboden bemerkbar machen.

Den gewaltigen Heckflossen eines Ami-Schlittens gleich schneiden sich jedoch auch auf dem neuen Werk immer wieder messerscharfe metallische Riffs quer durch die musikalische Seichtheit. Außergewöhnliche Instrumentierungen und Arrangements fungieren als blinkende Chromteile, eingängige Hooklines sorgen für eine optimale Stauraumnutzung in Punkto Textsicherheit beim nächsten Konzert. Und hier und da deutet auch der potente Motor seine einstige Drehzahlfreudigkeit an und animiert zu anhaltend rythmischem Kopfkreisen.

Volbeat setzen bei der Modellpflege im Jahr 2016 zwar verstärkt auf Rundungen statt Kanten, bleiben sich aber im Kern zumindest treu. Solange sich also  Antrieb und Fahrwerk mit kleinen Abstrichen eines quasi scheckheftgepflegten Zustandes erfreuen, kann es einem doch eigentlich egal sein, dass die Karosserie nach und nach vom Liebhaberstück zum Massenvehikel getrimmt wird.

Was sollte man vor Fahrtantritt sonst noch wissen? Der Kopenhagener Straßenkreuzer muss ja bekanntermaßen alle paar Jahre zum personellen Boxenstopp und erlebte erst kürzlich seinen mittlerweile fünften Besetzungswechsel (diesmal am Bass). Ein klares Indiz dafür, dass Frontmann Poulsen die Gänge recht ruppig durchschaltet und wenig Rücksicht auf das Bandgetriebe nimmt, wenn es um die Unantastbarkeit seines Fahrstils geht. Außerdem darf sich der mittlerweile fest zum Volbeat-Inventar gehörige Ex-Anthrax-Leadgitarrist Rob Caggiano wie schon beim Vorgängeralbum wieder vorne auf dem Beifahrersitz platzieren und sich parallel zum Saitengezupfe erneut mit den Reglern am Studio-Mischpult befassen.

Der Zündschlüssel dreht sich und Anspieltipps gibt es gleich zur Genüge: Schon auf den ersten Metern der Strecke lässt der Opener The Devil’s Bleeding Crown geradezu Feuer aus den Auspuffrohren schießen. Er erfasst den Hörer frontal mit seinem stampfenden Grundrythmus und Michael Poulsens vibrierenden Shouts, die einem stark überdrehten Motor gar nicht so unähnlich sind.

Auch die zweite Singleauskopplung des Albums, das mit dänischen Textpassagen getunte For Evigt, kann mit einer gefälligen stromlinienförmigen Komposition aufwarten, bei der Gastsänger Johan Olsen gekonnt noch ein paar Sägespäne auf den Zuckerguss der Refrainzeile raspelt.

Es schließen sich 1-2 Fehlzündungen an, ehe die Scheibe bei Black Rose erneut dank der Stimmgewalt eines Studiogastes auf die Überholspur gebracht wird: Diesmal ist es kein geringerer als die kanadische Rockröhre Danko Jones, der da seine Parts druckvoll ins Mikrofon bellt.

Direkt im Anschluss setzt das im Ramones-Gewand daherkommende Coverstück Rebound wieder den Blinker auf die mittlere Spur und bearbeitet die Nackenmuskulatur des Hörers mit breitbeinigem Midtempo-Punkrock-Groove.

Goodbye Forever ist für alle Leute gedacht, die im Auto gern die Musik aus dem Radio lautstark mitgrölen: Die Nummer lebt vom banal-poetischen Refrain und der Mitsing- und Mitklatschatmosphäre, die durch den Hintergrundgesang des Harlem Gospel Choirs noch zusätzlich verstärkt wird.

Umso besser, dass man beim nachfolgenden Song Seal the Deal dank dröhnender Riffs und hohen Tempos schon nach wenigen Sekunden wieder reichlich Benzin im Blut spürt. Das Rhythmusspiel des Songs kommt den früheren Werken der Elvis-Metaller auf diesem Album (abgesehen vom ebenfalls recht knackigen und mit schottischen Dudelsäcken gepimpten Schlusstrack The Loa’s Crossroad) noch am nächsten.

Im letzten Drittel des Longplayers ist es dann erneut eine Coverversion, die für ein Ausrufezeichen und ein letztes Aufheulen des dänischen Big Blocks vor der Zieldurchfahrt sorgt. Battleship Chains pendelt irgendwo zwischen Karnevalsfeier-Gassenhauer und Status Quo-Memorial-Ode. Im sonorigen Volbeat-Soundgewand macht er aber dennoch irre viel Laune – der kompositorischen Schlichtheit und dem stark untermotorisierten Grundbeat zum Trotz. Vor dem geistigen Auge sieht man die seligen Massen bereits wild Polonaise tanzen, sobald dieser Song auf künftigen Konzerten zum Besten gegeben wird.

Alles in allem ist es eine unterhaltsame und kurzweilige Ausfahrt, bei der allerdings auf einigen Streckenabschnitten ein wenig die Luft aus den extrabreiten Weißwandreifen entweicht. Auf den kurvigen Strecken der europäischen Rock- und Heavyszene scheint der Bolide aufgrund nachlassender Innovationsfreude und Vermeidung allzu agressiver Drifts nicht mehr ganz so gut zurechtzukommen, für Geradeausfahrten durch die amerikanischen Radioplaylists eignet er sich dafür umso besser und auch hierzulande dürften der Scheibe etliche Einheitsbrei-Hörfunkminuten sicher sein.

Fazit: Aber auch mit der einen oder anderen schwerwiegenden Schnulzenmelodie im Kofferraum läuft das Volbeat-Schlachtschiff keineswegs Gefahr, von der Straße abzukommen. Sobald sich nach dem ersten Durchhören der Geruch des verbrannten Gummis auf dem Asphalt gelegt hat, bleibt sogar das ganz schwache Gefühl, dass die neue Volbeat-Platte wieder ein klein wenig kerniger und mutiger geraten ist als noch der für viele Fans der ersten Stunde weitestgehend ernüchternde Vorgänger.

Und rein handwerklich betrachtet steht Volbeat sowieso für unverändert gut gemachte, eingängige Rockmusik mit hohem Unterhaltungsfaktor und starker individueller Prägung.
Um es auf den Punkt zu bringen: Ein paar Beulen im Kotflügel und blinde Flecken im Lack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter der Motorhaube nach wie vor ein kraftvolles Herz schlägt.

Also genau die richtige Musik für all jene, die schon von Kindesbeinen an davon träumen, mit einem PS-strotzenden Musclecar über die Landstraßen in Richtung Sonnenuntergang zu heizen, auch wenn in der Einfahrt vor dem Haus nur ein schnöder Passat Kombi mit mausgrauem Anstrich steht.

Oder anders gesagt: Wer der neuesten Volbeat-Scheibe etwas abgewinnen will, muss einfach mal komplett auf die genretechnische Einparkhilfe verzichten und sich damit arrangieren, dass die Straßenlage des Albums bisweilen eher komfortabel als sportlich ausgefallen ist und für Adrenalinjunkies nur bedingt etwas zu bieten hat. Hat man diesen Schalter im Kopf aber erst einmal umgelegt, macht das Teil auf Anhieb richtig viel Spaß und verdient es absolut, nicht nur für Schönwetterausfahrten aus dem dem Plattenschrank geholt zu werden.

Randnotiz vom Standstreifen: Absolut sparen kann man sich den Erwerb des Digipacks mit Bonus-CD. Denn als einziges Highlight enthält der zusätzliche Silberling die bitterböse dahingerotze, aber extrem kurze Abrissbirne Slaytan.

Es folgt eine Alternativversion des bereits als For Evigt bekannten Songs von Scheibe Eins namens The Bliss, die unverständlicherweise statt dänischer Texte nur profane englische Lyrics zu bieten hat und zudem noch der Gesangseinlagen von Johan Olsen und somit ihrer Hauptzutaten beraubt wurde.

Die ebenfalls bereits gehörte Nummer Black Rose gibt es anschließend in einer scheinbar testikelfreien Fassung zu hören, was der (auch hier nicht nachvollziehbaren) Entfernung der von Danko Jones beigesteuerten Textpassagen zu verdanken ist. Und ganz am Ende gibt es dann noch eine nette, aber im Gesamtkontext doch eher unspannende Live-Variante der Single The Devil’s Bleeding Crown. Kurz: Viel zu wenig für die zusätzlichen Euros, die man vielleicht doch besser in einen stilechten Martin & Lewis-Milchshake investieren sollte, den man sich dann beim Anhören der Standard-CD genehmigt.

Wertung: 7/10

 

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6 Gedanken zu “Doppelrezi! Volbeat: Seal The Deal & Let’s Boogie.

  1. Nika schreibt:

    Volbeat hat eine so große Bandbreite an Musikgenres in ihren Songs, dass es meines Erachtens kaum möglich ist wirklich alles zu mögen. Die frühen Alben sind spitze, da war alles noch neu und aufregend, später kommt der Erinnerungseffekt und es ist eben weniger neu und aufregend. Trotzdem mag ich die Mischung und vorallem die rockigen Songs mit ordentlich Wums immer wieder gerne und freue mich auf das Konzert heute Abend. Hatte bisher nicht das Vergnügen die Jungs live zu sehen und bin daher sehr gespannt was mir geboten wird.

  2. Censay schreibt:

    Ich schließe mich da an. Ganz okay. Solide. Datt Schnitzel (natürlich Tofu für die Veganer) unter den Alben. Lecker und bestimmt net auf der Tanzfläche aber keine mega Songs zum in Schleife hören.

    Und for evigt habe ich glaub ich nicht einmal zuende geschafft. . .

    • Sabine Wirsching schreibt:

      … was kein verlust ist 🙂
      als schnitzel ist es auch nicht unbedingt das feine, selbstpanierte mit der wellig-knusprigen panade – sondern das industriedingsda aus der friteuse. aber mit frischem fett und netten beilagen…
      auf jeden fall fallen einem viele metaphern dazu ein 😀

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