Save Champagne, drink water!

pablo (1)

Als ich den Mann vor vier Jahren auf einem Festival traf, war das Romantik pur: Ich erinnere mich an einen pöbelnden Kerl im Unterhemd, der mich äußerst abweisend behandelte, während sein Kumpel mit dem Kopf auf dem Tisch lag und schlief. Als wir uns ein halbes Jahr später richtig kennen lernten, war er mindestens genauso voll – aber deutlich zuvorkommender. Jetzt ist der Mann immer noch Gentleman, aber seit fast einem halben Jahr nüchtern. Denn nach den Wirren des letzten Jahres fand er eine Pause angemessen und hat außerdem einen neuen Sport entdeckt, zu dem Alkohol ganz und gar nicht passt.

Ich war bei unserem ersten Treffen nüchtern und beim Kennenlernen auch, weil ich eigentlich immer nüchtern bin. Denn Alkohol macht mich kurz albern und anlehnungsbedürftig, dann werde ich kratzbürstig, asozial und bin des Gleichgewichts nicht mehr mächtig. Zwischen Phase 1 und 2 liegt etwa ein Bier. Mehr vertrage ich nämlich nicht. Dass ich nicht trinke, finde ich normalerweise überhaupt nicht schlimm: Ich kann äußerst preisgünstig feiern gehen, habe keinen Kater und wache – wenn gewollt – immer im eigenen Bett auf.

Was an der Nüchternheit manchmal störend wirkt, ist etwas anderes: In unseren Breitengraden gehört Alkohol dazu, um gesellschaftsfähig zu sein. Damit meine ich nicht meine Freunde. Viele von ihnen genießen es sogar, dass sie mit mir im Schlepptau selber im niedrigen Promillebereich bleiben. Mit Fremden wird es schwieriger: Entweder muss man als rothaarige, tätowierte Punkrockbraut wortreich und wiederholt erklären, wieso man den Klischees einer solchen nicht entspricht – oder der Kontakt beschränkt sich auf ein: „Komm, wir holen uns erst mal einen Sekt! Ach, du… nicht? Na ja, macht ja nichts. Find ich toll! Aber da hinten sehe ich gerade den Dings, ähm… komme gleich wieder!“

Okay, ich gebe zu, dass ich mir diesen Monolog-Dialog gerade ausgedacht habe. Tatsächlich ist es so, dass es die alkoholbedingte Lässigkeit und Verkumpelung ist, die mit einem Nicht-Trinker niemals eintreten kann. Sei es auf einer Party, mit Kollegen oder zwecks Kontakteknüpfen auf Buchmessen oder wo auch immer. Durch diesen Kaninchenloch fallen nur die von Natur aus Quatschigen – oder die, mit Alkohol nachhelfen (können).

Doch wenn ein Klischee zu mir passt, ist es wohl (leider?) eher das des introvertierten Schreiberlings. Nicht die schlimmste Schublade, möchte ich meinen. Und der Mann? Der braucht wohl auch ein neues Klischee, wenn wir auf unsere Hochzeit statt mit Champagner und Berliner Luft mit einem feinen Glas Wasser anstoßen.

 

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12 Gedanken zu “Save Champagne, drink water!

  1. Censay schreibt:

    Wenn man beginnen würde, auf die Frage „warum trinkst du denn nicht?!“ (Unglauben bitte dazulesen) mit „warum trinkst du?“ Zu antworten, wäre man recht schnell als jene Art Mensch verschrien, die keinen Spaß versteht.
    Sich zu rechtfertigen kann da durchaus sehr mühselig sein.
    Auf der Tanzfläche sind es mitunter amüsante Blicke, die man erntet wenn man seine Nüchternheit zum (wohl artikulierten) Ausdruck bringt 😉

    Fein zu lesen, dass es auch anderen so geht. Auch rothaarigen Rockergörlz 😉

    Und es gibt nebenbei auch sehr leckeren nichtalkohiloschen Sekt. Kommt dann meist sogar besser an 😉

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