Liebe. Trotz Zeiten der Cholera.

Meiner Generation wird nachgesagt, dass wir gern hinschmeißen. Am liebsten bei Beziehungen: wenn die Glückshormone des Frischverliebtseins nachlassen oder wenn es das erste Mal schwierig wird.

Meine persönliche Theorie ist, dass Hollywood uns die Vorstellung von 100%iger Partner-Perfektion rund um die Uhr eingetrichtert hat. Dabei wird uns abseits von Schönheitsidealen selbstfindermäßig vermittelt, dass wir selbst durchaus wir selbst sein dürfen und ruhig auch mal schrullig. Individuell eben – auch das ist ein Hollywoodthema. Was sich aber nicht geändert hat, ist die Vorstellung, dass Mr. Right perfekt sein muss. Im Gegenteil: Ein Partner muss so ideal sein, dass er die eigene Nicht-Perfektion ausgleicht.

In der Frühphase kommt das oft sogar hin. Im hormonellen Überschwang reiben sich Ecken und Kanten glatt – und wo sie nicht glatt sind, sind sie immerhin spannend und aufregend und machen den anderen zu etwas ganz Besonderem. Bei Hollywood fällt an dieser Stelle der Vorhang. Happy End, wo eigentlich erst alles anfängt.

Im echten Leben gibt’s keine Vorhänge. Stattdessen gibt es einen Abfall des Hormonspiegels. Plötzlich ist es nicht mehr lustig, dass der Liebste nach jedem Essen „Alle meine Entchen“ rülpst. Plötzlich ist es unaufmerksam, dass er mit dem Handy daddelt statt sich Alltagsbüro-Geschichten anzuhören, und machomäßig unfeinfühlig, wenn er Sex will, wenn man sich grade ausgehfein geschminkt hat. Und so weiter, und so fort. Wenn der andere vom Besonderen zum Menschen wird, wundern wir uns. Was habe ich an dem nur gefunden?!

Zu unserer Ehrenrettung muss man sagen, dass der Alltag das mit sich bringt. Der Alltag bringt Verdauungsprobleme, Eigenleben, unvereinbare Schlafenszeiten und Interessen, unterschiedliche Vorstellungen von sauber und dem richtigen Timing, Bedürfnisse, Wünsche, Faulheiten, Marotten, Ticks, Macken… kurz, die ganze schöne Scheiße, die einen Menschen so ausmacht. Romantisch ist allerdings anders. Das denken sich auch die Schmetterlinge im Bauch und ohne dass man es merkt, machen die kleinen Mistviecher die Biege.

Wir bleiben zurück, ohne rosarote Brille, die einem die nackte Persönlichkeit des anderen ertragen hilft. Vielleicht könnte man sich zusammenreißen, resignieren, weitermachen – so wie das früher war, als man einen Mann fürs Leben und gefälligst die Klappe zu halten hatte, weil eine Trennung die schlimmste Schande von allen war. Schlimmer als „Alle meine Entchen“, Kramnachtragen und wöchentliches Stillhalten am Samstagabend.

Im 21. Jahrhundert ist die größte Schande, wenn man etwas erträgt, das man nicht ertragen muss. Wenn wir deswegen dem folgen, was man unserer Generation als Dauerimpuls vorwirft, dann heißt es an dieser Stelle: Rette sich, wer kann! Oder anders: Losgehen und wieder nach dem Zauber suchen, der dem Anfang innewohnt. Immer in der Hoffnung, dass der Nächste – der Neue – diesmal alles hält, was der Zauber verspricht.

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Warum ich das schreibe? Weil ich selber dem Ruf des Zaubers gefolgt bin, und zwar mehr als einmal. „Ich halt’s nicht mehr aus“ und „beim Richtigen wird alles besser“ war immer eins. Ich hab Richtigen-Merkmale gesammelt wie kleine Mädchen Glitzersticker.

Das allein wäre noch in Ordnung gewesen: Dass man nicht mehr jeden x-beliebigen Typen landen lässt, weil er ein nettes Lächeln hat, sondern Interessen, Kommunikationsfähigkeit, psychischen Zustand und Zukunftspläne abgleicht – das halte ich durchaus für eins der netteren Anzeichen von Erwachsenwerden.

Fatal ist allerdings, wenn Merkmale wie „aufregend“, „spannend“ oder gar (puh!) „seelenverwandt“ mit in der Merkmalskiste landen. Ich gebe zu: Das sind die Glitzersticker, die jedes Mädchen in seiner Sammlung haben will – die ganz großen Glanzstücke. Aber meistens sind sie nicht echt. Oder falls „echt“ nicht das richtige Wort ist, dann halten diese Hormonkicks doch nicht auf Dauer. Spannung ist das, was sich am schnellsten abnutzt, wenn Neues bekannt wird; Seelenverwandtschaft das, was im Alltag am schnellsten auf der Strecke bleiben kann.

Stattdessen kriegt man: Streit um jeden Scheiß, während im Hintergrund das eigentliche Problem brodelt. Langeweile. Das Gefühl, dass man seine Lebensfreude retten muss, koste es, was es wolle, weil das hier doch bitte-bitte-bitte noch nicht alles gewesen sein darf! Alles zusammen: furchtbar.

Genau das hatten wir. Alles zusammen.

Also hingeschmissen, gerannt und neu angefangen. Du, und ich auch,und  jeder von uns ungefähr tausend Mal und immer wieder aufs Maul gefallen. Bis endlich etwas knackte in meinem Glitzerstickerkopf: Neu bedeutet nicht zwangsweise besser. Das war der Satz, mit dem alles in Bewegung kam. Vorher war ich einfach immer nur immer wieder aufs Karussell gestiegen, immer im Kreis. Mit der Erkenntnis wurde aus dieser Vorwärtsillusion endlich auch ein Vorwärts.

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Mein großes Glück dabei: Du warst noch da.

Das noch größere Glück: Wir hatten auf Umwegen dieselben Erkenntnisse gehabt. Und die Tatsache, dass wir auf diesen Umwegen nichts Besseres als einander gefunden hat, klingt zwar nicht nach Kompliment – ist aber eins. Und zwar das Größte, das wir machen können.

Eine Freundin hat mal gesagt: „Mit jedem wird’s irgendwann scheiße, ist also egal, wen du heiratest.“ Ich liebe sie für diesen Optimismus. Tatsächlich bist du der, mit dem ich das Irgendwann am liebsten vorm Scheißesein bewahren möchte. Der einzige, dessen Probleme, Macken und Ängste mich wirklich interessieren. Mein letzter Pflegefall.

Dass du der Beste bist, macht manchen Kleinscheißstreit überflüssig. Abgesehen davon, dass wir uns für den anderen einiges vom eigenen Kleinscheiß auch einfach mal abgewöhnen. Weil er unnötig geworden ist. Genau wie die Suche nach dem Besseren im Fernen. Ich möchte lieber finden. Und zwar im Hier & Jetzt. Mit dir.

Ich habe JA gesagt. Nach Zeiten der Pest & Cholera. JA, unterm Riesenrad, weil das genauso rauf und runter geht wie das Leben. JA, weil ich jetzt weiß, dass wir alles schaffen können, wenn wir nicht hinschmeißen… with something old, something new, something borrowed, something blue and a lucky six-pence in our shoe.

 

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24 Gedanken zu “Liebe. Trotz Zeiten der Cholera.

  1. Sofasophia schreibt:

    Oh, also richtig mit Heiraten und so? Wow. Gratuliere. (Obwohl ich selbst ja nicht mehr wirklich an die Ehe glaube:) An die Liebe glaube ich mehr denn je.
    Möget ihr einander bis ans Ende eurer Tage lieben.
    Yesss!

  2. Mme Contraire schreibt:

    Dein Text gefällt mir richtig gut. Und das „Fazit“ daraus noch besser. Ich wünsche dir – euch – alles erdenklich Gute. Denn ich glaube auch noch daran, dass alles gut wird und dass alles, einfach alles besser ist, als etwas Unerträgliches ertragen zu müssen.
    Alles LIEBE!

  3. maribey schreibt:

    Wie schön! Ich gratuliere dir und euch herzlich! Es hört sich gut an, dass du finden möchtest, im hier und jetzt. Das Bild finde ich wunderbar passend, dein Ring und das Riesenrad im Hintergrund, denn wir können uns immer wieder Hoch- Zeiten schaffen.

  4. Censay schreibt:

    „Ich glaube nicht an die Ehe“… wasn beknackter Satz. An was genau wird da nicht geglaubt? Das Versprechen des gegenübers es so gut es geht zu versuchen? Das beliebten sich gut zu behandeln? Das Zeichen zu setzen dass man sich beisteht, nicht sich selbst gegenüber sondern andren gegenüber?
    „Ich glaube nicht an das, was ich mir unter der negativen braun von ehe vorstelle, nämlich zwang, fesseln und Unzufriedenheit“… darüber können wir reden.

    Ist cool so ne Ehe. Egal was andere sagen. Denn ich verstehe es so als wäre es nicht aus Steuergründen so gekommen.

    Also alles Gute für euch beide und weiterhin eine schöne Zeit miteinander.

    • Sabine Wirsching schreibt:

      danke dir!! wenn ich sage, dass ich „nicht an ehe glaube“, dann meine ich, dass ich nicht in dem sinne daran glaube als wäre es eine allheilende institution. aber als nicht aus steuergründen (genau!) bin ich sehr optimistisch!

  5. Curima schreibt:

    Oh, jetzt erst gelesen … ja Mensch, dann alles Gute für euch und eure Zukunft 🙂 ! Und guter Text – ich glaub, das Hinterherrennen nach dem Perfekten ist so ein Problem, das viele Leute haben.

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