Wenn mehr bleibt als Erinnerung.

Als meine Uromi vor über 20 Jahren starb, hätte ich gern ihren schweinsrosa Fernsehsessel geerbt. Leider war er schneller auf dem Sperrmüll als ich damals „hier!“ rufen konnte – die Begründung lautete, dass sie ja jeden Tag drin gesessen habe. Und genau deswegen hatte ich ihn gern gehabt.

Schweinsrosa war schon lange nicht mehr meine Farbe, aber obwohl sie ein Riesensofa und zwei fast ebenso riesige Sessel hatte (in Sumpfgrün, auch so eine Achtziger-Jahre-Farbe), saß sie eben immer in ihrem kleinen Leberwurstsessel. Ich hab vor ihr auf der Fußbank gehockt, die optisch besser zur Sumpflandschaft passt, wir haben uns gegenseitig die Nasen mit ihrer Leselupe plattgedrückt und sie hat mindestens genauso viel dabei gekichert wie ich.

Nun ja, der Sessel ist weg, schon lange. Die Fußbank gibt es noch – sie steht jetzt bei meinen Großeltern eine Etage tiefer. Doch vielleicht fing es damals an, dass ich mir von Menschen und Orten, die mir wertvoll sind, gern eine Erinnerung bewahren möchte, die sich auch anfassen lässt.

20160416_102730Aus meiner allerersten Wohnung in Bremen habe ich rein gar nichts mitgenommen, womit klar ist, wie leidenschaftlich gern ich in dieser Neubausichtschutzbutze gewohnt habe. Beim Auszug aus meiner ersten eigenen Wohnung hier in Berlin hat sich mein Besitz um einen absoluten 08/15-IKEA-Milchplaste-Lampenschirm mit Riesenbirne vermehrt: Es gibt sicher Millionen davon, aber sie stammte mindestens von meinem Vormieter und strahlt seitdem ein kleines bisschen Westend-Geborgenheit in alles Neue. Denn in der Wohnung, die zum IKEA-Lampenflur gehörte, habe ich mich so wohlgefühlt wie sonst noch nirgends.

Na ja. Fast nirgends. Und nirgends seit heute.

Denn heute haben wir diese andere Berliner Wohnung ausgeräumt, in der ich gefühlt für immer und tatsächlich für einige Wochen mein zweites Zuhause hatte. […] Puh, und jetzt hänge ich fest. Meine Gedanken hängen fest. Immer wieder sehe ich, wie mir F. vor fünf Jahren im Januar die Tür öffnete, strahlend und im Hintergrund Partylärm, und bevor ich „herzlichen  Glückwunsch“ sagen konnte, bekam statt ihr ich etwas geschenkt: Denn das Geburtstagskind rief, dass das neue Jahr nach Prioritäten verlange und ich eine davon sei.

Lucky me.

Denn nur ein paar Wochen später stand ich spätabends heulend und mit einer schnellgepackten Reisetasche wieder vor dieser Tür. Fünf Wochen habe ich im Wedding gewohnt. Aus dem Fenster blickte ich auf den Fernsehturm, jeden Morgen eine halbe Stunde Büro-Fußmarsch zum Alex und reichlich Zeit, um mein Leben neu zu sortieren. Zum Glück pflegt F. eine Begeisterung für immoscout24. Sie hatte obendrein Lust, jede Menge Wohnungen zu besichtigen, so dass wir nach der Abrissbutze-mit-Blut-oder-schlimmerem-auf-dem-Ekelteppich und dem Friedrichshainer Loch-ohne-Fenster letztlich meinen IKEA-Lampenpalast im Westend fanden.

Die beruhigende Wirkung von F. und

20160416_123202F.s Wohnung auf mein Gemüt hat trotzdem nicht nachgelassen. F. selbst war immer weniger im Lande, Berufliches trieb sie wochen- und monatelang durch die Lande, und letztlich war das auch der Grund, warum wir heute die Wohnung ausräumten und ich mir mit Stauwasser im Herzen etwas wünschte, was ein Stück F. in meinem Alltagsleben leuchten lässt.

Eine ganze Tasche Krams & Krempel will nun noch ausgeräumt und gesichtet werden. Zwei F-Pullover wärmen das Herz, was es nach einem klatschnassen Abschied auch bitter nötig hat, eine Lampe ist auch dabei und noch einige Kleinigkeiten mehr. Und eine Großigkeit, die heute früh aus dem Keller auftaucht, singend wie eine Sirene, sozusagen. Ich kann sie nicht bedienen, aber ich musste es haben. Diesmal kommt mir kein Sperrmüll zuvor.

Schweinsrosa wäre nicht meine Farbe gewesen und Nähen ist auch (noch) nicht mein Hobby, aber wenn man liebt – dann liebt man. Auf bald, F., lass uns wieder Prioritäten setzen.

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3 Gedanken zu “Wenn mehr bleibt als Erinnerung.

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