When The Rollercoaster of Life comes crashing down.

Sich verlieben ist die totale Scheiße. Das erkenne ich, wenn ich zwischendurch mal einen hellen Moment habe. Lieben – großartige Sache. Sich verlieben – große Scheiße. Liebe macht stark, verlieben nicht. Nie ist man schwächer, angreifbarer und verletzlicher. Ja, klar – auch glücklicher und jauchzender und tralala, wenn es gut geht. Aber ganz ehrlich: Wann geht es schon mal gut.

Also ist man schwach, angreifbar und verletzlich. Und wenn der andere nicht auch verliebt ist, womit es ja unter die seltene Kategorie „gut gehen“ fallen würde, wird man geschwächt, angegriffen und verletzt. In einer Tour. Man öffnet für einen anderen Menschen die Tür und der schmeißt einem zum Dank nicht nur die Fenster ein, sondern tritt einem auch direkt noch die Wände durch, so dass man am Ende ohne Dach über dem Kopf da sitzt. Nackt und zitternd und in Panik, wie man die kläglichen Reste seines Herzens diesmal zusammenkratzen soll. Aber man kratzt, weil man nicht aufgeben will. Kratzt zusammen, was noch da ist, nennt das dann Durchhalten und Hingabe und wartet dann im armselig zusammengeschusterten Verschlag seiner Emotionen darauf, dass der andere einem wieder die Bude zusammenschlägt. Sich verlieben ist die totale Scheiße, wenn der, in den man sich verliebt, jemand wie Till ist. Ein emotionales Wrack, dessen vier Wände so fadenscheinig sind, dass sein eigener Atem sie bei jedem Luftholen umpustet.

Wenn man sich automatisch nur in die Guten verlieben würde, wäre das Leben großartig. Oder um Klartext zu reden: Hätte ich mich in Robbie verliebt, wäre mein Leben großartig. Dann würde ich jetzt nicht heulend auf dem Sofa hocken und mein Handy fixieren, in der Hoffnung, dass Till sich heute Abend vielleicht noch mal meldet. Und nicht noch mehr heulen, wenn er es tut und die Nachricht dann nicht mehr enthält als laue Nichtigkeit. Wenn ich in Robbie verliebt wäre, dann wäre er bei mir auf dem Sofa. Er und ein großer Becher Himbeereis und ein Cartoon im Fernsehen. Er hätte den Arm um mich gelegt, mir wäre ganz warm und zuhause zumute und ich müsste mir absolut keine Sorgen darum machen, dass er fünf Minuten später wieder gehen oder seine Beziehungsfähigkeit anzweifeln will. Nichts davon. Es wäre Ruhe.

Wenn ich in Robbie verliebt wäre, dann würde es zur Liebe reichen. Und ich hatte so sehr gewusst, gedacht, gehofft, dass es schon so weit gereicht hätte.

Wenn ich jetzt an Robbie denke, dann fallen mir ein paar Momente ganz besonders ein. Einer davon ist ein Abend draußen, in einem Garten vor Berlin. Tobi und Dirk hatten Paulina an Freunde verkauft und Robbie und mich zum Grillen eingeladen. Es war ein heißer Tag gewesen, schwül und drückend, keiner mochte viel essen, aber umso mehr trinken und ich war allein von den Früchten in Tobis Bowle mehr als angeschwipst. Wir saßen hinter dem Haus, Robbies Beine und meine ein verschlungener Knoten. Erst haben wir geredet und irgendwann nur noch den Blitzen zugeschaut, die am Horizont über den Himmel flitzten, so weit weg, dass kein Donner zu hören war – nur dieses gespenstische Aufblitzen in violetter Nacht. Und in mir war Ruhe. Stille und Frieden wie selten.

Weit nach Mitternacht sind wir aufgebrochen – zu Fuß, der nächste Bahnhof drei Kilometer weit weg. Quer durch den Wald. Ohne Beleuchtung. Ohne Robbie hätte ich keinen Fuß in dieses dunkle, rauschende Geflüster von Dickicht gesetzt, aber so habe ich seine Hand ganz fest gepackt und nicht losgelassen bis wir den letzten Baum hinter uns hatten. Bei jedem Geräusch bin ich zusammengezuckt, aber im Prinzip wusste ich: Mit Robbie kann mir keiner. Kein Wildschwein, kein Waldschrat, keine Geisterarmee. Weil er da war. Und in der Bahn habe ich mich quer über die Sitze gestreckt, den Kopf auf seinem Schoß, und bin eingeschlafen – ausnahmsweise beschwipst, beschützt und geborgen wie ein Kind.

Oder der Nachmittag, an dem ich unbedingt schwimmen gehen wollte und kein Schwimmbad offen hatte. Stattdessen bin ich an einem Seitenarm der Spree ins Wasser geklettert, über eine rostige Eisentreppe, die garantiert nicht für Schwimmer gedacht war, und in eine so düstere grüne Tiefe, die mir so unheimlich war, dass mich nur meine absolute Schwimmlust ins Wasser getrieben hat. Das Gefühl von Wasser auf der Haut war auch genauso wie ich es mir den ganzen Tag vorgestellt hatte – als wenn das Blut schon beim Eintauchen ein paar Grad kühler und frischer würde.

Robbie schwimmt nicht gern, genau genommen hasst er Wasser. Er hockte am Rand, bewachte meine Klamotten, und ich wusste: Wenn ein einziges Spreeungeheuer seine Nase zu zeigen wagt, haut er ihm eins drauf, dass dem Viech nicht nur Hören und Sehen, sondern auch der Appetit auf knackige Mädchenhintern für immer vergeht. Am Ende war’s kein Monster, sondern ein Ausflugsdampfer, der mich ruckzuck wieder ans Ufer und ins aufgehaltene Handtuch scheuchte. Aber er hätte es getan, ohne Zögern.

So war Robbie. So ist Liebe. Die nicht fordert, nicht fragt, nur ist. Um die man nicht bangen und betteln muss, sondern die ungefragt mehr gibt als man jemals geträumt hat. Ein festes Haus mit Dach und tausend Fenstern und dem schönsten Garten, den man sich denken kann.

Jetzt heule ich nicht mehr wegen Till, sondern um Robbie. Und diesmal weine ich um etwas, was wirklich hätte sein können. Till ist nur Illusion.

(Auszug aus meinem zweiten Manuskript „#dreiworte“. farewell)

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