Black Rebel Motorcycle Club oder Hallo, Phatti.

Wenn ich an meinen Vater denke, dann denke ich an Motorradfahren. Daran, wie er im Sommer seine 52er Ariel ankickte. Oder anzukicken versuchte – denn wenn es klappte, war es ja nur ein kick-aufröhr-und-weg. Wenn es nicht klappte, wiederholte sich das ktk-klack, ktk-klack vorm Haus so ein halbes Dutzend Mal, bevor es von einer Atempause unterbrochen wurde. Immerhin sind Lederjacke, entsprechende Hosen, hohe Stiefel und Helm bei Hitze nicht die leichteste Arbeitskleidung. Dann noch einmal ktk-klack, ktk-klack… Öffnen der Lederjacke. Ktk-klack, ktk-klack… und dann endlich das erlösende WRRROOOOM!! oder das entnervte Wegfeuern von Jacke und Helm nebst Auffrischung meiner frühkindlichen Fluchkenntnisse.

Damit wir uns nicht missverstehen: Mein Vater liebt sein Motorrad. In seiner ersten Wohnung stand es samt Werkbank in seinem Wohnzimmer (er wohnte im Souterrain) und frühe Sonntagmorgen begann er am liebsten auf der Landstraße. Sommers wie winters, bei Wind und Wetter. Während der kalten Jahreszeit trug er dabei eine Schaffelljacke, aus kompletten Fellen genäht, so steif und dick, dass er die Arme nicht krümmen und ich die stehende Jacke als Zelt zum Indianerspielen benutzen konnte.

Aber meine schönste Erinnerung ist nicht das scharf nach Schaf riechende Zelt (obwohl ich es sehr liebte), sondern etwas anderes: Als ich Kind war, kamen regelmäßig Freunde meines Vaters aus Westberlin zu Besuch. Für das Dorf waren sie vermutlich eine wilde Horde marodierender Rocker – ich hab sie geliebt. Weil sie ihren rotzigen Dialekt mitbrachten, lustige Geschichten, die durch den Dialekt doppelt so komisch wurden,… und die Trial-Ausflüge.

Die Trials, also Geländerennen, fanden in stillgelegten Steinbrüchen statt. Tagsüber saß ich mit meinen Eltern an einer staubigen Station, während röhrende Motorräder und Gespanne über die staubige Strecke donnerten und Pieter Dannemann immer an der selben Stelle zu viel Gas gab, über Schotter vom Weg abkam und wieder nach oben gezerrt werden musste. Die Motoren, der Duft der Auspuffgase, die schnellen Fahrten… ich liebte sie alle. Jahrelang fuhr ich im Stehen Fahrrad – wie der große Karl, der den Trial-Werbeaufkleber auf meinem Kindersitz zierte und in den ich als kleines Mädchen schwer verliebt war. Obwohl er so groß war, dass sein Kopf in meiner Erinnerung in den Wolken schwebte.

Abends, nach dem Rennen, grillten alle auf dem großen Platz. Ich kroch mit Jörg und Uwe und Thomas und allen durch die Botanik und steckte die Rennstrecke für den nächsten Tag ab. Und einmal lieh mein Vater sich ein Motorrad, um in der Abenddämmerung mit mir auf dem Tank durch den Steinbruch zu fahren. Ich war wirklich klein, vermutlich vier, fünf Jahre alt, aber das werde ich nie vergessen: der goldene Niedergang der Sonne, der wilde Geruch nach Sommergras und Benzin, der Lärm des vibrierenden Motors unter mir und mein Papa, der mich festhält und fährt wie der König der Welt.

Wenn ich einen Moment in Bernstein gießen könnte: diesen. Es war schön.

PS: Ja, ich weiß, du verabscheust nichts mehr als Motorrad-Clubs und ihre plaudersüchtige Sonntagsfahrerei, wo alle 5 Kilometer angehalten und eine Zigarette geraucht wird. Oh doch, noch mehr verabscheust du die ganzen Rockerclubs und ihre Bagage. Deswegen zur Beruhigung für dich: Der Black Rebel Motorcycle Club ist kein Höllenengel-Ableger oder sonst was Pseudo-Outlaw-Mäßiges, sondern einfach eine Rockband. Die ich mag.

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8 Gedanken zu “Black Rebel Motorcycle Club oder Hallo, Phatti.

  1. Sofasophia schreibt:

    Ich liebe diese Kindheitserinnerungsartikel von dir so sehr und beneide dich ein klein wenig um deine offenbar so geborgene und ebenso abenteuerliche Kindheit!

    • rocknroulette schreibt:

      natürlich ist die welt nicht nur gold, das ist sie wohl bei niemandem. aber du wirst dich wundern, wie viel gold man findet, wenn man danach zu suchen beschließt ❤

      • Sofasophia schreibt:

        Das stimmt. Mir sind auch grad so goldene Momente aus der Kindheit (wir hatten kein Auto, beide Eltern aber Mofas) eingefallen: Hintendrauf oder zwischen Papas Beinen mitfahrend. Danke fürs Erinnern.

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