Dog Brother is watching you oder Rotkäppchen & der Hund.

Wie meine Eltern zum Hund kamen, habe ich ja schon erzählt. Und wie er meine Osterhasen-Pracht vernichtete, ebenfalls. Wovon ich noch nicht erzählt habe, sind unsere gemeinsamen Abenteuer.

Dazu gehörte zum Beispiel das gemeinsame Stochern nach Grillwürstchen: Wenn wir im Garten grillten, bekam natürlich auch Hundi seinen Teil ab. Allerdings wurde damit jeweils eine Portion Pädagogik serviert – sprich, mein Vater stellte sich in Positur und warf das Würstchen erst, wenn der Hund seine Gier und den damit verbundenen, verfrühten Fehlstart in den Griff bekam. Nach drei bis acht angetäuschten Würfen war Hundi dann derartig unter Strom, dass er das tatsächliche Würstchen überall und nirgends roch. Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen also: lauer Sommerabend, ein so aufgeregt wie hungrig durch die Botanik hopsender Hund und der Duft nach Grillwürstchen.

Leckerbissen erobern – diese Leidenschaft teilten Hund und ich. Zum Beispiel beim gemeinsamen Milchholen beim Bauern. Ich wuchs auf dem Dorf auf und als ich klein war, gab es das noch: das echte Milchholen. Mit der Milchkanne aus Emaille in der einen und der Hundeleine samt ungeduldig zerrendem Hund in der anderen Hand zockelte ich die Straße hoch und klopfte beim Bauern an die hölzerne Haustür. Rund um die Tür wuchsen Weinreben, von denen ich mir nie Trauben zu nehmen traute, und wenn die Tür aufging, umwehte mich der kühle Duft nach Kuh, Molkerei und Steinfußboden.

Meine Milchkanne wurde randvoll gefüllt und dann zockelten Hund und ich zurück. Hund zog jetzt nicht mehr an der Leine, denn er wusste, was kam: Außer Sichtweite des Bauern (wie ich dachte), nahm ich vorsichtig den Deckel von der Milchkannne, goss vorsichtig etwas von der kuhwarmen Milch hinein und setzte den Deckel an die Lippen. Mmmmh. Und dann war Hund dran: Ich goss einen neuen Schluck in den Deckel und er schlabberte genauso genussvoll wie ich. Danach setzte ich den Deckel wieder feinsäuberlich auf die Kanne. Musste ja alles seine Ordnung haben. Dutzende von vorbeidüsenden Autofahrern dürften dieses Milch-Picknick gefeiert haben.

Aber unser Abenteuer, alles, fing noch viel, viel früher an. Als meine Eltern noch im Moor wohnten, unser Hund eigentlich nur in die Küche dürfte und ich ganz neugeboren war.

Als frischgeschlüpftes Baby hatte ich einen Supertrick, um meine Mutter auf Zack zu halten: Morgens wurde ich noch im Bett abgefüttert und wieder schlafen gelegt. Dann machten meine Eltern Frühstück und ich wartete punktgenau ab, dass meine Mutter ihr frischgeschmierteres Marmeladenbrötchen zum Mund führen wollte. „Rabäääääh!“ – keine Sekunde zu früh, sie hatte nicht mal Zeit abzubeißen. Eines Tages hatte sie genug. Ich war satt, ich war trocken und ausgeschlafen – sie war hungrig, schweißgebadet, müde und wollte einfach nur ihr Brötchen essen. Also machte ich rabääh und sie blieb sitzen.

Wer aufstand, war Hund. Er stand auf und sah verwundert von meiner Mutter zu meinem Vater. Hallo? Das Dings rabäht! Da muss doch einer gucken? Aber keiner guckte, meine Eltern fanden, dass das Dings ruhig mal rabähen konnte, ohne gleich umzukommen. Pädagogik und so.

Hund fand das nicht.

Er durfte nur in die Küche – nicht ins Schlafzimmer, wo ich lag – und das wusste er genau. Aber das heulende Dings heiligte alle Mittel. So schlich er ganz vorsichtig aus der Küche (meine Eltern hinterher) ins Schlafzimmer, stützte die Vorderpfoten auf das Tischchen, auf dem mein Körbchen stand, und schaute hinein. Lang und verständnisvoll und es fehlte nicht viel, dann hätte er mir tröstend übers schon rot angelaufene Rabähgesicht geleckt. Aber inzwischen hatten meine Eltern ein Einsehen: Ich wurde getröstet und Hund bekam den unbeschränkten Zugang zu allen Räumen des Hauses.

Wer so auf das Dings aufpasst, dem gebühren einfach VIP-Rechte.

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12 Gedanken zu “Dog Brother is watching you oder Rotkäppchen & der Hund.

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