Geburtstagstradition oder Was machst du denn noch hier?!

Alljährlich zu meinem Geburtstag erzählt meine Mutter eine meiner Lieblingsgeschichten – natürlich die meiner Geburt, wie könnte es anders sein. Und da ich ja die Tradition der Geburtstagsgeschichten etabliert habe… kommt sie hiermit auch für euch:

Ich war ein Wunschkind mit Nebenwirkungen. Das Unangenehmste für meine Mutter waren dabei nicht die vorzeitigen Wehen – die kriegte sie erstmal gar nicht mit, sondern machte als Sportlehrerin mit Vorbildfunktion weiterhin Bocksprünge über den Kasten und Kobolz mit Überschlag in den Deckenringen. Dass so ein Kind dabei Bauchrabatz macht, nahm sie als gegeben hin. Der Frauenarzt, der sie Ende des 6. Monats an den Wehenschreiber legte, war da anderer Meinung.

Ab sofort war Schluss mit Kobolz und auch sonst mit allem. Stattdessen war liegen angesagt. 6 lange Wochen, während sich draußen schönster Frühling und drinnen pure Langeweile ausbreitete. Anderthalb Monate vorm errechneten Geburtsdatum war das Kind endlich groß & fit genug, die Wehenhemmer wurden abgesetzt und meine Mutter durfte aufstehen. Sollte sogar, denn vermehrte Spaziergänge bringen Schwung in so einen Geburtsvorgang.

Nachdem meine Mutter vormittags den Krankenhausflur allein auf und abgewandert war, ohne dass sich etwas tat, wurde ihr das am Nachmittag langweilig. Sie wollte wenigstens Gesellschaft. Da meine Eltern zu dieser Zeit noch kein Telefon hatten, rief sie die Nachbarin an, die mit gerafften Röcken über die Kuhwiesen zu meinem Vater rannte und mit Panik in der Stimme seine sofortige Anwesenheit im Kreißsaal anordnete.

Mein Vater warf sich umgehend auf sein Motorrad, düste zum Krankenhaus und rannte mit großen Schritten zum Zimmer meiner Mutter. Die sich nichtsahnend gerade mit der obligatorischen Tasse Ostfriesentee für den Nachmittagsspaziergang stärkte. „Was machst denn du noch hier?“, brüllte mein Vater entsetzt, schmiss seinen Helm aufs Bett und hätte meine Mutter um ein Haar über die Schulter geworfen, um sie eigenhändig in den Kreißsaal zu schleppen, wo er sie ja in schlimmsten Krämpfen liegend geglaubt hatte. Zum Glück war der Bauch im Wege.

Mein Vater beruhigte sich, trank ebenfalls einen Tee und wanderte anschließend stundenlang mit meiner Mutter auf und ab. Nichts tat sich. Das Kind nutzte den Spaziergang für ein Schläfchen und rührte sich kein bisschen. Das änderte sich, als mein Vater nach Hause gefahren war und meine Mutter sich ihrerseits für ein Nickerchen hingelegt hatte, denn nach der ungewohnten Rennerei war sie rechtschaffen müde. Nichts da. Jetzt wollte das Kind raus und zwar sofort. Und zackig!

Meine Mutter ließ erneut bei der Nachbarin anrufen, die wieder über die Wiesen flitzte – immerhin gute 300 Meter Luftlinie – und bei meinem Vater Zeter und Mordio schrie. Der nickte, bestätigte, dass er sofort losfahren werde – und setzte sich erstmal zum geruhsamen Abendessen hin. Schließlich war es morgens halb so wild gewesen und wenn es jetzt wirklich losginge, müsse er ja was im Magen haben. Dazu muss man wissen, dass mein Vater zu dieser Zeit 1 1/2 Toastbrote (Brote, nicht Scheiben) frühstückte und zum Abendessen ein Blech Pizza verdrücken konnte. Der musste vor einer langen Nacht also definitiv die Brennkammern füllen.

Mit dem Resultat, dass er um ein Haar meine Geburt verpasst hätte, denn wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich das auch zügig durch – das war schon immer so. Aber er war da, als ich quiekend und verschmiert im Eiltempo auf die Welt kam. „Es ist ein Mädchen“, sagte der Arzt. Und mein Vater dachte: „Gottseidank, dann muss sie nicht zur Bundeswehr!“

Aber das ist eine andere Geschichte.

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21 Gedanken zu “Geburtstagstradition oder Was machst du denn noch hier?!

    • rocknroulette schreibt:

      vielen dank 😀 ich höre sie auch sooo gern und freu mich doppelt, wenn ich sie hier noch einmal aufschreiben & teilen kann. lagerfeuermäßig, wie in pre-TV-tagen, sozusagen.

  1. Herr Hund schreibt:

    Woher ich das Bild jetzt habe, weiß ich nicht, aber die war jetzt wie eben leckere Pizza, ohne viel Firlefanz, ratzfatz rein in die Geschichte und wieder raus, glücklich und zufrieden einer wie ich, sie gelesen zu haben, doch mehr, mehr bitte, ein weiteres Blech voll, mit all den Zutaten, die so eine Prosapizza a la rocknroulette so was-braucht-es -mehr? macht.

  2. Niggelo schreibt:

    Deine kleinen Familienstorys sind wirklich immer wieder sehr lesenswert und ich freue mich jedesmal, wenn du eine bringst.

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