Meine Oma grüßt oder Haste etwa Rheuma im Arm?

Es war Krieg, als meine Oma ihre Ausbildung zur Sekretärin antreten sollte.

Krieg – das hieß: schlechte Ernährung (auch wenn die Oma-Familie dank eines Familienoberhauptes mit Beziehungen zum Schlachthof nie hungern musste) und vor allem hieß es Bunkernächte. Jede Nacht raus, ein, zwei, drei Mal im Nachthemd durch die Straßen rennen, jeder Tag zerrissen von Bombenangriffen und Stunden über Stunden im Bunker hocken.

Dass es im Bunker kein Licht gab und meine Oma in der Dunkelheit wie durch Brownsche Teilchenbewegung manchmal regelrecht durch die Etagen gewirbelt wurde, wenn Angriffe Aufregung verursachten, war das eine. Das andere war die Feuchtigkeit, die Kälte: Meine Oma bekam als junges Mädchen Gelenkrheuma, und das nicht zu knapp.

Wegen des Rheumas konnte sie auch ihre Lehre nicht pünktlich antreten, erst einen Monat nach Ausbildungsbeginn war sie einsatzfähig und machte sich auf den Weg in den Betrieb. Dort wartete am Eingang schon der Betriebsrat auf sie, natürlich zackig in SS-Uniform und ebenso zackig handhimmelhocherhoben grüßend. „Moin“, antwortete meine Oma und wollte vorbei.

Nicht mit Herrn SS: „Haste Rheuma im Arm oder was?!“, blaffte er. Und meine Oma, erfreut ob der freundlichen Erkundigung, sagte ganz treu und wahrheitsgemäß: „Ja.“ Es folgte natürlich ein Riesenanpfiff, bis Herr Zackig raffte, dass sie tatsächlich Rheuma hatte. Woraufhin er sich zwar nicht entschuldigte, aber immerhin um ein fürderhin freundliches Verhältnis bemühte.

Nach dem Krieg gehörte Herr Zackig zu den Verlierern. Während meine Oma auf Hamsterfahrten durch Hannover radelte, verrichtete er unter den Augen der Alliierten schwere Arbeit im Straßenbau. Typisch für meine Oma ist, dass sie stehenblieb und grüßte, wann immer sie ihm dabei auf ihren Kreuzfahrten begegneten. „Moin“, sagte sie.

Advertisements

15 Gedanken zu “Meine Oma grüßt oder Haste etwa Rheuma im Arm?

      • piksyn schreibt:

        Rheuma. Rheuma ist sehr personifiziert. Bin dem Begriff auch schon recht früh durch Erzählungen begegnet, die Buchstaben kamen erst später dazu. Eine dunkelhaarige Frau mit schwarzen Augenflecken schaut von links in den Raum hinein. Da steht dann das Wort – das R ist weißlich, doch geht über in das sehr erdschmutzige Grün und ebensolch verfärbtes Senfgelb der restlichen Buchstaben. Die Buchstaben treten in den grünlichbräunlichen Hintergrund und verschwinden fast in ihm. Die Frau hat recht lange Haare (ungewöhnlich). Etwas Grau spielt auch noch mit hinein. Es gibt wahrlich hübschere Wörter. Aber auch hässlichere ;-). Ich wünschte, ich könnte den Farbton des Grüns besser beschreiben.

      • rocknroulette schreibt:

        ui. das hätte ich mir so gar nicht so vorgestellt… in meiner vorstellung war es von der form her etwas langgezogenes. wie ist das eigentlich? „sehen“ synästhetiker wörter oft ähnlich oder hat jeder sein ganz eigenes bild?
        (entschuldige, dass ich dich hier löchere, aber bei dir kann man nicht kommentieren, da freu ich mich über die gelegenheit, mal fragen loszuwerden!)

      • piksyn schreibt:

        Ja, das mit dem Kommentieren… ich habe ja nur eine Mailkontaktmöglichkeit angeboten, weil mir zu viele Fragen zu meiner Wahrnehmung oder Kommentare zu den Farben zu verwirrend wären. Aber ich freue mich immer über nette Einzelkontakte, so wie jetzt mit Dir 😉
        Synästhetiker sehen alles sehr individuell und die Bilder oder Farben sind sich nicht – oder nur durch Zufall ähnlich. Daher gibt es vielleicht irgendjemanden, der Rheuma so sieht, wie Du es Dir vorgestellt hast. Dass ich auch noch die Gesichter sehe und das Wörter Charaktere haben, ist dem Phänomen Ordinal Linguistic Personification zuzuordnen. Das ist noch wieder was anderes als eine Wort-Farb-Synästhesie (die ich noch zusätzich „habe“).

      • rocknroulette schreibt:

        an die mailmöglichkeit habe ich mich nicht rangetraut, damit rückt man dem anderen doch gleich sehr privat auf die pelle 😉
        manchmal frage ich mich, ob alle menschen grün/rot/blau so sehen, wie ich es sehe… oder man nur persönlich darauf getrimmt ist, eben diesen farbton immer als grün/rot/blau zu bezeichnen.
        ist dir das zusätzliche „sehen“ eigentlich manchmal zu viel oder genießt du es meist (so wie ich deine zusätzlichen bilder genieße)?

      • piksyn schreibt:

        Danke – das freut mich sehr, dass Du die Bilder genießt.
        Das mit der Farbwahrnehmung frage ich mich auch – ich glaube, wir sind tatsächlich darauf konditioniert, gewisse Partikelkonstellationen „grün“ zu nennen und mein Grün ist wahrscheinlich wirklich nicht Dein Grün. Ich habe auch oft das Problem, dass ich Leute braunhaarig finde, die von anderen als blond bezeichnet werden. Es gab schon richtig Streit deswegen…
        Zum Genießen: das Bloggen bringt das Universum in mir hervor – und das genieße ich sehr. Den Gestalten und Wesen, die mich schon immer begleiten, so einen Raum zu verschaffen und sie mit anderen zu teilen, macht mich sehr glücklich. Ich genieße es oft. Manchmal läuft es eher im Hintergrund mit. Es nervt mich nur manchmal – wenn jemand zu oft ein Wort benutzt, dass mich stresst… aber die Bilder an sich nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s