Happy 2014.

Es war nicht das Beste aller Jahre. Aber auch nicht das Schlimmste.

Es war ein Jahr voller Episoden, jede für sich so kurz und viel länger als sie in Tagen auf dem Kalender dauerte. Niedergänge von Hoffnung, Stetigkeit und Integrität, unbekannte Ufer auf allen Seiten und immer wieder Neuanfänge. Es war nicht das Beste aller Jahre, aber auch nicht das Schlimmste. Vor allem könnte es das Jahr werden, in dem ich am meisten zu lernen begann.

Man kann Zutrauen finden, zu sich selbst.
Man kann sich zutrauen, dass man weiß, was richtig ist.

Ich muss davon schreiben, wie es war, sich einen Traum – den einen Traum – zu erfüllen. Ich wollte immer ein Buch schreiben, geschrieben wurde es längst, doch jetzt wird es auch verlegt. Dass ich mal Autor sein würde, nein, das wusste ich nie. Gewünscht habe ich es, und dafür gearbeitet, oh ja.

Und dass mir dabei der Rücken gestärkt wurde, von allen Seiten und oft zum ersten Mal, das hat mich wachsen lassen. Mich den aufrechten Gang gelehrt. Die Angst, dass alles nur ein Wunsch bleiben könnte, dass es wieder zurückfallen würde in die Grube des Dubistnichts, die ist noch nicht besiegt. Aber das Wissen, das so viele aufgestanden sind für das, was ich allein wollte, das bleibt. Whatever happens.

Man kann die Dinge anders machen.
Man hat die Möglichkeit, der zu sein, der die Kette unterbricht.
#dreiworte

„Erzähl mir von deinem Dämon“, fordere ich schließlich. Robbie zuckt die Achseln: „Eigentlich ist die Geschichte schnell erzählt. Hast du schon mal ‘nen Punk oder Skin ohne Bier gesehen?“ Ich muss kurz überlegen und das reicht ihm schon: „Siehste. Seitdem ich mir mit 14 das erste Mal die Haare geschoren hab, hatte ich praktisch immer ‘ne Flasche in der Hand. Ich hab sogar besoffen tätowieren gelernt. Ging auch immer gut – Hauptsache, ich hatte vorher meinen Sixer geknackt.“ Er trinkt nachdenklich einen Schluck Tomatensaft. „Ein bisschen besser wurde es, als ich Tobi kennengelernt hab. Ich wollte natürlich einen guten Eindruck machen und hab mich zusammengerissen, wenn sie dabei war. Irgendwann kam es dann trotzdem raus und spätestens als ich das erste Treffen mit ihren Eltern verkackt hab und stattdessen mit Blackout in Prag aufgewacht bin, wusste sie, dass ich ‘nen ernsthaftes Problem hab. Geheiratet hat sie mich nur, weil ich hoch und heilig geschworen habe, dann mit dem Saufen aufzuhören.“ – „Und, hast du?“ – „Ja. Ganze drei Wochen lang“, er lacht. „Dann war ich ‘ne Woche auf ‘nem Festival in Spanien verschollen und die ganze Chose ging von vorne los. Sie hat ziemlich was durchgemacht mit mir.“

„Aber jetzt trinkst du nur noch Tomatensaft?“ Er grinst. „Als Tobi mir gesagt hat, dass sie schwanger ist, hat es plötzlich ‚klick‘ gemacht. Mein Vater hat selber gesoffen und mich und meine Geschwister nachts vertrimmt, wenn er aus der Kneipe kam. Ich wusste, dass ich das für mein Kind nicht wollte. Also hab ich aufgehört. Ich weiß noch genau, ich hatte mir grad eine Flasche Kirsch-Porter aufgemacht als Tobi mit dem Schwangerschaftstest vom Klo kam. Ich hab sie angeguckt, dann das Bier und dann hab ich die Flasche aus dem Fenster gefeuert. Das war’s. Gras und Speed und Pilze hab ich gleich mit aufgegeben. Ende Gelände.“

Er nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas. „Erstmal ging’s mir dann natürlich dreckig. Tobis Lieblingsstory aus der Zeit ist, wie wir beide in unserer Altbauwohnung in Wedding Wettläufe zum Klo machen. Wir hatten einen übelst langen Flur und eins von diesen Altbauklos – weißte, so lang und schmal, dass man am besten rückwärts einparkt. Und jetzt stell dir das mal mit einer Schwangeren im Anfangs- und einem Alki im Endstadium vor.“

Ich bin beeindruckt. Weniger von der Kotzgeschichte, eher davon, dass Robbie mir das so nonchalant erzählt. „Und du hattest nie wieder ‘nen Rückfall?“, frage ich. Er schüttelt den Kopf. „Ein paar Mal war ich kurz davor. Ich stand schon im Späti und wollte mir was besorgen, aber ich hab immer ein Foto von Paulina in der Potte. Wenn ich das gesehen habe, hab ich nix mehr kaufen wollen. Außer ‘nem Lolli für sie oder so, auch wenn sie in den ersten Monaten davon natürlich gar nix hatte.“ Er lacht und wir bestellen noch eine Runde Tomatensaft: „Auf die Dämonen“, sagt er, „… und alles, was sie killt“, ergänze ich.

Das Leben ist eins der Schönsten.
Wenn man es nur schafft, mehr darin zu sehen als die Pflicht.

Wenn vor ein paar Jahren Arbeitshektik auf mich zukam, andere sich beschwerten, während man längst hätte ändern können, und der Alltag mit Versicherungspolicen, Nebenkostenabrechnungen und der Wahl des richtigen Telefonanbieters um die Ecke kam, hab ich mich geistig ausgeklinkt. iii don’t care hab ich gedacht und gelacht und die drei iii waren das Wichtigste dabei.

Wie schön, dass du mich daran erinnert hast, Sarah.

 

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11 Gedanken zu “Happy 2014.

  1. spreemieze schreibt:

    Männertechnisch gesehen war dieses Jahr eine Katastrophe mit velen Retraumatisierungen. Nur ein Typ war gut und nett zu mir. Für 2015 nehme ich mir vor nur noch mir gut-tuende Männer kennenzulernen.

  2. fuerhilde schreibt:

    Tolle Geschichte, liebe Sabine. Echt. Und schön, dass du an Happy 2014 teilgenommen hast. Es war ganz kurz verwundernd zu lesen, dass du trotz „jeder“ Wunscherfüllung dann doch nicht sagst, dass war ganz und gar mein Jahr! Aber das mag ich. Dieses auf dem Teppich bleiben und ein nicht zu lautes „Hurra“, obwohl du das durchaus dürftest nach diesem doch sehr erfolgreichem Jahr.
    Alles Liebe für 2015 wünsche ich dir.

    • rocknroulette schreibt:

      ich bin ja noch auf dem weg 🙂
      es war kein jahr des perfekten höhenfluges mit dauerfeuerwerk, oh nein. aber eines, was seine folgen haben wird (so hoffe ich). nicht leicht, aber erleichternd.

      dir wünsche ich alles glück, das 2015 doch wohl hoffentlich schon nägelknabbernd auf dich wartet!

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