Frankfurter Buchmesse oder Oh, happy day!

Mein Buchmessen-Samstag in Zahlen klingt irre langweilig: 4.15 Uhr aufstehen, 5.14 Uhr in den Zug steigen, um 9.58 Uhr in Frankfurt Messe ankommen. 50 Leseproben und 100 Postkarten verteilen, um 16.57 Uhr wieder in den Zug steigen und um 23 Uhr zuhause ins Bett fallen. Die Wirklichkeit dagegen war… woohoo! Ich hatte einen richtig tollen Tag.

fb_eintrittAuf die Buchmesse fahren löst bei mir seit Buchhändlertagen immer irgendwie so etwas wie Heimatgefühl aus – wo Bücher sind, fühle ich mich einfach zuhause. Und das Getümmel, die vielen Menschen (von den Giveaway-Raffern mal abgesehen), die Atmosphäre von Neugier und Lesenwollen… sonst meide ich Menschenansammlungen ja ganz gern, aber Buchmesse ist was anderes.

Zumal weil ich in diesem Jahr ja nicht nur als Besucher oder Händler dabei sein durfte: Auf meinem Eintrittskarten-Umhängeschildchen standen neben kladde|buchverlag auch noch mein Name und „Author“ – ich habe das Ding umgehängt als wär’s der Nobelpreis.

Als Quasi-V.I.P. wurde ich am Eingang auch direkt von fröhlichen Verlagsmitarbeitern in Empfang genommen („Deine roten Haare sind ja so praktisch!“) und an all den Katzenöhrchen-Fuchsnasen-Lolitahöschen-Cosplayer-Schlangen vorbei durch den Aussteller-Eingang zum Verlagsstand gelotst.

Der befand sich gegenüber Ankerherz und Blumenbar, neben Aufbau und DuMont wirklich in bester Gesellschaft – und außerdem hätten wir neben dem Young Excellence Award des Börsenblatts eigentlich auch die Medaille für die meisten Menschen auf geringstem Raum gewinnen müssen. Denn auf etwa einem Quadratmeter Stand befanden sich außer mir noch CEO Jonas, Lektorin Kate, PR-Frollein Lea, vier weitere Verlagsmitarbeiter, „The Crisis Inside“ –Projektinitiator Julian Tangermann und „Besucher“-Autor Jonathan Löffelbein.

Leah, Jonathan, Julian & meeee.

Leah, Jonathan, Julian & meeee.

Nicht zu vergessen natürlich auch die unverzichtbaren Bestandteile des Messe(über)lebens: Kaffee und Schokolade. Plus Leseproben, Flyer, Postkarten, Autorengepäck… ja, wir hatten es wirklich kuschlig!

Am Anfang war ich auch noch kuschlig schüchtern… aber ich war ja schließlich nicht zum Spaßhaben da (oder doch nicht nur). Jonathan und ich schnappten uns also irgendwann todesmutig unsere Projektflyer plus Leseproben und stürzten uns auf die Menge. Meine Lieblingsopfer: Frauen zwischen 25 und 35. Meine Methode: „Hallo… liest du gern Liebesromane?“

Wenn jetzt als Antwort ein „Igitt, nein, bloß nicht!“ oder ein angeekeltes Gesicht folgte, hatte ich schon halb gewonnen: „Ja, prima! Mein Roman ist nämlich keine. Schau doch mal rein, ich würde mich freuen.“ Bei einem „ja, sehr gern“ musste ich natürlich erstmal erklären, dass der „Druckstaueffekt“ sich etwas jenseits von Hollywood bewegt, aber insgesamt waren die Reaktionen sehr gut und ich konnte reichlich Material verteilen.

Meine Lieblingsbegegnung bleibt dennoch die mit einer älteren Lady aus der Münchner Schickeria. Ich weiß nicht, warum ich sie überhaupt ansprach – denn sie roch schon von weitem nach Ärger. Vermutlich war das noch Reflexverhalten aus Buchhändlertagen, denn jemand, der den Buchhändler anpöbelt, hat keine Zeit, andere Kunden blöd von der Seite anzumachen. Reine Schadensbegrenzung.

Madame also gnarzte über die „Jugend von heute“ und diese E-Books und da versuchte ich mit dem Manufaktur-Konzept von kladde gegenzuhalten. Ohne Erfolg. Und als es dann auch noch um das Crowdfunding-Prinzip der Vorfinanzierung ging, flippte die Münchner Miezi aus: „I hob doch ka Lust, euch eure Arbeit zu zohl‘n!“, giftete sie und rauschte hocherhobenen Hauptes davon.

Mini-Stand, Maximum-Power.

Mini-Stand, Maximum-Power.

Wir winkten ihr erleichtert nach.

Und hofften, die Illusion, dass der Preis eines Buches im Laden sich rein aus Autorenhonorarvorstellungen ergibt, sie nie verlassen möge. Oder eigentlich doch, und bitte bald, denn Kunden wie diese Miezi – betucht, ignorant und strunzdumm – sind für mich der Grund gewesen, den Buchhandel zu schmeißen. Aber na ja… wenn es Leute wie sie nicht gäbe, gäbe es auch Bücher wie „Die geheimnisvollen Aufzeichnungen des Buchhändlers“ nicht, deren Autor und Blogger Gérard Otremba einer der (vielen und viel) netteren Besucher gestern war. Also: weiter so, Miezi, du hast Recht und wir sind doof.

Gab es sonst noch Aufregendes zu berichten? Erschreckenderweise: nein.

Ich war 7 Stunden am kladde-Stand, schaffte es einmal nach gegenüber zu Ankerherz, war drei Mal auf dem Klo und drehte eine einzige kleine Runde durch die Halle 4.1. als mein Rücken mehr Bewegung forderte. Dazu aß ich eine halbe Tonne Kekse, brach mit Jonas eine Diskussion zum Thema Coverlayout vom Zaun (Jonas, wenn du das liest: Du glaubst nicht, wiiie penetrant ich sein kann!) und war vor allem eins: glücklich.

Für die Rückfahrt kaufte ich mir am Bahnhof den neuen Martin Suter und reiste ab Eisenach luxuriöserweise mutterseelenallein einem Waggon der 1. Klasse (hier war die Klimaanlage kaputt und das, was ich als wohlig warm empfand, vertrieb alle anderen Passagiere in die gekühlten Abteile). Ob es der Schlafentzug war oder Suters Buch über die Irrelevanz der Zeit: Als ich um kurz nach 22 Uhr wieder in Berlin ausstieg, hatte ich das Gefühl von Unwirklichkeit.

Draußen war es dunkel (morgens noch, abends schon wieder), ich war gleichzeitig aufgedreht und kaputt, die Zeit auf der Messe war wie im Flug vorbeigezogen… als hätte ich die letzten 17 Stunden in einem Paralleluniversum verbracht.

Aber tatsächlich ist das Paralleluniversenhafte genau das, was ich an der Buchmesse mag. Und wenn es jetzt noch ein paar neue Leser aus dieser Parallelwelt zu meinem Projekt schaffen, kann ich mein Autoren-Schildchen bald wirklich nicht nur mit Stolz, sondern auch zu Recht tragen.

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38 Gedanken zu “Frankfurter Buchmesse oder Oh, happy day!

  1. kaetheknobloch schreibt:

    Ich lese begeistert Deinen Bericht, juchuh! War doch schon murmelighibbelig, wie’s denn war. Herr Hund hat geschrieben, ich wäre ja auch irgendwie dabei gewesen. Wenn das mal nicht fetzt! Alles und überhaupt. Hurraende Grüße, Deine Käthe.

  2. Herr Hund schreibt:

    Wo war da eine Tonne Kekse? Die hätte ich doch gesehen, gewittert. Haben die erst meine Abfahrt abgewartet? Hat Madame die etwa gewarnt?
    Ich fand’s jedenfalls auch so ziemlich, besonders da mir keine Miezi dazwischen kam. (Mein Bericht folgt noch)

  3. maribey schreibt:

    7 Stunden am Stand warst du und 10 Minuten danach kam ich.
    Ich schlendre an dem Stand vorbei, werde angesprochen, schaue und bemerke, das Konzept kenne ich doch und die Sabine Wirsching da auf dem Monitor doch auch!
    Die ist leider seid 10 Minuten weg. Schade! Wäre schön gewesen, dich dort zu sehen!
    Lass die ganzen Eindrücke noch wunderbar nachwirken!

  4. Verfasser schreibt:

    Schöner Bericht zu einem, wie es scheint, tollen Tag. Trotz und wegen München^^. Wenn ich es schaffe, mir nächsten Samstag schon wieder Kultur anzutun (das nimmt langsam überhand….), bräuchte ich noch genauere Koordinaten 😉

    • rocknroulette schreibt:

      ist das ein klares „ja“ zur lesung? es ist ja eine wohnzimmerveranstaltung und ich darf nur exklusive 5 leute einladen 😉 der eintritt kostet 5-10 euro, dazu gibt es mich, den singer-songwriter roy dahan und (vermutlich vegetarisch-veganes) Essen. ich reserviere gern für dich, just let me know! dann gibt’s auch die koordinaten.

      • Verfasser schreibt:

        whoa, jetzt bin ich in ’nem Dilemma, dankeschön 😉
        Ich würde dir gerne ein klares Ja geben – aber denk mir, ich durfte ja schon in Hamburg dabei sein und vielleicht gibt’s ja hier in der Stadt wen, der das Vergnügen noch nicht hatte und also die Einladung mehr verdient?
        Verzwickt!
        Ganz einfache Lösung für mich: Ich geb dir ein klares Ja, entscheide wie du magst :-p

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