10 Bücher, 1 Leben.

Im Moment gehen auf Facebook ja Pest, Cholera und Ebola um, besser bekannt als Icebucket-Challenge, „Für jeden Like eine Band“ und „10 Bücher, die dein Leben verändert haben“. Ersterem habe ich mich verweigert, da ich den Nominierer im Verdacht hatte, mich nur mal im Wet-T-Shirt sehen zu wollen. Bei Musik akzeptiere ich jeden Grund, um die Welt zu beschallen und als Ex-Buchhändler kann ich an der Bücherliste natürlich auch nicht vorbei.

Ich verzichte allerdings auf die Nominierung von 10 neuen Kandidaten, um dieser Kettenpostaktion den Hahn abzudrehen. Allerdings habe ich beim Auflisten festgestellt, dass ich gern das Was & Warum erklären würde. Schließlich beichtet man Hera Lind nicht ganz ohne Rotwerden. Aber so oder so: Die folgenden Bücher haben auf ihre jeweilige Art ihre Spuren und Denkanstöße bei mir hinterlassen.

KeepTheAspidistraFlying1 George Orwell – Die Wonnen der Aspidistra

Vermutlich habe ich kein Buch häufiger gelesen als die Geschichte von dem jungen Dichter Gordon Comstock, der sich mit seinem Traum, der Geldwelt zu entkommen, selber ein Bein nach dem anderen stellt. Als ich es mit 13, 14 zum ersten Mal las, habe ich nur Orwells klare, dramafreie Sprache geliebt – und auch den idealistischen Gordon, der alles für seinen Traum vom Schreiben aufgibt. Je älter ich werde, desto mehr frage ich mich, wann man sich mit der Fixierung auf ein einziges Ziel nicht nur das Leben, sondern auch das Ziel selbst verstellt. Und wie das Leben aussehen sollte, das beides vereint.

2 Ulrich Plenzdorf – Die Leiden des jungen W.

Es gibt einen ganz frühen Text von mir, der eine Schulaufgabe war: „Stell dir vor, Goethes Werther und Plenzdorfs W. treffen sich nach ihrem Tod. Was hätten sie einander zu sagen?“ Ich erinnere mich, dass ich diesen Text vorlas und ich zum ersten Mal bemerkte, dass mir zugehört wurde. Dass keiner mehr raschelte und kruschelte. Sondern zuhörte. Außerdem drückte sich Plenzdorf alltagstauglich aus. Charakterstark. Und das bringt mich direkt zur nächsten Gruppe:

3 Karen Duve – Dies ist kein Liebeslied
4 Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel seit das Pferd tot ist
5 Richard Yates – Zeiten des Aufruhrs

Alle drei haben gemeinsam, dass ich beim Lesen dachte: Das will ich auch können! So will ich schreiben können! So schlotzig-berührend und unsentimental wie Karen Duve, so deutlich und schwebend wie Selim Özdogan und so voller glasklarer Spannung wie Richard Yates! Der Özdogan hat sich mittlerweile etwas erledigt: Das „Pferd“ ist ein gutes Buch, wenn man Anfang 20 ist, dann klatscht einen diese himmelhoch-zu-tödlichbetrübte Liebesgeschichte vollkommen weg. Wenn man älter wird, lässt man die Zeit für solche First-Love-Stories sowohl in der Realität als auch im Fiktiven hinter sich. Für Duve und Yates gilt das nicht – sie enthalten genug Hoffnungslosigkeit, um zeitlos zu sein.

6 Stefan Zweig – Die Welt von Gestern
7 Stephen King – Das Leben und das Schreiben

Die beiden haben mich beim praktischen Schreiben am meisten geprägt. Bei Stefan Zweig war es der Absatz, bei dem er seiner Frau beim Mittagessen voller Glück den Erfolg meldet, dass er am Vormittag einen „ganzen Absatz gestrichen!“ habe. Seitdem hänge ich nicht mehr so sehr an meinen Lieblingen, sondern habe das Streichen als einen wertvollen Teil des Überarbeitens ins Programm aufgenommen. Stephen King… ich könnte jetzt grad gar nicht mehr ins Detail gehen, was mich da so umgehauen hat, aber das ist oft das beste Zeichen: Wenn ich irgendwas gar nicht mehr weiß, habe ich es oft derartig absorbiert, dass ich es nicht mehr zuordnen kann.

Woran ich mich erinnere: Ich habe nach seinem Vorbild einen Nagel in der Wand meines Schreibzimmers, an dem ich Verlags- und Wettbewerbs-Absagen aufhänge. In your face!

Philosophy_of_Punk_28 Craig O’Hara – The Philosophy of Punk
9 Jürgen Treipel – verschwende deine Jugend

Ich bin ja Spätzünder. Deswegen lese ich auch erst mit über 30 was über Punk. Aber Craig O’Hara hat es ziemlich gut drauf, die Philosophie einer per se quasi philosophiefreien Bewegung zu erklären.

Und zwar so gut, dass ich beginne an meiner geistigen Beschränktheit zu zweifeln: Geschichtsbücher habe ich nämlich nie verstanden (auswendiglernen für die nächste Klausur: ja; Zusammenhänge aufnehmen: nein), aber mittlerweile denke ich, dass das an der Sprache lag. Denn sowohl O’Hara als auch die Interviews von Jürgen Treipel machen von Aufbau und Sprache, dass ich verstehe. Könnte natürlich auch dran liegen, dass mich das Thema interessiert. Herrgott, sogar Elektro beginnt mich zu interessieren, seitdem ich weiß, dass der Punk an allem schuld ist.

10 Hera Lind – Ein Mann für jede Tonart

Apropos Spätzünder: Als alle anderen meiner Generation BRAVO lasen oder sich die Haare bunt färbten, habe ich die Buchvorräte meiner Eltern durchgeackert. Der Orwell war ebenfalls ein Beutestück auf dem elterlichen Regal, aber Hera Lind ist natürlich ein klassischer Fund aus dem Emanzen-Repertoire meiner Mutter. Und ja – die ersten Romane von ihr sind gar nicht übel! Damals war Frauenliteratur nämlich nicht durchgängig pink & bescheuert, sondern durchaus klug und witzig.

Ab „Die Zauberfrau“ war zwar auch bei Hera Lind Schluss, aber vorher war sie ganz gut. Allerdings als Lektüre für Teenagermädchen vielleicht nicht unbedingt geeignet, denn die Beziehungsmodelle einer Pauline Frohmuth sind nicht unbedingt etwas, das einem Respekt vor Männern einflößt. Es killt den Gleichberechtigungsgedanken, wenn man den anderen als liebenswerten Idioten vorgeführt bekommt. Dennoch: Es hinterließ Spuren. Aber inzwischen färbe ich mir die Haare, lese HuffPost und versuche, die Geschlechter wieder in Balance zu bringen. Es gibt also noch Hoffnung.

Für alle, die jetzt auf den Listen-Geschmack gekommen sind: Für meine Gerockt-nicht-geschüttelt-Kolumne habe ich sowas übrigens auch schon mal über Musik gemacht.

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27 Gedanken zu “10 Bücher, 1 Leben.

  1. stefanini schreibt:

    Vor ein paar Tagen habe ich mir überlegt, dass ich als neue Reihe auf meinem Blog über Bücher schreibe, die für mich auf irgendeine Weise Bedeutung haben (Lesezeiten). Dass es gerade als „Challenge“ herumgeht, wusste ich allerdings bis zu deinem Post nicht.
    Interessant ist, dass ich von deinen Büchern nicht eins gelesen habe. Obwohl ich Zweig sehr mag, habe ich bisher um „Die Welt von gestern“ einen Bogen gemacht.
    Mal sehen, ob ich das eine oder andere Buch von dir in meine Noch-zu-lesen-Liste aufnehme. 🙂

    • rocknroulette schreibt:

      es ist witzigerweise der eintzige zweig, den ich bisher las.
      und meine bewunderung für ihn ist grenzenlos… für seine sprache, sein leben… und nicht zuletzt für die leistung (die allen autoren seiner zeit gebührt), ein so dickes buch ohne computer zu schreiben & zu bearbeiten. da bin ich wahrlich ein kind der 2.0-ära.

  2. westendstorie schreibt:

    Daaanke, mit Beschreibung sogar noch viel besser ! Und den King… ja also den Kauf ich mir genau heute. Das dritte Mal das er mir quasi vor die Füsse fällt. Er gehört wohl ins Bücherregal, Abteilung: Bücher die immer da bleiben müssen 🙂

    • rocknroulette schreibt:

      orwell hat einiges mehr geschrieben als „1984“ und „animal farm“. er hatte ein wirklich vollgepacktes leben (kolonialbeamter in indien, tellerwäscher in paris, tramp in london, journalist in katalonien und in englischen bergwerken…) und ähnlich jane austen hat er quasi immer beschrieben, was er kannte. sehr hautnah, sehr authentisch und immer unaufgeregt. nur zu empfehlen!
      schon der allein würde sich zum nach-lesen lohnen.

  3. Candy Bukowski schreibt:

    Klasse Erweiterung! Macht Spaß zu lesen. Und danke für die Erinnerung an Özdogan – Es ist so einsam im Sattel seit das Pferd tot ist. Was war das damals für ein großartiges Buch. Und wie konnte ich nur Tommie Bayer (ey?) vergessen, mit „Das Herz ist eine Miese Gegend?“. Bei Duve sind wir uns einig. Unsentimental. Hm. Hart. Schmerzhaft. Groß. Irgendwann muss ich mich mal an Stephen King „Das Leben und das Schreiben“ wagen. Hat mich jetzt so oft gestriffen, dass es wohl an der Zeit ist. Aber da ich mich gerade erst therapeutisch einem 1000 Seiten Roman über Venedig gestellt habe, um die emotionale Landkarte nicht in Teilen auszuradieren, wird es wohl noch ein wenig dauern. 😉

    • rocknroulette schreibt:

      thommie bayer – ob mit „ey“ oder „ay“, nie gelesen. hab ich da was verpasst.
      die duve: einsames daumenhoch, die frau ist einfach spitze. so will ich mal sein, wenn ich groß bin 😀
      und der stephen king ist wirklich sehr empfehlenswert und auch leicht und unterhaltsam. stephen king eben!
      wie meinst du das mit den 1000 seiten venedig? lesen, schreiben, bereisen? details, bitte.

    • rocknroulette schreibt:

      heute sind frauenbücher halt pink & peinlich, damals waren sie noch sehr emanzenlila, aber dafür teilweise gar nicht übel… welche hast du denn gelesen (um bei den peinlichkeiten zu bleiben)?

      • Sunny schreibt:

        Ich habe in der Schule damals von einem etwas unkonventionellen Deutschlehrer „Das Superweib“ aufs Auge gedrückt bekommen und das ist eins der Bücher, die ich gefühlte 100 Mal gelesen habe. Nicht weil es so unfassbar toll ist oder gar lebensverändernd, sondern eben weil es so leicht und locker ist und mir immer geholfen hat, wenn ich zu viel gegrübelt habe. Außerdem hab ich alle Bücher von ihr zwischen „Ein Mann für jede Tonart“ und „Hochglanzweiber“ gelesen. Danach habe ich dann irgendwann den Faden verloren, irgendwie haben die Geschichten mich immer weniger dazu verführt, weiter zu lesen.
        Von den pinken Frauenbüchern, die im Moment so auf dem deutschen Markt unterwegs sind, lese ich nur Ildiko von Kürthy… Aber auch von ihr liebe ich die ersten Werke deutlich mehr, „Herzsprung“ ist mein absoluter Liebling. Kennst Du sie?

      • rocknroulette schreibt:

        das ist ja wirklich mal eine SEHR interessante schullektüre 😀 wurde die dann auch anstänig interpretiert etc.?
        Beim „superweib“ bin ich dann langsam ausgestiegen, glaube ich… da war noch irgendwas, wo die hauptfigur viel lief und einen südafrikanischen babysitter als lover hatte – aber dann: ende 😀
        und auf die gefahr hin, dass du nicht mehr mit mir sprichst… aber die von kürthy find ich ziemlich grausam 😀 hab aber auch nur „herzsprung“ gelesen.

      • Sunny schreibt:

        Wieso sollte ich denn nicht mehr mit Dir sprechen? Das ist ein freies Land, und ich lege Wert auf eigene Meinungen 😀 Die Ildiko kann ja nicht jedem gefallen.

        Najaaa. Der Deutschlehrer war eher so ein „Ey Leute, ich bin voll euer Kumpel und wir machen jetzt mal, was IHR wollt“… es gab zwar eine Klausur mit „Interpretation“ vom Superweib, aber viel rumgekommen ist dabei nicht… da fand ich dann später die Gedichte von Frost interpretierenswerter 🙂

        Das mit dem Babysitter als Lover ist „Der gemietete Mann“. Da fing es schon für mich an, nicht mehr so toll zu sein… diese Leichtigkeit der ersten Bücher hat für mich nach „Das Weibernest“ aufgehört. „Der doppelte Lothar“ war nochmal so ein Aufbäumen, aber dann war’s für mich vorbei. Naja. Dafür entdeckt man dann andere Bücher 🙂

        Sag mal, kann ich Deinen Post bei mir verlinken? Hätte ja auch mal Bock auf so eine Liste…

      • rocknroulette schreibt:

        „der gemietete mann“, na klar! das war es.
        hihi, ich stelle mir grad vor, wie man eine wert- und sinnvolle diskussion über männerlose haushalte zu führen 😀
        und genau: zum glück sind bücher genau wie jede andere kunstform eine geschmackssache. wäre ja langweilig sonst.

        meinen post kannst du sehr gern rebloggen/verlinken/wasauchimmer. bin gespannt auf deine titel!

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