Begleitmusik Juli.

Song des Monats: Black Sabbath „Iron Man“ (1970)

Die Karten für das Konzert in der Wuhlheide habe ich vor allem deswegen gekauft, weil ich eine Legende in Form eines alten Mannes nicht einfach vorbeitouren lassen wollte. Bis auf „Paranoid“, „Iron Man“, „Dreeeeeeeama“ und ein bisschen was vom neuen Album bin ich nämlich alles andere als ein Ozzy-Experte. Ich weiß, dass das mit der Fledermaus ein Versehen war und er angeblich ein Neandertaler-Gen hat (äußerst praktisch in Sachen Drogenkonsum). Und dass seine „bösen, satanischen, todesverherrlichenden“ Texte der Grund dafür sind, warum es den Explicit-Content-Button auf CDs gibt. Sämtliches Restwissen in Form von „Sharon, die verdammten Hunde haben schon wieder auf den Teppich gepisst!“ habe ich vor über 10 Jahren angesammelt, als es auf MTV noch „The Osbournes“ gab, Kelly und Jake fette Teenies waren und Ozzy ein klappriger Schatten seiner selbst.

Aber das ist Vergangenheit: In der Wuhlheide stürmte er im schwarzen Trappermantel die Bühne – und beherrschte sie. Kein Zittern, kein Sabbern, kein „der verdammte Brotbackkanal“. Stattdessen gab es auffallend oft Gottes Segen (wenn Satan nicht mehr fetzt, muss halt was anderes her) und gute zwei Stunden volles Programm. Am Neander-Gen muss wohl was dran sein, dieser Kerl ist fit! Oder wie er vor Jahren im Interview mit Markus Kavka sagte: „Ist das nicht typisch? Da konsumiere ich jahrelang Kokain und Alkohol, und eine 5 km/h-Fahrt mit einem Quad bringt mich dann beinahe um.“

Wie auch immer. Das Konzert war großartig, bis auf eine kleine Schlägerei vor uns, bei der ein schmächtiges Kerlchen dachte, er habe ebenfalls ein Neandertaler-Gen – oder jedenfalls das Recht, sich spuckend und rempelnd wie einer zu benehmen. Nun ja. Er wurde von zwei Mammuts zum Schweigen und Verpissen gebracht, bevor der vorletzte Song die Wuhlheide erschütterte: „Da-da, dadam-da, dadadadadada… has he lost his mind? Can he see or is he blind?“  You’re still the fucking Prince of Darkness, Ozzy, God bless you.

Album des Monats: Bad Religion „The Empire Strikes First“ (2004)

Ich war natürlich mit meiner Oma unterwegs, als ich Mitte der 80er in Hannover meinen ersten Punker sah: einen dürren Typen in Lederjacke und einem gewaltigen Irokesen, der in allen Regenbogenfarben leuchtete. Und zur Freude der ganzen Straßenbahn verkündete ich lauthals: „Wenn ich mal groß bin, will ich auch bunte Haare!“ Na ja, Rot hab ich schon mal geschafft. Ansonsten gibt’s über Punk für mich noch viel zu lernen. Ich hab zwar hier und da ein bisschen (College-/Folk-)Punk gehört, aber da gibt’s ja wesentlich mehr – ich lese und höre grad fleißig. Auf der Live-Liste stehen Social Distortion noch ganz oben, und Bad Religion direkt dahinter.

„The Empire Strikes First“ habe ich in meiner Ausbildung wohl tausend Mal gehört und in meiner Vorstellung brannten nicht die Hills of Los Angeles, sondern die bis zum Überdruss bekannten Hügel der heimischen Kleinstadt. Witzigerweise rief Greg Gaffin auf der Bühne im Huxley’s Erinnerungen an ebendiese Stadt wach – denn auf den ersten Blick sah er aus wie mein damaliger Chemielehrer. Bis er den Mund aufmachte und aus dem Gesicht eines reiferen Bankangestellten/Versicherungsvertreters/Kramladenbesitzers eine der mächtigsten Stimmen des Punk kam. BÄM! Der Moment hat mich echt umgehauen: Optik sagt gar nichts, der Mann steht auch nach 100 Jahren noch hinter jedem Wort und hinter jedem Moment. Sehr, sehr erfrischend nach all dem going out in style der Rock’n’Roll-Szene. Und ein Grund, sich für mehr als nur die Haarfarbe zu interessieren.

Es ist der Monat der Legenden!

Advertisements

6 Gedanken zu “Begleitmusik Juli.

  1. kaetheknobloch schreibt:

    Mit Vergnügen gelesen, Verehrteste. Und g’schamig erinnert an meine Vornahme, alle Ihre Bonfortionösmusikketexte nachzulesen…
    In Ihr Monatderlegendengejubel stimme ich hurraend ein: Dresden, Elbwiesen, Freitag:Broilers, Samstag: Neil Young! Isses nicht zum Murmeligkringeligfreuen?! Hachende Grüße, Ihre Frau Knobloch.

    • rocknroulette schreibt:

      ich muss sagen, dass meine broilers-phase kurz war… vor VANITAS ist die mischung aus samys uneingerittener stimme, teenromantik und manchmal doch recht kabbeliger textstruktur zuviel/-wenig für mich… und nach SANTA MUERTE haben sie es einfach zu gut hingekriegt 😀 aber die beiden alben: spitze.
      aber ich wünsche sehr viel spaß!! und bin gespannt, wie sich der young-kontrast dazu macht!

      • kaetheknobloch schreibt:

        Die Zuguthinkriegerey gönne ich ihnen ganz besonders. In meinen Augen ging das nicht mit Verbiegerey einher, wie ihnen oft vorgeworfen wird. Herrjey, wir wollen alle leben und Mammonverdienen ist zwar manchmal unkuhl, aber notwendig. Bitte beziehen Sie diese meine Worte nicht auf sich, ich weiß, daß Sie Musik nochmal ganz anders wahrnehmen, vielschichtiger und mehr behintergründet. Deshalb mag ich Ihre Kritiken ja so gerne…
        Auf den Herrn Jung freue ich mich sehrst. Hat was mit der Knoblochverpilcherungsgeschichte zu tun. Hachachende Grüße und danke für die Spaßbewünschung, Ihre Käthe.

      • rocknroulette schreibt:

        verbiegen & kommerz, das ist immer so eine sache. keiner soll es nur noch für geld tun – aber glückwünsche an jeden, der endlich das alltagshamsterrad für den großen traum hinter sich lassen kann! … und keiner soll es nur noch so machen, wie es glatter ins ohr geht – aber darf man eigenes wissen & können deswegen nicht bestmöglich nutzen?
        am ende entscheidet das jeder allein und als eine, die immer besser werden & mal ein buch verkaufen will, sag ich: wenn man einen traum hat, sollte man nur sich treu sein und nicht dem schubladengedenke der anderen. veränderung gehört wohl dazu (auch wenn ich persönlich gern noch ein santa muerte gehabt hätte…) ganz richtig so, jungs & mädel.

      • kaetheknobloch schreibt:

        An mein Herz, meine Liebe! Sie sind auch eine Ganzrichtigdenkendundhandelnde, ja. Ihr Buch bekommt jetzt schon einen Platz in einem meiner Regale, ich freue mich. Das wird ein Papiersantamuerte, ganz sicher!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s