Kriegsostern oder Meine Oma, die kleinkriminelle Schnökerin.

Meine Oma ist 1926 geboren und während des Krieges aufgewachsen. Ihrer Familie ging es dabei nie so schlecht wie vielen anderen – Uropa arbeitete auf einem Schlachthof und hatte einen Riecher für die gebutterte Seite des Brötchens.

Nichtsdestotrotz war meine kleine Oma eine Naschkatze und hatte immer Platz für einen Zusatzhappen. Unvergessen ist ihr Besuch bei einer Nachbarsfamilie, bei denen gerade Mittag gegessen wurde. Um selbst einen Teller Warmes abzustauben, verkündete Klein-Oma mit unerschütterlicher Ernsthaftigkeit: „Meine Mutter kocht nicht!“ Und brachte ihre Mutter damit vermutlich entweder für immer in Misskredit oder handelte sich selbst einen Ruf als verfressenes Kind ein. Oder beides. Einen vollen Teller hat sie auf jeden Fall bekommen, der Rest ist nicht überliefert.

Die Geschichte von Omas einzigem und auch noch erfolgreichen Betrug ist jedoch eine andere: Es muss Ende der 1930er Jahre gewesen sein, auf jeden Fall waren die Lebensmittel schon rationiert und nur noch auf Marken zu erhalten. Fett und Zucker waren Kostbarkeiten – und dass es zu Ostern Schokoladeneier geben sollte, wurde geradezu gefeiert. Vier kleine Tüten Schokoeier wurden geholt, für meine Oma, ihren Bruder und die Eltern, und von der Uroma sorgsam oben auf dem Küchenschrank verstaut, denn bis Ostern war es noch etwas hin.

Lang genug, als das niemand merken würde, wenn sie hier und da ein Schokoei essen würde, beschloss meine Oma. Und so schlich sie täglich zum Schrank, nahm jeden Tag aus einer anderen Tüte ein Stück und genoss es. Bis der Moment kam, an dem die Tüten beinahe leer waren.

So naschfreudig sie war, so panisch wurde meine Oma nun: Was sollte sie tun? Sie hatte ja nur etwas „schnökern“ wollen (so der hannöversche Ausdruck), doch jetzt würde sie die anderen um ihre Osterfreude bringen.

Die einzig mögliche Lösung nahte in Form eines kriminellen Aktes: Meine Oma fälschte das Markenheft. Zu ihrem Glück hatte die Krämerin das Feld für die Ausgabe der Ostertüten nur nachlässig mit einem Bleistift abgestrichen. Mit rasendem Herzklopfen radierte meine Oma das Bleistiftzeichen nun aus und schlich mit weichen Knien in den Laden. Sie hatte panische Angst. Was würde passieren, wenn man sie erwischte?

Doch alles ging gut: Ohne genau hinzuschauen, reichte ihr die Krämerfrau vier Pakete über die Ladentheke und knallte einen dicken blauen Stempel in das Markenheft. Meine Oma flitzte mit den neuen Tüten nach Hause, deponierte sie oben auf dem Schrank und verzog sich mit den übriggebliebenen Eiern aus der ersten Ration in eine dunkle Ecke. Schließlich musste gefeiert werden, dass sie bei der ganzen Aktion keinen Herzinfarkt bekommen hatte.

Kriminell ist sie nie wieder geworden, aber Schokolade liebt sie immer noch (besonders mit Ingwer).

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16 Gedanken zu “Kriegsostern oder Meine Oma, die kleinkriminelle Schnökerin.

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