noisy Neighbours #40: 10 Jahre Sinnbus.

Für das noisy Neighbours, das Zine für Musik, Film, Literatur und mehr, habe ich ein Interview mit Peter Gruse und Uwe Bossenz vom Berliner Label SINNBUS gemacht:

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Es war einmal… Ende der 1990er in Berlin. Ein lockerer Zusammenschluss von 30 jungen Musikfanatikern will mehr erleben als die damals üblichen Konzerte und vor allem „zusammen was Cooles“ machen. Sie beginnen, eigene Veranstaltungen zu organisieren: Mit Bands aus den eigenen Reihen, DJs und experimenteller Musikdarbietung. Mit Umgestaltung von Locations nach ihren eigenen Vorstellungen und Publikumsaktivitäten – kurz: sie brechen die herkömmlichen Regeln von Performance und Konsum. Vor allem zu ihrem eigenen Vergnügen – aber das Konzept kommt an. Der große Kreis der Beteiligten zerstreut sich über die Jahre, doch aus der coolen DIY-Idee entwickelt sich ein Label: In diesem Jahr feiert Sinnbus sein 10-jähriges Jubiläum. Im Interview plaudern die Mitgründer Peter Gruse und Uwe Bossenz aus der Plattenkiste über das Wieso, Woher und Wohin.

Was gab damals den Ausschlag, ein eigenes Label zu gründen?

Peter: Wir haben keine andere Möglichkeit gesehen. Wir kannten keine Labels, hatten das Gefühl, dass niemand unsere Musik so mag wie wir, und hatten einfach Bock, selbst was zu machen.

Uwe: Der Gedanke, einfach ALLES veröffentlichen zu können, was unserem Umfeld entspringt, war verlockend – die gute Musik, die der Welt unserer Meinung nach gefehlt hat, zu den danach Suchenden zu bringen. Dieser inhaltlich-motivierte Basisgedanke zählt bis heute.

Auch der Labelname wird basisdemokratisch entschieden: Dabei entstehen wilde Kreationen wie „Synapsencafe“, „flame‘n’go“, „Anoraq“ oder „rözig“ heraus. Warum „Sinnbus“ es schließlich geschafft hat, weiß keiner mehr. Die einen finden den Namen bis heute super, die anderen nicht so – aber letztlich zählt für alle, was sich dahinter verbirgt.

Mit dem ersten Seidenmatt-Album seid ihr 2003 so richtig in die Produktion eingestiegen. Wie würdet ihr eure Entwicklung beschreiben?

Peter: Organisch, natürlich, gesund (lacht). Wir sind nach wie vor basisdemokratisch organisiert, aber nach 10 Jahren hoffentlich besser strukturiert als damals.

Uwe: Ich glaub, heute sind wir sogar noch demokratischer in unseren Entscheidungen. Einerseits ist das mit 4 Leuten auch leichter umzusetzen als mit 30. Andererseits haben unsere heutigen Entscheidungen wesentlich mehr Tragweite, darum müssen wir uns da schon einig sein.

Wäre ein Projekt wie Sinnbus auch in einer anderen Stadt als Berlin möglich? Oder umgekehrt: was macht Berlin als Standort so geeignet?

Peter: Das ist eine gute Frage. Berlin hat bisher immer viel Raum für Konzerte und Experimente zugelassen und ist Weltstadt und Dorf zugleich, das hilft natürlich sehr. Aber im Grunde haben wir unser Umfeld selbst mitgeprägt und man sieht ja, wie solche Gemeinschaften auch an anderen Orten wachsen können – etwa der Zughafen in Erfurt. Es entstehen immer wieder an bemerkenswerten Orten Szenen, mit denen man nicht gerechnet hätte, weil ein paar Leute mit Leidenschaft einfach etwas machen.

Uwe: Das stimmt. Allerdings denke ich, dass die musikalische Besonderheit bei Sinnbus natürlich auch der großen Stadt zu verdanken ist. Dass sich so viele verschieden gute und unverwechselbare Musiken in einer Kleinstadt versammeln, ist eher weniger wahrscheinlich. Und natürlich spielt die Nachwendezeit eine wichtige Rolle in unseren persönlichen Entwicklungen und dem Entdecken der Musik als Ausdrucksmittel. In den 90ern war in Berlin einfach unfassbar fruchtbarer Boden.

Mit seiner Backlist lässt sich Sinnbus dabei in keine Schublade quetschen: „Indie“ passt auf die Größe des Nicht-Major-Labels nach wie vor, aber genretechnisch geht es hier buntgemischt zu. Das Label bietet ein breitgefächertes Nischen-Angebot und fährt bei der Bandauswahl eine erfrischend selbstbestimmte Strategie. Gestartet wurde mit Postrock, dazu kamen Indiepop und Noise und der „etwas andere Elektrosound von Berlin“ – sprich BODI BILL und Philipp Millner von HUNDREDS.

Hier zählen nicht Kategorien und Definition – sondern …?

Peter: Um Qualität und letztendlich ganz egoistisch um unseren eigenen Geschmack. Wir selbst sind unsere größten Kritiker und die Musik muss unseren Ansprüchen genügen.

Uwe: Ganz klar der eigene Geschmack, der sich hoffentlich weiter so wandelt wie bisher. Es ist ein musikalischer Anspruch, was Neues zu machen. Neues erfinden ist heute schwer, aber es geht um eine neue Kombination der Teile. Dadurch kann uns ein kühles Technostück genauso umhauen wie wüstes Gitarrenchaos oder der ganz große Pop-Pathos. Und außerdem stehen wir drauf, wenn man der Musik beim dritten Hören noch mehr abgewinnen kann als beim ersten.

Wie wählt ihr eure Bands aus?

Peter: Indem wir uns bei Konzerten wegblasen lassen!

Uwe: Die Bands müssen definitiv live berauschend sein. Das Ganze dann auf Platte zu übertragen ist teilweise eine große Schwierigkeit, aber bei der können wir ja dann sehr gut unterstützen. Manchmal gibt‘s auch versteckte Rohdiamanten. Da klemmen wir uns dann dahinter. Und irgendwann kommt erst die Liveumsetzung.

Wie real ist der klassische Traum vom Knaller-Demo im Briefkasten oder der zufälligen Entdeckung eines Straßenmusikers?

Peter: Meistens werden uns die Bands empfohlen, aber wir hatten auch schon spannende Demos. Alles ist möglich.

Uwe: Im Netz entdecken wir mitunter auch tolle Bands. Zufällig oder beim Suchen. Es wird aber längst nicht alles zu einer Veröffentlichung. Mitunter trennen sich die Wege auch vorher wieder, wenn man merkt, dass man nicht 100%ig zusammenkommt.

Was sind die Vor- und Nachteile dabei, dass Sinnbus sich nicht auf einen Stil oder ein Genre beschränken lässt?

Peter: Uns selbst fällt es leichter, da wir uns ja immer wieder auf etwas Neues freuen und so nicht das Gefühl haben, dass wir uns wiederholen. Aber ganz klar, gegenüber den Medien sind die verschiedenen Stile nicht so leicht zu vermitteln. Wir bemerken ja, dass viele Leute nur 1, 2 Platten kennen und uns dann mal als Postrock-, mal als Elektro- oder Indie-Label wahrnehmen. Aber inzwischen erkennen immer mehr, dass da hinter eine Qualität steckt, die den Zugang zu verschiedenen Musiken ermöglicht.

Uwe: Ich hätte größere Schwierigkeiten damit, ein reines Spartenlabel zu betreiben. Da bestünde die Gefahr, irgendwann ein ganz bestimmtes Klientel auf ziemlich präzise Art und Weise bedienen zu müssen. Davor hätte ich Angst.

Ist die musikalische Nische ein fester Anspruch für euch oder gibt es eine Orientierung am sogenannten Mainstream?

Peter: Fest ist lediglich der Anspruch an die Musik. Wenn die einmal Mainstream werden sollte, dann war das keine bewusste Entscheidung.

Würde es euch Kopfzerbrechen bereiten, wenn eine eurer Bands etwa auf dem nächsten Bravo-Hits-Sampler auftauchen würde?

Peter: Nein.

Uwe: Früher wär für uns sowas undenkbar gewesen. Heute kann man die Verhältnisse viel besser einschätzen. Wenn das Inhaltliche stimmt und wir von der Band und ihrer Musik überzeugt sind, dann gibt es nichts, worüber man sich da ernsthaft den Kopf zerbrechen müsste. Da ist es eher ein gutes Gefühl, dem Mainstream so ein raffiniertes Kuckucksei ins Nest gelegt zu haben.

Es begann mit Musik aus dem eigenen Umfeld, mit Freunden und Bekannten, über die Jahre hat sich dieser Bandpool stark erweitert. Eine „Famirma“ sind sie trotzdem geblieben.

Der Begriff stammt von Daniel Spindler und setzt sich aus Familie und Firma zusammen – wie ist das gemeint?

Uwe: Der Firmenaspekt ist, dass wir zusammen einen wirtschaftlichen Betrieb betreiben, mit konkreten Aufgabenverteilungen, geschäftlichen Bündnissen zu Dritten und mit ‘nem Steuerberater. Der Familienaspekt bezieht sich aufs Persönliche: Wir kennen uns seit tausend Jahren, sind beste Freunde und werden immer zusammen irgendwas machen. Vielleicht für immer die Famirma Sinnbus. Bis wir Famillionäre sind.

Die Vermischung von Arbeit und Privatleben ist also nach wie vor gewünscht und gewollt?

Uwe: Wenn man beim Arbeiten nicht richtig merkt, dass es ‘ne richtige Arbeit ist, und wenn man morgens gerne in den Betrieb geht, hat man schon mal gewonnen. Somit war es gut, dass wir unsere Hobbies zu unseren Berufen gemacht haben. Das war gewünscht und ist weiterhin gewollt. Steht das Wort „Privatleben“ aber als Synonym für Freizeit, ist das ein Punkt, an dem sich noch was ändern sollte. Bei allen von uns. Da es unser Baby ist, spielt Sinnbus natürlich eine omnipräsente Rolle in unser aller Leben – eine den meisten Dingen übergeordnete Rolle. Aber Familie, Fahrradfahren und nachts Augen zumachen ist ja auch cool.

Dementsprechend ist die Famirma mittlerweile auch dem ersten Hauptquartier entwachsen: Aus Martin Eichhorns Wohnung ging es in ein großes Haus im Stadtteil Wedding. Hier arbeiten knapp 30 Personen: Neben Uwes Tonstudio gibt es ein Fotostudio und eine Filmproduktionsfirma; dazu kommen Martins Designfirma sowie Programmierer und Architekten. Dazwischen erledigen Peter, Daniel und Laureen Kornemann das Sinnbus-Tagesgeschäft – so bleiben die Wege kurz.

Von der Freundschaft zur Zusammenarbeit zur zunehmenden Professionalität – wie gut lief das? Gab es auch schmerzhafte Erfahrungen?

Peter: Es gab insgesamt 7 Gesellschafter. Sebastian Cleemann, Jan Heinemann und Thomas Kastning sind inzwischen eigene Wege gegangen. Es hat sich dabei alles sehr organisch entwickelt. Irgendwann fing Daniel an, Vollzeit für Sinnbus zu arbeiten, später ich. Schmerzhafte Erfahrungen gab es natürlich auch. Wir haben Fehler gemacht, wir haben große Enttäuschungen erlebt, aber auch sehr viele tolle Momente erlebt.

Was hattet ihr eigentlich mal werden wollen, als euch Sinnbus in den Weg kam?

Uwe: Wir waren ja grade alle aus der Schule raus, als wir damit angefangen haben. Und irgendwie hatten die wenigstens in unserem Umfeld genaue Karrierevorstellungen. Na ja, und in der Phase im Leben, in der man sich normalerweise selbst findet, haben wir den oben genannten Kram gemacht. Dadurch hatten wir frühzeitig eine starke Identifikation mit der Sache. Und haben sicher von Anfang an auch heimlich davon geträumt, das für immer irgendwie weitermachen zu können. Ergänzend muss man aber sagen, dass wir ja alle studiert haben und teilweise ja auch „Berufe“ außerhalb vom Labelgeschäft haben. Ich mache z.B. viel Filmmusik und Sounddesign. Aber die Grenzen verschwimmen sehr.

Auch Handwerk und Labeldenkarbeit sind nicht weit voneinander entfernt: Bei Sinnbus gab es noch bis vor 5 Jahren handgefertigte Platten-Artworks. Heute werden die nach wie vor mit Liebe gestalteten Papp-Cover von Flight13 Duplication geliefert – und natürlich entstammt dieser Karlsruher Partner ebenfalls der DIY-Szene.

Wie wichtig ist euch echte Handarbeit?

Uwe: Zu dem Thema muss ich sagen, dass das so eine romantische Geschichte ist, die uns anhaftet. Aber für uns war das reiner Pragmatismus. Sobald wir es uns leisten konnten, unsere Art von Cover komplett fertigen zu lassen, haben wir das auch wahrgenommen. Das Basteln hat uns ja damals viel Zeit geraubt. Heute wäre das unmachbar und auch undenkbar. Wir brauchen unsere Kraft ja für die tatsächliche Label- und Verlagsarbeit.

Apropos Romantik: Als ihr Sinnbus gegründet habt, waren die Goldenen Zeiten der Musikindustrie bereits vorbei. Was bedeutete das für euch?

Uwe: Der Vorteil ist, dass wir die Goldenen Zeiten nie erlebt haben und von daher auch nie einen Abstieg erleben mussten. Bei uns geht‘s einfach in TipTop-Schritten bergauf. Natürlich wissen wir, dass das trotz unserer großartigen, äußerst relevanten Musik verhältnismäßig langsam geht. Aber wir sind einfach hart im Nehmen, da wir‘s nicht anderes kennen. Der Nachteil ist, dass wir uns kein großes finanzielles Polster anfuttern.

Peter, du nennst Sinnbus „unter ökonomischen Gesichtspunkten Schwachsinn“– was zählt für euch im Leben, wenn es das Geld nicht ist?

Peter: Klar, die Musik – aber auch das zu tun, was man will, an einem Ort, den man selbst gewählt hat.

Uwe: Es muss wohl genauer heißen, dass wir kaum davon leben können. Aber trotzdem stimmt es natürlich, dass Geld nicht der Ansporn ist. Was für uns im Leben zählt, ist eine so umfassende Frage, dass man mit einer oberflächlichen Antwort schon ‘ne Seite füllen kann. Kurzgefasst: Gemeinsam was Cooles machen. Ein schlauer Mann hat mal gesagt: „Es hätte auch passieren können, dass wir uns nicht sehen, so nah wie wir uns stehen. Es hätte auch passieren können, dass wir lieber fernsehen.“

Was müsste passieren, damit ihr doch davon leben könnt? Ist das überhaupt ein Ziel?

Peter: Ja, wir wollen weiter davon leben können und wir arbeiten sehr hart daran.

Uwe: Da muss jetzt kein Wunder passieren, sondern einfach weiter gearbeitet werden auf unserem Weg. Noch ein paar Tiptop-Schritte weiter. Und natürlich brauchen wir tolle Bands, mit denen wir den Schulterschluss eingehen können und die Feuer haben. Dann treten wir uns gegenseitig in den Hintern, bis der Landen brummt!

Was sind eure nächsten Ziele?

Uwe: Wir haben im nächsten halben Jahr zwei sehr wichtige Veröffentlichungen anstehen. Das Debut-Album von UNMAP und das neue Album von HUNDREDS. Unser Ziel ist es, mit beiden Platten wieder einen großen Schritt zu machen.

Wenn ein Riesenlabel – sagen wir Universal – euch aufkaufen wollen würde, was wäre euer Preis?

Uwe: Der Preis den WIR zahlen würden, wäre der, über den es zu reden gilt. Und der wäre sehr hoch. Wir würden unseren Traum von der eigenen Bude aufgeben und nie erfahren, was noch hätte passieren können. Außerdem wollen wir ja die Letzten sein, die übrig sind.

Was könnte euch denn jetzt noch aufhalten?

Uwe: Ach, Horrorszenarien gibt es schon einige, aber ich denke, dass wir durchhalten. Von daher: Uns kann nichts stoppen!

Vielen lieben Dank für eure Zeit und auf erfolgreiche weitere Jahrzehnte!!

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