DYNAMITE #86: Bonsai Kitten im Interview.

Mit ihrem neuen Album „Occupy Yourself“ schlagen die vier Berliner nicht nur auch ungewohnt pop-melodische Seiten an, sondern rufen auch zur Veränderung auf: Statt gleich Wallstreet zu okkupieren, soll jeder erst mal bei sich selbst anfangen.
Ihr aktuelle Platte beweist jedenfalls, dass Bonsai Kitten sich immer wieder neu erschaffen können.

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Es waren einmal vier Kätzchen, eingesperrt in einer kleinen, japanischen Glasflasche… ist natürlich Bullshit. Bis auf eins: Bonsai Kitten wurden in Japan gegründet. Aber die Berliner lassen sich in keine Flasche und erst recht in keine Schublade quetschen: Mit ihrem neuen Album „Occupy Yourself“ erfinden sie sich neu – ein wenig poppiger, mit neuer Besetzung und vor allem überraschend politisch.

DYNAMITE: Seit dem letzten Album 2012 gab es einen Line-Up-Wechsel. Highko, wie bist Du zu Bonsai Kitten gekommen?

Highko: Ich habe Bonsai Kitten 2011 am 1. Mai in Kreuzberg live gesehen, nachdem mich ein Freund dorthin geschleppt hat. Ich wollte eigentlich nach Hause gehen. Wir kamen zu der Bühne, Bonsai Kitten legten los und bei mir hat es bääm! gemacht. Ich hatte sofort ein Kribbeln in mir und wusste, bei denen im Proberaum werde ich mal den Gitarrenkoffer aufmachen. Verrückt, aber es war so! Als dann klar war, dass Hajo Sun die Band verlassen wird, habe ich Marleen kontaktiert. Sie hat mir ein paar Songs zum Üben gegeben und dann hab ich geübt (lacht)

DYNAMITE: Was hat sich durch das neue Bandmitglied verändert?

Alexx: Highko hat durch seine musikalischen Vorlieben und Erfahrungen in vielen verschiedenen Musikrichtungen einen ganz eigenen Sound, der sich auch auf den Bonsai-Kitten-Stil und das Songwriting auswirkt.

Tiger Lilly Marleen: Durch Highko kam noch mal ein ganz frischer Wind und neue Energie in die Band, was sich auch live bemerkbar gemacht hat. Wir haben uns mit Highko schnell an neues Material gemacht, weil schon so viele Ideen da waren. Anfang 2013 haben wir uns intensiv mit dem Fertigstellen der neuen Songideen beschäftigt, was ziemlich schnell ging und auch sehr viel Spaß gemacht hat.

DYNAMITE: Was sind Highkos und auch Krczycz‘ Anteil am Songwriting?

Tiger Lilly Marleen: Highko kommt sehr häufig mit Gitarren-Riffs an, die meist schon sehr direkt und offensiv sind. Die passen dann von der Intention schon sehr gut zu meinen Texten und Melodien. Das sind dann Song-Gerüste, die die ganze Band zusammen weiterentwickelt.

Krczycz: Da ich nicht so aus der Punk-Ecke komme, hab ich immer noch ein paar Akkord-Vorschläge oder rhythmische Ideen. Das sorgt manchmal für einige Diskussionen. Aber was wäre eine Band ohne Reibung? Reibung erzeugt neue Energie.

DYNAMITE: Die neuen Texte beschäftigen sich viel mit gesellschaftlichen Themen. Wie ist es dazu gekommen?

Tiger Lilly Marleen: Für mich ist Musik eine Kunst. Und Kunst berührt nur, wenn sie echt und authentisch ist. Mich persönlich interessieren keine Songs, in denen fiktive Gestalten oder ausgedachte Situationen besungen werden. Ich mag Bands, die was zu sagen haben oder über ihre persönlichen Erlebnisse schreiben und singen. Und so geht es mir dann auch mit meiner eigenen Musik und meinen Texten. Ich erlebe oder sehe genug große und kleine Katastrophen, Schicksalsschläge und Missstände, über die es sich zu schreiben lohnt. Ich muss mir nichts ausdenken. Ganz besonders erschreckend und sehr beunruhigend finde ich, wie sich die Menschheit entwickelt hat: Wie sich die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft verschieben, wie die systematische Zerstörung unseres Planeten voranschreitet und vor allem, wie alle sehr wohl Bescheid wissen, aber konsequent die Augen davor schließen. Das kann man doch mal ansprechen!

DYNAMITE: Aufbruch, Erneuerung, Liberalisierung – das habt ihr mir als Aussage der neuen Platte genannt. Was bedeutet das genau?

Tiger Lilly Marleen: Ich persönlich liebe Veränderungen. Durch die Aufstände und die Revolutionen in Afrika, die Krise der USA und das Unvermögen, das Unglück in Fukushima in den Griff zu kriegen, welches die ganze Menschheit bedroht, kam und kommt bei mir ein großes Verlangen nach Veränderung, nach Revolution, nach Befreiung und Erneuerung auf. Das spiegelt sich dann auch in den Texten. Der Line-Up-Wechsel hat dann auch dazu beigetragen, alte Herangehensweisen z.B. an das Songschreiben zu ändern, Neues zu wagen und sich dadurch weiter zu entwickeln.

 

DYNAMITE: Mit welchen Absichten hast du die Songs geschrieben?

Tiger Lilly Marleen: Ich will, dass sich das gesellschaftliche System ändert – und zwar sofort. Ja, wir brauchen eine Revolution. Aber eine Revolution im eigenen Kopf. Die Einstellung jedes einzelnen Menschen unserer Gesellschaft muss sich ändern! Das neue Album heißt daher auch „Occupy Yourself!“ und spielt natürlich auf die Occupy-Bewegung an, die ich gut finde. Allerdings nützt es nichts, auf die Straße zu gehen und gegen etwas zu demonstrieren, wenn man dann nach Hause geht und so weitermacht wie bisher.

DYNAMITE: Wie könnte privater Protest deiner Meinung nach aussehen?

Tiger Lilly Marleen: Der Einfluss, den jeder Einzelne auf die Gesellschaft hat, ist sehr stark. Sich dessen bewusst zu werden und danach zu handeln, ist eine meiner Absichten. Die Songs des Albums sind ermutigend und machen gute Laune. „Take It Easy But Take It“ z.B. handelt davon, dass man sich trauen soll, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu sich zu stehen. Das impliziert auch Aufbruch und Veränderung, aber bei sich selbst! Wenn man zufrieden oder gar glücklich ist, kann und möchte man auch anderen helfen. Aber viele belügen sich auch selber und leben ein Leben, das sie eigentlich nicht wollen. „Another Lie“ beschreibt genau das. Man muss eben in jeder Hinsicht bei sich selbst anfangen, um letztendlich das ganze System zu verändern.

DYNAMITE: Wie gut kennst du dich mit Politik aus?

Tiger Lilly Marleen: Ich versuche schon, mich gut zu informieren, klar! Ich habe auch einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Allerdings finde ich es am besten, das „System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen“, und habe mehr oder weniger legale Mittel und Wege gefunden, mich bis jetzt lebenskünstlerisch durchzuschlagen…

DYNAMITE: Es ist also eher ein sozialkritisches als ein politisches Album?

Tiger Lilly Marleen: Eigentlich sind die meisten Songs Aufforderungen und Ermutigungen an mich selbst, mich weiterzuentwickeln und mir selber treu zu bleiben. Ich sage nicht, was falsch oder was richtig ist. Ich schreibe auch niemandem vor, was er zu tun oder zu lassen hat. Ich schreibe einfach über das, was mich bewegt, was ich sehe und wie ich es empfinde. Jeder muss für sich entscheiden, ob er sich wohl fühlt und ob er zufrieden ist mit dem System, in welchem er lebt. Ob oder wie sich jemand verändern will, muss auch jeder selber wissen. Ich bin mit dem heutigen Welt-System jedenfalls nicht zufrieden und möchte es verändern.

DYNAMITE: Bei allen politischen Hintergedanken gibt es verstärkt poppige Töne zu hören. Wie kommen die neuen Songs live bei eurem Publikum an?

Alexx: Die Lieder funktionieren super, die Leute tanzen und rocken, teilweise singen sie sogar schon mit.

DYNAMITE: War es das Ziel, mit weniger psycholastigen Ansätzen auch bei einer breiteren Masse Anklang zu finden?

Alexx: Jede Band entwickelt sich weiter, oder sollte es zumindest. Bei uns passiert das jetzt u.a. durch den neuen Einfluss von Highko. Wo das hinführt, oder ob das bei einer „breiten Masse“ Anklang findet, wissen wir nicht. Schön wär’s natürlich, aber das ist nicht der Grund, warum wir Musik machen.

Tiger Lilly Marleen: Bonsai Kitten haben noch nie reinen Psychobilly, Rockabilly oder Punk gemacht. Wir bedienten uns schon immer gerne bei allen möglichen Stilrichtungen, die uns persönlich gefallen. Ich möchte mich im Songschreiben nicht einschränken und liebe knallharten Hardcore, zuckersüße Popmelodien, Rock‘n‘Roll und dreckige Punk-Riffs. Eine Mischung von allem kommt dann auch in den Alben vor. Wir haben alle unserer Wurzeln in verschiedensten Stilen und bringen bei Konzerten erfahrungsgemäß viele Leute mit verschiedenen Musikgeschmäckern zusammen. Das war auch schon immer unser Ziel!

DYNAMITE: Ihr habt eine spannende Entwicklung hinter euch: Von der Coverband mit Erfolg auf dem japanischen Markt zum…  

Tiger Lilly Marleen: Bonsai Kitten war nie eine Coverband. Ich habe die Band 2005 gegründet, weil ich schon eine genaue Vorstellung von der Musik hatte, die ich machen wollte. Dazu habe ich mir dann die Musiker zusammengesucht. Wir haben dann erst mal angefangen, einige unserer Lieblingssongs neu zu interpretieren, um uns als Musiker kennenzulernen. Dabei haben wir dann sehr schnell den Stil gefunden, der uns gut gefällt: Schnell, punkig und laut! Dass die ersten Aufnahmen, die wir als Demo gemacht haben, um Konzerte ranzukriegen, gleich in Japan veröffentlicht werden, konnte ja keiner ahnen…

DYNAMITE: Habt ihr euch jetzt endgültig vom Covern verabschiedet?

Alexx: Das würde ich nicht sagen, vor allem nicht „endgültig“. Endgültig ist nur der Tod. Momentan haben wir nicht das Bedürfnis und viel zu viel Spaß daran, eigene Lieder zu entwickeln.

Krczycz: Gute Songs zu covern ist ja auch immer eine musikalische Herausforderung. Da steckt auch sehr viel von uns drin. Es geht ja nicht darum, die Songs irgendwie nachzuspielen, wie es viele sogenannte Cover-Bands tun. Wir werden auch wieder Songs, die wir gut finden, auf unsere eigene Art verändern und interpretieren.

DYNAMITE: Auf den letzten Alben hattet ihr u.a. Unterstützung von Köfte, „Mad Dog“ Cole und Danny B. Harvey. Habt ihr diesmal auch wieder Gastmusiker dabei?

Krczycz: Nein. Es ging ja nie darum, unter allen Umständen andere Leute mit auf die Platte zu bringen.

Tiger Lilly Marleen: Wir forcieren das auch nicht. Diesmal hat es sich einfach nicht ergeben, dass wir andere Musiker dazu holen. Und da Highko und Krczycz auch zum ersten Mal aktiv am Songschreiben beteiligt waren, mussten wir uns alle erst mal musikalisch finden und gucken, wo unser gemeinsamer Nenner ist.

 

DYNAMITE: Werdet Ihr das neue Album auch wieder bei Spotify promoten?

Tiger Lilly Marleen: Nein. Wir versuchen, so gut es geht, dem Ausverkauf und der geringen Wertschätzung der Musik an sich entgegenzuwirken. Spotify schadet meiner Meinung nach den Musikern auf lange Sicht, weil es den Wert der Musik inflationiert und vermittelt, dass Musik immer gratis überall zu haben sei. Spotify profitiert durch die Arbeit der Musiker, erzielt u.a. durch Werbeeinnahmen gute Gewinne und zahlt diese aber nicht angemessen an die eigentlichen Schaffenden aus. Da wollen wir nicht mitmachen!

DYNAMITE: Euer neues Video „Me, Myself & Why“ erinnert an eine knallbunte Traum-Version von Rotkäppchen und der böse Wolf.

Alexx: Es ist ein schöner Song und wir wollten ein lustiges Video dazu machen. Ich glaub, die Rotkäppchen-Assoziation kommt lediglich durch das Intro zustande. Und ich hab nichts gegen Märchen im Allgemeinen, aber was gegen das Märchen vom angeblich „bösen“ Wolf.

DYNAMITE: Warum?

Alexx: Der Wolf ist eine der wenigen Tierarten, die kurz vor der Ausrottung standen und v.a. durch Aufklärung von Tierschutzorganisationen geschafft hat, wieder eine steigende Population zu verzeichnen. Der Grund für die Beinahe-Ausrottung war dieses „Märchen vom bösen Wolf“. Wölfe sind alles andere als „böse“, es sind hochsoziale Tiere. Ich will mich hier aber nicht weiter auslassen, wen es interessiert, der findet dazu mehr als genug Informationen im WWW.

DYNAMITE: Was sind eure Pläne für die nächste Zeit?

Tiger Lilly Marleen: Wir werden ab jetzt wieder deutschland- und europaweit in Clubs und auf Festivals unterwegs sein, um unsere neue Live-Show zu präsentieren.

DYNAMITE: Ihr werdet besonders für eure Live-Power gelobt – ist da vielleicht mal ein Live-Album oder eine DVD in Sicht?

Tiger Lilly Marleen: Wir denken schon, dass es mal dazu kommen wird. Geplant ist aber gerade noch nichts. Zwischendrin werden wir wahrscheinlich noch ein weiteres Video drehen und wir arbeiten nebenbei auch schon wieder an neuem Material!

DYNAMITE: Ich bin gespannt, was ihr euch da einfallen lasst. Vielen Dank für das Gespräch!

Hörprobe

Mein Highlight von „Occupy Yourself“ – und ein Gute-Laune-Song, der den Sommer schon ein bisschen näher rücken lässt:

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