Berliner Affären Oder Fuck me very much.

Sex – darum geht es. Zumindest für Berliner zwischen 20 und Familiengründung. Keiner fragt mehr, wann die monogame Beziehung aus der Mode gekommen ist. Auch Polyamorie ist kein Thema (wenn es das überhaupt jemals war): Statt mehrere Menschen gleichzeitig für das zu lieben, was sie individuell sind, und sich so den ultimativen Bedürfnis-Harem zusammenzustellen, geht es nur noch darum, wen man heute fickt.

Romantik? Klar, die soll dabei nicht zu kurz kommen. Sich seine Bettgenossen in anonymen Foren zusammenzusuchen ist für den Durchschnitts-Kreuzberger auch nicht cool. Das hat immer noch einen leicht anrüchigen Touch, genau wie jemanden für seine Dienste zu bezahlen: Das macht man einfach nicht.

Es gibt nämlich doch so etwas wie Moral in der Generation Heute-dich-morgen-den-Nächsten. Hier nennt es sich: Transparenz und Offenheit. Bevor ich den süßen Typen aus der Bar mit nach Hause nehme, plaudern wir beim ersten Drink über die Konditionen: „Du, ich leb in ’ner offenen Beziehung, aber zu mir können wir nicht, der Kleine kriegt grad Zähne…“ Oder: „Ich hab mich grad getrennt, da sind ja noch soo viele Gefühle…“ Oder: „Ich bin politisch sehr aktiv, vor allem beim Thema persönliche Freiheit…“ Alles lockerflocker vom Hocker und auf den Tisch.

Anders als beim guten, alten One-Night-Stand, bei dem man ganz easy nach der Optik gehen konnte („Der war dumm wie Brot, aber hach!, dieser Oberkörper!“), müssen sowohl bei der Mono- als auch bei der Polyaffäre die Eckdaten stimmen. Attraktivität ist das eine, gemeinsame Gesprächsthemen und Intelligenzquotienten das andere.

Außerdem empfiehlt es sich, vorab die Eckdaten um Verfügbarkeit und Verhalten in der Öffentlichkeit zu klären: Ist jemand nur am Wochenende in der Stadt oder steht hinter der nächsten Ecke die aktuelle Ehefrau mit dem Hackebeil bzw.der Macker mit der Schrotflinte… Anschließend steht dem guten Fick nichts mehr im Weg, denn auch sexuelle Vorlieben sollten und können abgecheckt werden – schließlich geht es ja um die Wurst. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Also: have fun. Und zwar ausschließlich das. Ziel ist die entspannte Affäre. Sich beim Ausgehen über den Weg laufen, seelischen Müll beim anderen abladen oder sogar mal nur so zum Quatschen auf einen Kaffee treffen: check. Das muss schon drin sein, natürlich im Rahmen eines ausgewogenen Kosten-/Leistung-Verhältnisses – sonst ist der Freak/die Furie ganz schnell wieder draußen.

Fast wie im echten Leben. Ups! Gönnen wir uns da etwa ganz hedonistisch die Schokoladenseiten einer tatsächlichen Beziehung? Ganz ehrlich: ja. Das tun wir. Sex, Love, Rock’n’Roll – aber ohne dieses lästige „Schatz, wie war dein Tag?“-Gedöns, Verpflichtungen und Verantwortung.

In welcher Beziehung könnte ich ohne Kopfschmerz-Ausrede ein sexuelles Angebot ablehnen? Welcher Lebenspartner würde nicht sauer, wenn ich die gemeinsame Zeit zugunsten von Kino, Freunden oder dem bloßen Couchtrip vorm Fernseher verkürze? Eine Affäre bietet dagegen traumhafte Verhältnisse: Man teilt die Momente, die man teilen will – von einer rein sexuellen Zweckbeziehung bis hin zu täglichen Nachrichten und komplett gemeinsam verbrachten Wochenenden. Mit Händchenhalten, gemeinsamem Eisbecher und allen Schikanen.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, hat Hermann Hesse gesagt. Und nichts geht über die hormonelle Euphorie der ersten drei Monate: Der andere ist ja so toll-toll-toll; alle Kumpels und Freundinnen möchten kotzen, so toll ist er. Und dann kommt der fest eingeplante Fußballmittwoch. Die Katersonntage. Ihr Putztick und ihre Nörgelei. Kurz: welcome to reality.

In einer Beziehung wäre man jetzt verpflichtet, sich aus Liebe zu arrangieren. Zerstreiten, Verlier’n, Vergessen, Verzeih’n – boah-ey, alta! Und das alles für das Vergnügen, die Sexfrequenz minus Schmetterlinge auf 1-2 Mal die Woche runterzufahren? Sich das tägliche Uni-Schrägstrich-Job-Lamento des anderen reinzuziehen? Und die Sonntage auch noch bei der Schwiegermutter zu verbringen? Ernsthaft? Lass mich kurz überlegen – nein, danke.

Aber dann kommt der Moment, in dem ich meine Lieblings-Affäre anrufe, und er mir lachend erzählt, dass er heute schon ein Date hatte: „Sorry,sonst immer, weißt du ja, aber zwei an einem Tag… nee, da käme ich mir vor wie’n Zuchthengst.“ – „Ah, ok… nee, kein Problem… Gut, dann nicht.“ Autsch, verdammt.

Was sticht denn da so? Wollte ich etwa… also, hatte ich mir etwa eingebildet, nur ich selbst hätte mehrere Pferdestärken im Stall? Denn ich bin doch sicher etwas Besonderes für ihn. Ganz bestimmt. Bestimmt bin ich die Beste. Wenigstens im Bett. Ganz klar, der vermisst mich, auch wenn er jetzt mit einer anderen im Bett liegt.

Aber hab ich das nötig? Bitte! Natürlich nicht. Nein. Also den Nächsten angerufen, Termin abgemacht und hopp! Zwischen die Laken. Danach ein bisschen geweint und den Rücken gestreichelt bekommen. Das tröstet. Und dann ein noch schönes offenes Gespräch. Schließlich ist Nr. 2 ebenfalls jenseits der 30 und hört an manchen Tag auch schon die Uhr ticken.

Eigentlich verstehe ich mich mit ihm ja ganz gut. Das findet er auch. „Wir wären ein gutes Paar“, sage ich versuchsweise. Er nickt. In einer richtigen Beziehung wäre natürlich Treue angesagt. Man könnte ja mal testen, ganz transparent und offen.

Die Luft knistert fast vor Spannung – ist das jetzt der Moment, um vom freien Fahrwasser in den ruhigen Hafen einzukehren? Wird er mich fragen, ob… was fragt man denn überhaupt heutzutage? Gibt es „Ja/Nein/Vielleicht“-Apps oder verschickt man eine Anfrage bei Facebook?

Ich bin richtig erleichtert, als Nr. 2 etwas von: „Du wärst echt die Richtige für mich, auf jeden Fall, da sollten wir mal echt drüber sprechen, vielleicht“ murmelt, sich die Hosen anzieht und aus meiner Wohnung verschwindet. Man soll ja nichts übereilen.

Und was ist die Moral von der Geschicht‘? Dass die Mär von Offenheit und klaren Fronten keine Moral, sondern mein Freifahrtschein zum Quervögeln ist? Dass eine echte Bindung mittlerweile so aus der Mode ist, dass sie kaum noch vorstellbar, geschweige denn umsetzbar erscheint?

Begriffe wie „Moral“, „Bindung“ und „Freiheit“ stürzen diese Diskussion in philosophische Abgründe, die weit weg vom Thema führen. Ich für meinen Teil bin sehr gespannt auf die praktische Umsetzung, auf die nächsten Jahre. Wird meine Generation Polyaffärie praktizieren, bis der Sargdeckel über ihr zuklappt? Siegt irgendwann der Fortpflanzungswunsch über den -trieb? Oder siegt die Fortpflanzung über alles, weil das Kondom platzt?

Es erscheint mir als gute Idee, auf der Offene-Fragen-Liste für den nächsten Affären-Kandidaten langsam auch die Punkte Einkommen und Elternzeit aufzunehmen.

_____

Nachtrag: Diesen kleinen Trash-Artikel hatte ich ursprünglich für die Mitmachaktion des Amy&Pink-Magazins geschrieben (damals noch Neue Elite). Er wurde angenommen und veröffentlicht – allerdings unter dem vom Herausgeber geänderten Titel „Berlin ist im Grunde ein einziger, kostenloser Puff“, was meinem Inhalt nicht entspricht. Die allgemeine Headline-Politik vvon Marcel & seiner Redaktion ist auch der Grund, warum der Text nun nur noch hier, auf meinem eigenen Blog, zu finden ist.

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8 Gedanken zu “Berliner Affären Oder Fuck me very much.

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