Interview mit John Allen.

Ich habe diesen sympathischen Singer/Songwriter mit der rauguten Stimme ja schon als Mini-Konzertbericht mit meiner Begleitmusik: Oktober vorgestellt – und tatsächlich hat John Allen diesen Eintrag entdeckt und re-shared (dafür nochmal herzlichen Dank).

(c) Sandra Duerkop

(c) Sandra Duerkop

So entstehen in der modernen Welt Kontakte – und heute kommt der Wahlhamburger selbst zu Wort. Er zeigt den Komplett-Mitschnitt seiner Show in Hamburg, und wir plaudern über Selbstvertrauen, Selbstzweifel und darüber, dass Chuck Ragan der Chuck Norris des künstlerischen Arschtritts ist – außerdem natürlich über die Tour mit Frank Turner und glorreiche Zukunftspläne.

Seit wann machst du schon Musik und wie bist du dazu gekommen?

John: Musik mache ich schon recht lange… solange ich denken kann, eigentlich. Angefangen hat es ganz klassisch: Xylophon, Blockflöte, Klavierunterricht. Anfang 20 kam die Erkenntnis, dass man eine Gitarre viel einfacher mitnehmen kann als ein Klavier, und dann habe ich mir eine Gitarre gekauft und angefangen zu üben. Ich habe in der Zeit viel Bob Dylan gehört und mir gedacht: „Was der kann, das kannst du auch!“ (lacht) Das hat sich allerdings nur so halb bewahrheitet!

Inwiefern?

John: Insofern, als dass Dylan tatsächlich nicht der größte Gitarrist der Musikgeschichte ist, aber was das Verfassen von Texten angeht, ist er in meinen Augen bis heute unerreicht.

Da gebe ich dir allerdings recht. War Musiker schon immer dein Berufswunsch?

John: Schwer zu sagen. Das ist für mich eine ganz zweischneidige Geschichte. Ich glaube, als Kind habe ich daran keinen Gedanken verschwendet – da war es wohl abwechselnd Astronaut, Lokomotivführer und Feuerwehrmann. Der Wunsch, überhaupt aufzutreten, hat sich demnach auch erst dann entwickelt, als ich angefangen habe, eigene Songs zu schreiben. Allerdings habe ich mich erst im letzten Jahr so wirklich „gefunden“. Will heißen, ich stelle mich noch nicht so schrecklich lange mit Selbstvertrauen auf eine Bühne. Ich bin mit meinem eigenen Material schon immer sehr, sehr kritisch gewesen.

Im Moment kann ich allerdings sagen: Es gäbe für mich tatsächlich kaum etwas Schöneres, als von Musikmachen leben zu können. Ich meine, in welchem Job bekommt man (idealerweise) schon jeden Abend so ein großartiges Feedback wie ich es zum Beispiel in Berlin erleben durfte?

Es hat auch Spaß gemacht, mitzuerleben, wie du bei diesem Konzert nach dem ersten Song an Selbstvertrauen gewonnen hast. War das Huxley’s dein erster großer Auftritt?

John: Der Dritte, um genau zu sein. Ich habe vorher mit Frank in Dortmund und in Bremen gespielt. Und glaub mir, in Dortmund hatte ich blanke Angst vor der Bühne (lacht).

Wie hast du das überwunden?

John: Augen zu und durch! (lacht) Im Ernst, Frank und auch die Jungs von Lucero waren da eine große Hilfe. Sie haben mir quasi Selbstvertrauen eingeredet, mich sogar zur Bühne gebracht! Schlussendlich war es dann der Applaus nach dem ersten Song. Da habe ich gemerkt: „Hey, offenbar gefällt es denen…“ und von da an lief es auf der ganzen Tour eigentlich wie geschmiert!

Für mich wäre es wohl die größte Horrorvorstellung, mutterseelenallein vor tausende Menschen zu treten. Wie kam es bei dir zu Ein-Mann-Band?

John: Ach, das hat Vor- und Nachteile. Es ist natürlich eine Überwindung, aber ganz ehrlich – als Sänger bist du immer der, auf den zuerst alles schaut und hört. Ob jetzt mit Band oder alleine, von daher macht es keinen großen Unterschied. Abgesehen davon kann solo weniger schiefgehen… ich meine, wenn ich mich verspiele und der Drummer kommt raus oder der Bassist weiß nicht mehr, was er spielen soll, dann kann es unter Umständen ein Desaster geben.

Wie es dazu kam das ich alleine auftrete? Nun, ich lebe noch nicht so lange in Hamburg und hatte noch keine Zeit mir eine Band zu suchen. Außerdem ist es für den Beginn erst einmal sehr viel unkomplizierter. Ich brauche keinen Proberaum, bekomme einfacher Gigs, die Logistik (Transport etc.) ist auch viel einfacher zu bewältigen, ebenso wie die Terminplanung (lacht).

Wie kam es eigentlich zu der Tour mit Frank? Die war ja auch etwas spontaner, nicht wahr?

Hamburger Morgenpost, 04.09.2013

Hamburger Morgenpost, 04.09.2013

John: Frank war ja im Frühjahr auf kleiner Promotour und ich hatte Tickets für die Show in Hamburg. Eine Freundin fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, die Wartezeit ein bisschen zu verkürzen und Gitarre zu spielen. Eigentlich wollte ich nicht so wirklich, ließ mich dann aber doch überreden. Irgendwann habe ich „Mr. Jones“ von den Counting Crows gespielt, und Frank kam raus und spielte mit. Nach der Show wollte ich mich eigentlich nur bedanken, aber er meinte, ich solle ihm eine Mail schicken und versprach, wir würden „mal was zusammen machen“… nun ja, so kam der Kontakt zustande und ein paar Wochen später bekam ich eine Mail von seinem Booker… zur richtigen Zeit am richtigen Ort, würde ich sagen (lacht).

Du hast auch erzählt, dass du eine Songzeile von Frank gemopst hast… für welchen Song von dir war das und wie hat er reagiert?

John: (lacht). Stimmt. Den ersten Song, den ich von Frank hörte, war „I Still Believe“. Darin gibt es ja die Zeile „Who would’ve thought that after all / Something as simple as Rock’n’Roll can save us all“ – die hat mich ziemlich beeindruckt. Paul Simon hat mal gesagt, dass manchmal eine Zeile entscheidet, ob man einen Song für immer liebt oder nicht. In dem Fall hatte er durchaus Recht.

Zur selben Zeit las ich gerade eine Biographie über Tom Waits. In einem Interview hat Waits wohl einmal gesagt, dass der einzige Grund, warum man Musiker wird, der ist, dass man als Kind weinend vor der Jukebox gelegen und Ray Charles um Antworten angefleht hat, warum Daddy mit dem Auto weggefahren und nie mehr wiedergekommen ist. Dieses Bild fand ich so super, weil ich tatsächlich an die heilende Kraft der Musik glaube. Und da passte diese Rock’n’Roll-Zeile super rein. Am Ende habe ich dann draus gemacht:

Just kneel down by the jukebox
Close your eyes and fold your hands
Praying to the gods of Rock’n’Roll
Cause in every lonely hour
And in every heavy storm
Keep your faith
Rock’n’Roll can save us all“

Damit bin ich zu Frank gegangen… ein bisschen wie zum Beichtstuhl (lacht). Er hat sich den Text durchgelesen und hat auf das Lyricsheet geschrieben: „Sing like you can’t stand to be silent and don’t call it stealing, just call it referencing! Haha!“

Sehr schön! Dein erstes Album „Sounds of Soul and Sin“ hast du aber schon vor deinen Touren draußen gehabt, richtig?

John: Richtig, „Sounds“ ist im April erschienen

Wenn du dich in diesem Jahr erst so richtig „gefunden “ hast, warst du seitdem ja recht flott unterwegs. Gab es da einen Schlüsselmoment?

John: Zunächst muss man sagen, dass einige der Songs schon älter sind. „Confusion“ zum Beispiel habe ich vor vier oder fünf Jahren geschrieben. Aber den Schlüsselmoment, was die Performance angeht, gab es definitiv. Letzten November am 04.11. hat Chuck Ragan bei mir im Wohnzimmer gespielt. Wir haben uns am selben Abend noch lange unterhalten, also, nicht nur mit ihm, sondern mit der gesamten Revival Tour.
Ich habe ihm von meinen Zweifeln ob der Qualität meiner Songs und meiner Stimme erzählt und dass ich eigentlich eher dazu tendiere, das alles sein zu lassen… also, ich habe gejammert, nennen wir es ruhig so… und er hat mir irgendwann die Zweifel mehr oder minder ausgeredet. Er sagte:

„Entweder du liebst es und dann tust du es und lässt es dir von niemandem ausreden, auch nicht von dir. Oder du lässt es, aber dann hör auf zu behaupten, dass du es liebst!“

Das klingt wirklich total kitschig, aber das war dieser eine Schlüsselmoment. Drei Tage später habe ich mir eine neue Gitarre gekauft und habe damit symbolisch „neu angefangen“… und hier bin ich und gebe plötzlich Interviews. Alles richtig gemacht, würde ich sagen… und: vielen Dank für den Arschtritt, Chuck! (lacht)

Und was sind deine Pläne für die nächste Zeit? Sagen wir für das nächste Jahr und die nächsten fünf Jahre.

"my face when my page reached 1.000 likes"  (c) John Allen

„my face when my page reached 1.000 likes“
(c) John Allen

John: Die nächsten fünf Jahre gleich? Oha (lacht). Fangen wir klein an. Durch die Tour mit Frank bin ich an eine Agentur gekommen, mit der ich jetzt zusammenarbeite. Gerade sind wir dabei, für den März eine Tournee zu buchen, die mich dann wieder in einige der Städte führt, in denen ich mit Frank war. Für den Sommer steht außerdem das zweite Album an. Für das bin ich gerade dabei, noch einige Songs zu schreiben. Das Album wird dann auch auf Vinyl erscheinen, darauf freue ich mich besonders. Sobald das Album fertig ist, begeben wir uns auf die Suche nach einem Label, um das Ganze ordentlich zu promoten und dann geht es wieder auf Tour.

Und so soll es die nächsten Jahre auch weitergehen. Ich betrachte die Geschichte mit Frank als Kickstart… generell möchte ich mich aber hocharbeiten. Soviel auftreten wie ich irgendwie kann und mir eine Fanbasis erarbeiten, die dann hoffentlich über die Jahre größer wird. Kein Mensch weiß, was in fünf Jahren ist – aber im Idealfall bin ich soweit, dass ich Clubs von 200 Leuten recht regelmäßig füllen kann. Groß genug, um anständig davon zu leben, klein genug um den Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren!

Also magst du kleine Clubkonzerte lieber und – sagen wir – das Olympiastadion ist nicht dein Ziel?

John: Das ist eine ganz schön gemeine Frage (lacht). Ich glaube, kein Künstler würde sich aktiv dagegen wehren, im Olympiastadion zu spielen. Ich glaube, das Business ist sehr kurzlebig, und man muss abgreifen, was man abgreifen kann. Wenn ganz plötzlich die Nachfrage so groß wäre, dass man das Olympiastadion füllen könnte, wäre ich wohl ein Idiot, wenn ich es nicht nutzen würde! Rein von der Atmosphäre her stehe ich eher auf kleinere Konzerte. Klein ist aber auch Definitionssache, daher gilt für mich persönlich Folgendes:

Hätte ich die Wahl zwischen bis zum Rest meines Lebens Clubs bis 600 Leute zu spielen oder für eine kurze Zeit Olympiastadion und dann wieder in der Versenkung verschwinden – dann definitiv Ersteres. Mein Ziel ist es nicht, mit der ganzen Sache superreich zu werden. Ich möchte davon leben können und der Kontakt zum Publikum ist mir wichtiger als der dritte Bentley in der Garage… aber wie gesagt, frag mich das nochmal, wenn ich Wembley oder das Olympiastadion spielen soll. Meine Antwort könnte sich dann ändern (lacht).

Ist gut, bei einem Online-Interview können wir da ja zur Not nachbessern (lacht). Ich hoffe, wir sprechen sowieso noch einmal miteinander, wenn dein nächstes Album ansteht. Für heute hätte ich gern noch dein neues Tattoo erklärt!

John: Aber gerne doch: Die Tour mit Frank und Lucero war für mich ein unheimlich einschneidendes, ja lebensveränderndes Ereignis, daher wollte ich es unbedingt als Tattoo verewigen. Etwas Simples sollte es sein, daher viel die Wahl auf das Logo von Frank. Auf Tour habe ich erfahren, dass Brian Venables [von Lucero] gelegentlich auf Konzerten Fans das „L“ tätowiert. Frank und seine Crew haben es sich in Stuttgart stechen lassen, genau an dem einen Konzert, an dem ich nicht konnte! Das hat mich total gefuchst, also beschloss ich, dass es noch dazu muss… also Franks Logo, Luceros Logo und die 2013 in die Mitte und voilà, fertig ist die Erinnerung fürs Leben!

(c) John Allen

(c) John Allen

Es ist einfach so, ganz egal, was passiert: Ich werde immer mit Dankbarkeit auf die neun Shows zurückblicken. Ich hatte die Chance, so viele tolle Leute zu treffen und vor so vielen Menschen zu spielen, das ist etwas absolut Einmaliges!

Ich wünsche dir sehr, dass du noch viele solche Möglichkeiten bekommst.

Und die Möglichkeit, noch viele Menschen mit deiner Musik so sehr zu erfreuen, wie du mich erfreut hast.

John: Oh, danke! Ich habe in der Tat viele Mails nach der Tour bekommen und mich auch bemüht, alle zu beantworten. Aber ich habe mich echt über jede einzelne gefreut… und das sag ich nicht einfach nur so, ich habe teilweise einige ausgedruckt und in mein Songbook geklebt (lacht).

Dann danke ich dir für heute und wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

John: Vielen Dank für das Interview! Hat mich gefreut und noch einen schönen Abend!

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