III. Harald Hertel „Ich war immer Rock’n’Roller.“

Ein Vollblutmusiker erzählt – Teil 3: DJ Capt’n K und Berlin.

Harald Hertel ist die Symbiose aus allen Facetten des Rock’n’Roll-Business: Er ist Musiker, DJ und Tanzboden-Entertainer in der wohl sympathischsten Personalunion, die man sich so denken kann.

(c) Harald Hertel

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In Teil 1 erzählte er, wie ihm die Musik förmlich in die Wiege gelegt wurde, in Teil 2 ging es dann um seine eigene Bandbiographie. Wie er schließlich von Frankfurt nach Berlin kam, wie er sich als Vollzeitmusiker in der Großstadt durchschlägt und was der Swing damit zu tun hat – darum geht es im dritten und letzten Teil der Interviewreihe.

Wie lange bist du jetzt eigentlich schon in Berlin?

Ich bin im Januar 2006 offiziell hergezogen. Aber in Berlin herumtreiben tue ich mich sozusagen seit Anfang November 2005.

Wie kam es dazu?

Damals habe ich eine Ich-AG gehabt und – hochtrabend gesagt – das erste Anzeigenjournal der Rock’n’Roll- und Swing-Szene herausgegeben. Es hieß „Hep Market“ und ist natürlich nicht gelaufen. Oder: Ich hab es alleine nicht geschafft, erfolgreich alle Aufgaben von der Erstellung, dem ganzen Graphischen und so weiter, Redaktion bis Akquise abzudecken. Denn es finanzierte sich ja über den Anzeigenverkauf und wurde umsonst verteilt.

(c) Harald Hertel

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Und da ich damals noch von Süd- bis Norddeutschland auf allen Konzerten und allen Festivals unterwegs war, habe ich es auch noch selber verteilt oder verteilen lassen. Ich habe alles selber gemacht, und das ging einfach nicht. Es wäre vielleicht gelaufen, wenn die Kunden die Preise bezahlt hätten, die ich brauchte, um wenigstens ein bisschen Gewinn einfahren zu können.

However – dieses Ding habe ich dann in Berlin zuerst noch weitergeführt, fusioniert mit dem „SlamBam“-Magazin, das ich vorher schon mit zwei Leuten aus Osnabrück angefangen hatte. Die waren ein Paar, haben sich dann getrennt, und er hat auch dann abgegeben, weil er mit dem Finanzamt Ärger hatte. Trotzdem: Kein Geld verdient, aber viel Arbeit gehabt.

Dann habe ich eine Frau kennengelernt, die hatte in Charlottenburg ein Tagescafé: die Swingdiele. Und wie es halt so ist, bin ich nach Berlin gezogen. Die Swingdiele hat allerdings mit Müh und Not einen ernährt und die Beziehung war auch ziemlich schnell im Eimer. Man hat sich getrennt und so bin ich dann hier im Prenzl’berg gelandet, nach einem Dreivierteljahr.

Hast du nie daran gedacht, mal einen „ordentlichen Job“ zu machen?

Zu dem Zeitpunkt habe ich zufällig und durch Sympathie einen Job als freier Marketing- und PR-Berater bei einem Marktforschungsinstitut hier in Berlin bekommen, und mal ein Jahr lang im Leben anständig Geld verdient und wahnsinnig viel gearbeitet, wenn du es so willst. Da konnte ich die ganzen Skills, die ich durch Jobs und Ausbildungen erworben hatte, mal gewinnbringend einsetzen.

Und ich fand auch, ich hab’s nicht schlecht gemacht, aber da flog ich nach einem Jahr auch raus. Wie aus praktisch allen meinen Jobs, weil ich mich im Prinzip nicht mit Vorgesetzten vertrage. Ich muss schon mein eigener Chef sein, sonst läuft es nicht. Es gab auch noch tausend andere Gründe, aber das spielt jetzt keene Rolle.

Was hast du stattdessen gemacht?

Anfang 2008 war ich schon etwa zwei Jahre in Berlin und da war ich schon DJ. Ich hatte in der Swingdiele angefangen und da Programm gemacht. Zum Beispiel mit der Idee: Hey, für diese ganzen untanzbaren Berliner mache ich jetzt mal einen Tanzkurs. Ich hab da also ein paar Mal „Jive for Rockabillys“ gemacht und ich denk mal, ich war da der Erste hier. Es gab noch ein paar Leute, die haben mir dann geholfen und den anderen Stroll beigebracht, das war nicht so mein Ding.

Ja, das hat man ja Mittwoch beim Tanzkurs gesehen.

Nee, mittlerweile schon! Aber Mittwoch war es einfach so voll, da dachte ich, da muss ich mich nicht drängeln, das kann ich ja jetzt schon (lacht). Also, in der Swingdiele haben wir eben dieses „Jive for Rockabillys“ gemacht und dann natürlich Konzerte.

Bist du auch in der Swingdiele aufgetreten?

Ich auch, ja. Für mich war Berlin als Swingstadt ja auch ein Grund, hierher zu ziehen. Berlin hat eine Swingtradition, die sich von Anfang der 30er bis heute fast ununterbrochen durchzieht. Natürlich ist es heute, was die Musik angeht, keine Massenbewegung mehr – aber wenn es eine Swingstadt gibt in Deutschland, dann ist es Berlin. Deswegen habe ich hier gleich angefangen Musiker zu suchen und meine erste reine Swingband gegründet. Es war nicht einfach, dafür Leute zu kriegen, weil ich ja auch noch keine Kontakte hatte. Wir haben in der Swingdiele geprobt – zuerst zu zweit, der Bassist und ich, und ab Frühjahr 2006 dann zu dritt mit einem Trompeter. Diese Band hieß Speakeasy.

Auf jeden Fall hatte ich mich sowohl als DJ als auch als Live-Musiker bis 2008 so etabliert, dass ich – nachdem ich den Marketing- und PR-Job verloren hatte – übergangslos dachte: Ihr könnt mich alle mal. Und dann bin ich zum Finanzamt gegangen und hab gesagt: Ab heute bin ich Musiker, was muss ich machen? Ja, unterschreiben Sie mal hier, füllen Sie das mal aus – und zack! Seit Februar 2008 bin ich vorm Finanzamt Musiker und DJ. Dann gelang es mir, in die KSK zu kommen – also bin ich auch vor der Rentenkasse Musiker. Seitdem bin ich in jeder Hinsicht mein eigener Boss und würde auch nicht mehr auf die Idee kommen, bei irgendwelchen Ämtern um Unterstützung zu fragen, selbst wenn es mal schlecht läuft.

Sehr löblich.

Na ja, in Anbetracht der Lage, was die Kollegen manchmal so erzählen, scheint das tatsächlich sowas wie ein Erfolg zu sein. Es ist wirklich nicht leicht und gebratene Tauben fliegen mir nicht ins Maul, aber ja… wie soll ich sagen: Nach ungefähr vier Jahrzehnten ist man dann da angelangt, wo die eigene Bestimmung liegt. Ich würde nicht zurück in einen bürgerlichen Job wollen, selbst wenn es eine gute Bezahlung gäbe oder sonst irgendwas. Klar hat man mit so einem Job gewissermaßen seinen Arsch im Trockenen oder weiß, was man am Ende des Monats auf dem Konto hat – das weiß man als Musiker in der Regel nicht. Fest angestellte Musiker, wo gibt es denn sowas? Fest angestellte Swing- und Rock’n’Roll-Musiker gibt’s sicherlich nicht (lacht).

(c) Harald Hertel

(c) Harald Hertel

Machst du Live-Musik und Auflegen eigentlich gleich gern?

Es ist natürlich superschön, DJ zu sein und mit dem, was man spielt, Massen von Leuten zum Tanzen zu bewegen oder den Leuten anzusehen, dass sie echt viel Spaß haben oder austicken. Das ist toll. Aber es ist eine andere Geschichte, auf der Bühne ein Instrument zu spielen oder zu singen – also was zu machen, was man sich erarbeitet hat und da ein gutes Feedback zu kriegen. Da ist künstlerisch und kreativ ein großer Unterschied: Als DJ, was mache ich denn da? Da bringe ich die Leute in Stimmung mit einer Kunst und Kreativität, die andere vor 50, 60, 70 Jahren geleistet haben. Wenn ich selber auf der Bühne stehe, ist das meine Kunst und Kreativität. Auch, wenn ich Songs covere. Letztlich bin das ja immer noch ich, der da steht und das live abliefert. Live-Musik macht viel mehr Spaß – auch wenn’s viele anstrengender, viel mühevoller, viel aufwendiger und unterm Strich meistens auch noch schlechter bezahlt wird.

Na ja, wenn man’s immer nur an der Bezahlung festmachen wollte…

Es ist schon toll, wenn man das macht, was man machen will oder wozu man sich berufen fühlt, und davon auch noch überleben kann. Oder einigermaßen leben kann. Aber speziell die Gagen hier in Berlin sind eine Katastrophe: Im Vergleich zu München oder Hamburg sind es 20-50% weniger. Musiker und DJs leben nicht in Saus und Braus und von den ganzen Naturalien, die dir die Gage aufbessern, kannst du deine Rechnungen auch nicht von bezahlen, die ruinieren dir höchstens die Leber.

(c) Imke Thun

(c) Imke Thun

Wie bist du auf eigentlich deinen DJ-Namen gekommen?

Das DJ Capt’n K von heute war ursprünglich DJ Capt’n Kuddlemuddle. Es ist schon knapp zehn Jahre her, da habe ich noch in Walldorf gewohnt und hatte ich eine Freundin in Bielefeld. Sie war auch aus der Rock’n’Roll-Szene, wir waren viel und europaweit auf Festivals unterwegs. Wir wollten dann auch in Bielefeld mal was machen – ich natürlich, um da auch mit ’ner Band aufzutreten und sie halt prinzipiell. Wir kannten dort eine DJane, DJ Heidi, die auch was machen wollte, und dann haben wir den „Apollo Jump“ zusammen gemacht – im Namenfinden bin ich immer gut (lacht). Ich hab dort auch selber aufgelegt. Nach dem Motto: Je mehr DJs auf dem Flyer stehen, umso interessanter. Vorher hatte ich immer die Einstellung, dass ich kein DJ sein wollte – ich wollte doch tanzen und  meinen Spaß haben auf der Party.

Tanzen, Auflegen und Spaßhaben kombinierst du doch heute ganz gut – zumindest sieht es so aus.

Ja, jetzt habe ich das verbunden. Aber damals haben wir uns gedacht, wenn auf dem Flyer zwei Bands draufstehen und zwei DJs, das zieht dann noch mehr. Es kann auch sein, dass ein DJ abgesprungen ist. Auf jeden Fall hab ich das halt gemacht und da brauchte ich ja noch einen DJ-Namen. Ich hatte mir überlegt, dass ich quer durch den Gemüsegarten auflegen will: Ich bin einer, der Swing ebenso sehr liebt wie Rockabilly. Das war damals eher ungewöhnlich. Es fing gerade erst an, dass sich das angenähert hat, aber eigentlich gab es auf Swing-Veranstaltungen keinen Rock’n’Roll und umgekehrt genauso. Da es also eher so ein Kuddelmuddel wäre, beide Stile zu bedienen, habe ich gedacht: Das ist genau mein Name: Capt’n Kuddlemuddle!

Es gab auch noch andere Assoziationen, jedenfalls habe ich mir an meinem allerersten DJ-Abend so einen Marine-Colani angezogen (lacht) und so ein bisschen was gespielt. Bei mir waren dann auch deutsche Sachen aus den 50ern dabei, das war sehr ungewöhnlich. Deutscher Rock’n’Roll und Jive wurde Anfang 2004 einfach nicht gespielt. Inzwischen hat sich das ja in alle Musikrichtungen erweitert. Heute spielen DJs ja nicht mehr nur straight in einer Tunnelblickrichtung, sondern sind da schon breitgefächerter geworden.

So kam es zu dem Namen und den habe ich dann hier in Berlin einfach weitergeführt. Dass Kuddelmuddel auch negative Assoziationen hat, hab ich nicht gesehen. Und ich hab ja auch die englische Schreibweise für den Namen benutzt. Aber weil es eben diese negativen Assoziationen gab und  niemand diese Schreibweise in der Ankündigung richtig hinbekommen hat, bin ich irgendwann auf Capt’n K gekommen. Die Leute, die mich von den Anfangszeiten hier kennen, wissen, was dahintersteckt, und die anderen können sich Capt’n K ganz gut merken.

Du spielst im Moment in sieben Bandprojekten, so über den Daumen gepeilt. Welches ist dir das Wichtigste?

Also, die Band, mit der ich seit geraumer Zeit am meisten unterwegs bin und die ich auch als treibende Kraft zu dem gebracht habe, wo sie jetzt ist, ist Helena & The Twilighters, eine Swingband. Wir machen Bluesy Swing – weil wir auch ein paar Rhythm & Blues-Stücke haben, die wir so authentisch wie möglich zu machen versuchen. Wir haben eine Sängerin als Frontfrau, eine Wahnsinnsstimme, die Assoziationen zu Billie Holiday u.a. weckt. Die Band hat natürlich ihren eigenen Stil, aber mittlerweile haben wir so ein gewisses Standing hier in Berlin erreicht – und sind inzwischen zum Glück auch außerhalb unterwegs. Wahrscheinlich ist es von allen die Band mit dem größten Potential – nicht zuletzt natürlich durch die Sängerin Helena Hover.

Wie bist du zu Helena & The Twilighters gekommen?

Ich hab Helena im Frühjahr 2010 bei einer meiner anderen Bands kennen gelernt, bei den Swingtime Syncopators. Sie hat sich dort nicht so gut aufgehoben gefühlt, zumal sie da die „Ersatzsängerin“ war. Ich war von Anfang an von ihrem Stimme und ihrem Feeling überzeugt. Wir sind dann im Sommer zusammen gekommen und haben natürlich auch viel Musik zusammen gemacht. Da hatte ich die Idee, mit ihr eine bluesy Swingband zu gründen.

Damals haben wir einen Tenorsaxophonisten dazu genommen. Helena & The Twilighters als Band hatte am 07.09.2010 ihre erste Probe und am 30.09.2010 ihren ersten Auftritt. Im November 2010 kam ein Bassist dazu, denn wir wollten auch für die Swingtänzer interessant sein. Seitdem haben wir ungezählte Auftritte, zwei Bassisten und zwei Saxophonisten hinter uns (eigentlich drei, denn wir haben auch schon mit zwei Bläsern gespielt). Zur Zeit treten wir je nach Rahmen und Budget zu viert oder zu fünft auf, also als Quintett entweder mit Drummer oder (was mir lieber ist) mit zweitem Gitarristen.

Und wie sind eure Pläne für die Zukunft?

Ich hoffe, dass wir noch ein erhebliches Stück weiterkommen als bis jetzt und wir planen, eine CD aufzunehmen. Wie in jeder Berliner Band gibt es natürlich Schwierigkeiten mit der Besetzung. Und mit jedem neuen Musiker fängt man dann wieder von vorne an, das wirft einen immer wieder zurück, leider. Die Situation in Berlin ist auch einfach schwierig, gerade, was Swing oder Rockabilly und auch was die Verfügbarkeit von Musikern dafür angeht.

Weil die Szene dann doch zu klein ist?

Ja, für so eine große Stadt ist die Szene vergleichsweise klein, und die Konkurrenz ist vergleichsweise riesig. Also, die Zahl der Aktivisten ist vergleichsweise groß, die Zahl der Konsumenten vergleichsweise klein. Und Musiker gerade für den alten Stil zu bekommen, ist schwierig – die Musiker selbst sind schwierig. Und in Berlin kommt dazu noch das Bassisten-Problem: Die Bassisten verkaufen sich meistbietend und legen sich weder im Rockabilly und schon gar nicht im Swing auf eine bestimmte Musikrichtung oder anständig auf eine Band fest. Stattdessen wollen sie möglichst nicht proben und spielen da, wo sie das meiste Geld kriegen. Und da lässt es sich natürlich echt schwierig mit arbeiten.

Was bringt dich denn bei all den Schwierigkeiten dazu, dass du trotzdem jeden Morgen aufstehst und als Musiker weitermachst?

Es geht immer irgendwie weiter. Ich spiele in sieben Bands und probe effektiv mit anderthalb. Sonst wird – wenn – dann gespielt. Das funktioniert zwar, aber natürlich könnte das musikalische Niveau erheblich höher sein. Aber für die Gagen in Berlin will kein Berufsmusiker proben, verständlicherweise. Oder sie haben die Frustrationsgrenze schon so weit hinter sich gelassen, dass nur noch kommen, wenn’s Kohle gibt, fertig. Ich weiß nicht, ob es in Berlin auch Bands gibt, wo der Bandleader es sich auch leisten kann, die Bandmitglieder für die Probe zu bezahlen. In der Klassik gibt es das sicherlich, aber ich weiß nicht, wie das in der Unterhaltungsmusik oder gar bei Jazz und Swing ist. Auf jeden Fall kann ich’s mir nicht leisten.

Wie sieht es denn mit deinen anderen Projekten aus?

(c) Harald Hertel

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Es gibt noch jede Menge andere Projekte, wie die Four Jam Swingers, Seven End Stompers oder Liza Kay & Capt’n K und z.B. spiele ich nach wie vor auch in einer Rockabilly-Band –  Rock’n’Roll-Trio heißt die, und die gibt es seit Frühjahr 1992. Natürlich ist das nicht mehr die Besetzung von damals, sondern hat schon x-mal gewechselt, auch zwangsläufig durch den Wohnortswechsel. Hier in Berlin spiele ich in der Regel mit Hannes Strauß an der Leadgitarre und mit dem Bassisten, der sich gerade findet.

Ich mach mit der Band immer noch das, was ich vor 21 Jahren gemacht hab, nämlich den Rock’n’Roll der ersten Stunde, SUN-Rockabilly, Elvis, Carl Perkins, Johnny Cash… ich kann die ganzen Standards auch spielen und all die Rock’n’Roll-Klassiker, bei denen die ganzen Rockabillys nur gähnen – aber die sie nicht spielen können, wenn man sie fragt (lacht). Und dann natürlich spielt die Band dann eher die unbekannteren Sachen, Sonny Fisher und so’n Zeug. Das mache ich natürlich gerne, aber die Qualität schwankt, je nachdem, mit welchen Musikern man spielt.

Und wie läuft es da so?

In der Szene hier ist da leider keine Nachfrage, aber das macht mir auch nichts. Wir spielen meist eher im privaten oder halböffentlichen Rahmen. Da lässt sich die Band sehr gut einsetzen, weil sie ohne Schlagzeug spielt, nicht viel Platz braucht und nicht besonders laut ist.

Wieso interessiert sich die allgemeine Berliner (Tanz-)Szene so wenig für diese Art von Musik, wenn das privat doch gut läuft?

Na ja, Privatmenschen, die so ’ne Band für ihre Feier engagieren, wollen eben genau das – authentischen Rock’n’Roll und Rockabilly. Und sie sind eher bereit, eine adäquate Gage zu zahlen, als die Veranstalter oder Clubbetreiber, die die Bands auf Hut oder Eintritt spielen lassen, und damit ihr unternehmerisch-finanzielles Risiko auf die Künstler abwälzen. Denen ist es letztendlich egal, welche Band spielt – solange es zu ihrem Image passt. Hauptsache, es kommen genug Leute, die Eintritt zahlen und saufen.

Und die Tanzleute haben von ihren Tanzkursen aus nicht gelernt, auf Rockabilly-Stücke zu tanzen, sondern eben auf Jive und Rhythm &Blues oder Swing. Die checken nicht, wenn der Groove (auf den es eben ankommt beim Tanzen) der Gleiche ist. Ist eh traurig, dass die Tänzer immer das Gleiche und möglichst die gleichen Stücke hören wollen und sonst nicht auf die Tanzfläche kommen. Es ist – das weiß ich aus Erfahrung – immer schwierig, neue – sprich alte, bisher noch nicht gespielte – Stücke einzuführen. Das braucht viel Zeit.

Aber mit Privatveranstaltungen kann ich auch gut leben und die Leute sind für unsere Musik immer sehr dankbar. Also Szene hin, Szene her: Wenn hier jemand authentischen Rockabilly spielt, dann wir. Auch ausgelutschte Standards sind in der Besetzung zwei Gitarren, ein Kontrabass trotzdem authentischer Rockabilly – zum Beispiel geht „A Whole Lotta Shakin‘ Going On“ auch ohne Klavier und Schlagzeug. Wir haben mit dem Rock’n’Roll Trio zwei CDs draußen und wir waren in den 90ern auch auf diversen Compilations vertreten. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich da groß stolz drauf bin, aber das ist was (lacht). Ich bin eben kein unbeschriebenes Blatt.

Apropos: Hast du da vielleicht schon wieder neue Ideen in petto?

Ja, wir planen gerade jetzt auch was Neues… ob es was wird, weiß ich noch nicht, aber wir arbeiten dran – auf jeden Fall würde ich damit auch gern auf die Bühne gehen, aber ich lass das mal noch ein bisschen im Dunkeln, als Überraschung (lacht).

(c) Harald Hertel

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Und sonst?

Für mich hoffe ich natürlich, dass es DJ-technisch wieder ein bisschen aufwärts geht und wieder die Größenordnung vom Admiralspalast erreicht. Da habe ich damals vor vier Jahren auf der Swing Royal aufgelegt. Ich bin ich aber optimistisch, dass es in die Richtung weitergeht. Fest steht: Ich bin kein Wald- und Wiesen-DJ und wenn mich jemand für sein Event bucht, dann werde ich partout keine 70er, 80er, 90er Musik auflegen – außer natürlich den Rock’n’Roll Jive und den Swing, den es in der Zeit gegeben hat. Aber so alles zu bedienen, sowas würde ich nicht machen. Ich kann mittlerweile breitgefächerter bedienen, solange es sich um Musik der 30er-50er dreht, bin ich sehr breit gefächert. Da geht auch Latin, französischer Chanson und deutscher Schlager, Jazz, Lounge-Jazz… Auch Frank Sinatra und Dean Martin und die Richtung, die ich früher überhaupt nicht leiden konnte, aber das hat sich inzwischen etwas geändert. Aber ansonsten lege ich nach wie vor am liebsten Rhythm & Blues auf, Rock’n’Roll, Rockabilly Jive und natürlich Swing ohne Ende. Auch gern Ende-der-20er-Hot-Jazz, das ist dann aber auch nicht jedermanns Sache (lacht) und es ist ja auch nicht ganz einfach, darauf zu tanzen.

Was ich mir gern für die Zukunft noch wünschen würde, ist, dass die Tanzveranstaltungen in Berlin das halten, was sie versprechen: Also, dass etwa eine 20er-Jahre-Tanzveranstaltung auch die dementsprechend Musik bringt und nicht irgendwas. Oder es gibt so viele Rockabilly-Veranstaltungen, bei denen die wenigsten Leute tanzen, wenn man dann wirklich Rockabilly auflegt. Weil sie’s nicht gewohnt sind. Weil sie mittlerweile auf so eine ganz bestimmte tanzbare Schiene eingetaktet sind, dass sie auf Rockabilly dann nicht tanzen – obwohl es der gleiche Rhythmus und der gleich Groove, aber eben nicht ihr Lied ist. Da bleibt die Tanzfläche leer.

(c) Harald Hertel

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Das ist schon schade und das ist einfach bei vielen Veranstaltungen hier in Berlin mit der authentischen Musik so. Ich meine, geh mal am Mittwoch in Clärchens Ballhaus und hör, wie viel von der Musik authentischer Swing ist! Ob sich das nochmal ändert, weiß ich nicht, aber ich arbeite dran. Es war ja das Konzept von Capt’n Kuddlemuddle, von Swing bis Rockabilly zu spielen, und auch alles, was dazwischen ist. Aber das ist schwierig. Selbst bei meiner Swing & Jive Night, die ich einmal im Monat im Haus der Sinne mache. Da habe ich früher alles gespielt, auch Boogie Woogie – und seitdem es Manu Tanzratte gibt, natürlich auch Stroll. Der wird seitdem viel gespielt, weil die Leute eben drauf tanzen. Das war vor sieben Jahren noch anders, da wurde in Berlin überhaupt noch nicht so viel getanzt, auch im Vergleich zu anderen Städten.

Ist Berlin also eher tanzfaul?

Ich würde mal sagen, in der Berliner Rock’n‘Roll-Szene tanzen die Leute erst richtig, seitdem ich da bin bzw. seitdem zwei Jahre später Manu Tanzratte kam. Wir sind natürlich nicht die einzigen, die sich da mal als Tanzlehrer betätigt haben.

Aber viel Auswahl gibt es da ja tatsächlich nicht.

Nein, die gibt es nicht. Es gibt Andy Seebach, der mehr auf Swing und Boogie spezialisiert ist und donnerstags im Home of Rock’n’Roll seinen Kurs macht, aber auch noch nicht so lange. Die Nina, also DJ Nocturne, macht manchmal Jive-Lessons. Ansonsten ist da nicht viel. Aber inzwischen tanzen viele Leute in Berlin, das ist schön und gut so.

Und was den Swing angeht – das ist ja ein Riesen-Hype. Beim Lindy Hop ist es schon eine Massenbewegung. Aber diese Massen interessieren sich nicht für Swingmusik an sich und schon gar nicht für den Lifestyle der 30er und 40er. Und sie interessieren sich auch nicht für Tanzveranstaltungen außer dem, was ihre Tanzlehrer so machen. Leider. Was nicht zuletzt daran liegt, dass alle Tanzlehrer ihre Schäfchen auch für sich behalten wollen. Und dementsprechend instruieren oder nur auf ihre Veranstaltungen aufmerksam machen.

Es kommen nicht so viele Lindyhopper zu meinen Veranstaltungen, also keine, die das gerade neu lernen. Gut, erfahrungsgemäß probieren die, die dabei bleiben, im Lauf der Jahre mal alles durch- das hängt auch davon ab, wie mobil die Leute sind und wie willig, auch mal in einen anderen Stadtteil zu reisen. Ich glaube, ich belasse es mal dabei, was das Thema angeht. Aber wenn die Massen an neuen Swingtänzern auf meine Veranstaltungen kommen würden, dann hätte ich ausgesorgt.

Dass die nicht kommen ist ja eigentlich witzig. Also nicht im Sinne von komisch…

Na, doch, das ist sehr komisch. Die nehmen das halt als Ersatz für ein Vereinsleben, als Sportveranstaltung oder keene Ahnung. Klar, der Heiratsmarkt spielt auch immer ‘ne Rolle, aber das ist ein Hype. Die Leute, die wirklich ihr Herz im Swing haben, haben davon nichts. So gut wie nichts. Swing ist eine wahnsinnig schnelle Musik und entsprechend schweißtreibend. Nicht umsonst haben die Leute damals meistens keinen Lindy Hop drauf getanzt, sondern Foxtrott oder sonst irgendwie sowas. Die Schwarzen natürlich nicht, die nicht (lacht). Aus meiner Sicht gibt es sowieso keine Swing-Szene, die gab es vielleicht mal Anfang des Jahrtausends und die ihre Wohnungen bis zu den Küchengeräten so eingerichtet haben. Die gibt es auch immer noch, aber die interessieren sich in der Regel nicht für die Tanzveranstaltungen.

Wieso das denn nicht?

Wahrscheinlich waren die auch mal da, aber die sind wohl deshalb nicht da, weil sich die neuen Tänzer partout nicht mehr in dem Stil kleiden und auch nichts damit zu tun haben wollen. Aber wenn man auf eine Swingveranstaltung geht, im Swingstyle, und sich dann vorkommt wie ein Zootier…

Also gehört das für dich von der Kleidung bis zur Musik schon alles zusammen?

Na klar. 1999/2000 gab es so ein absolutes Swingrevival in Europa. Das kam durch die Leute, die 1998/99 im Urlaub oder so in den USA diese Neo-Swing-Welle mitbekommen haben und wurde von Bands wie Cherry Poppin‘ Daddys oder Brian Setzer Orchestra angeschoben. Die Leute sind völlig geflasht wiedergekommen und haben natürlich auch getanzt. Erst diniert, dann getanzt – wie damals. Sogar in diesem BWLer-Disco-Frankfurt gab es ‘ne Disse, die einmal in der Woche statt Disco einen Swingabend gemacht hat. Das war natürlich der Hammer!

Es hielt sich aber nicht lang, sondern ebbte innerhalb von einem Jahr total ab. Aber die Leute, die damals kamen, die haben sich wirklich Mühe gegeben und die Swingleute, die es eh schon gab, hatten zum ersten Mal eine Anlaufstelle. Da haben sie auch ihren Style ausgeführt, aber innerhalb weniger Jahre hörte das wieder auf. Da war dann nur noch eine kleine abgeschlossene Szene, die dann irgendwann in dieser Lindy-Hop-Szene aufging. Die Leute, die das richtig gelebt hatten, hatten dann nach einer Weile keine Lust mehr auf die Lindy-Hopper, denen es nur darum ging, ihren Tanzstil zu perfektionieren und das Ganze wie einen Leistungssport zu betreiben. Das gibt es auch in Berlin viel zu oft. Klar, jeder kann machen, was er will, aber für mich geht das am Thema vorbei. Ich will keine perfekt gelernte Choreographie abliefern: Ich will Spaß haben und dieses Styling ausleben. Das kommt bei vielen zu kurz, finde ich.

(c) Imke Thun

(c) Imke Thun

Letzte Frage: Auf was in deinem Leben bist du am meisten stolz? Was ist dir wichtig?

(überlegt) Na, am wichtigsten ist eigentlich, dass ich immer noch die Musik mache, mit der ich gestartet bin, die ich machen will und die ich immer machen wollte: nämlich Swing und New Orleans Jazz. Dass ich Songs auf der Bühne spiele, die als Kind meine Lieblingssongs waren – obwohl ich als Kind nie gedacht hätte, dass ich selber mal da oben stehe. Das ist so’ne Sache.

Und bei vielen Leuten aus der Szene hat sich der Musikgeschmack ja geändert im Laufe der Zeit. Ich höre von Leuten, dass sie mal Gruftis oder Punks oder sonst was waren. Ich war immer Rock’n’Roller – ich hab vielleicht am Anfang nicht so ausgesehen und es hat Jahre gedauert, bis man das Styling und die Klamotten und die Platten zusammenhatte, aber es hat nie irgendwas anderes für mich gegeben. Was eben in meinem Fall auch Swing impliziert, denn ohne Swing hätte es keinen Rock’n‘Roll gegeben, tut mir leid (lacht).

Das wäre ein schönes Schlusswort, aber eine Frage habe ich noch: Was ist dein Fitnessgeheimnis, dass dich stundenlang durchtanzen lässt?

Das Geheimnis ist meine Liebe zur Musik – wenn die Musik mir nicht gefällt, klappe ich zusammen wie alle anderen. Aber wenn die Musik mich kickt, brauch ich keine Drogen oder Aufputschmittel – die Musik macht das selbst. Und am nächsten Tag bin ich dann im Eimer.

Ich danke dir für deine Zeit!

Für alle, die immer noch nicht genug von Harald Hertel haben, können sich das Interview per Spotify-Playlist noch mal durch die Ohren gehen lassen. Und natürlich sollte man sich den Capt’n auch live und in Farbe nicht entgehen lassen – zum Bsp. bei der Swing & Jive Night im Haus der Sinne (Ystader Str 10, S-Bahn Schönhauser Allee), jeweils am 1. Samstag des Monats.

2 Gedanken zu “III. Harald Hertel „Ich war immer Rock’n’Roller.“

    • rocknroulette schreibt:

      dankeschön!! der informationsgehalt ist aber mindestens zum gleichen teil dem klugen und großartigen harald zu verdanken, dem das musikwissen nur so aus allen poren platzt 🙂

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