I. Harald Hertel: „Ich war immer Rock’n’Roller.“

Ein Vollblutmusiker erzählt.

(c) Harald Hertel

(c) Harald Hertel

Ein Interview mit Harald Hertel ist aus mehreren Gründen äußerst spannend: Zum Einen kennt ihn die Berliner Szene als DJ, unermüdlichen Tänzer und Hans Klampf in allen Gassen mit etlichen Band-Projekten von Helena & The Twilighters bis The Rock’n’Roll Trio. Wie er dazu gekommen ist, wie er sich als Vollzeitmusiker in der Großstadt durchschlägt – das ist die eine Seite des Interviews.

Die Andere ist sein Leben als Vollblut-Rock’n’Roller der zweiten Generation: Heute braucht man nicht mehr als zwei Stunden im Internet – dann sind Outfit und Plattensammlung komplett. Früher war alles anders (tatsächlich) – von der Pomade aus dem Afroshop bis zum Klamottenfund auf dem Flohmarkt.

Die dritte Seite – last but not least – ist, dass es ein richtiges Leben neben dem falschen gibt. Auch wenn der Gegenentwurf zum bürgerlichen Normalo-Dasein nicht immer so rosig läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Aber: man kann seiner Berufung folgen, wenn man es nur will. Wie es dazu kam, erzählt Harald Hertel am besten selbst und natürlich in drei Teilen. Übrigens: Die passende Musik zum Nachtanzen gibt es in meiner Spotify-Playlist.

Teil 1: Eine Reise durch Kindheit, Jugend und die Musikgeschichte.

Ich treffe Harald Hertel im Café Yalloya im Prenzl’berg – und wir fangen am Anfang an: Bei seinem ersten Lieblingslied. Schließlich ist H.H. neben aller Musikerei auch  noch studierter Historiker – was vor allem durch seine äußerst detaillierte Erzählweise und korrekte Datenwiedergabe auffällt. Und dadurch, dass er musikalisch einen beinahe bodenlosen Schatz an Wissen besitzt. So wird das Gespräch schnell zu einer Zeitreise durch die Geschichte von Swing, Jazz und Rock’n’Roll.

Ursprünglich kommt H.H. aus Mörfelden/Walldorf, einer Stadt südlich von Frankfurt. Der größte Arbeitgeber in der Gegend ist der Rhein-Main-Flughafen, und als Schüler arbeitet auch Harald dort beim Frachtverpacken. Der Flughafen ist allerdings nicht sein Traumjob und er geht erst mal an die Uni.

Wieso hast du Literatur studiert?

Das war eher pragmatisch. Meine besten Fächer in der Schule waren Geschichte und Deutsch. Da hab ich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft als zweites Nebenfach genommen. Das hielt ich für den geringsten Arbeitsaufwand. Mein Hauptfach war Mittlere und Neuere Geschichte, davon vor allem Neuere Geschichte und davon der Schwerpunkt Zeitgeschichte, was mich so interessiert hat und worauf ich mich spezialisiert habe. Mein erstes Nebenfach war Osteuropäische Geschichte.

Und was hattest du damit vor?

Och, ich hab damals gedacht, dass ich mit einem abgeschlossenen Studium sicherlich in ‘nem Verlag unterkommen könnte, als Lektor oder was auch immer – am besten in einem Verlag, der natürlich auch entsprechende Bücher herstellt. Aber als ich fertig war mit dem Geschichtsstudium, gab es keine Jobs mehr. Die haben sich wenn überhaupt für Verlagskaufleute interessiert.

Wie bist du dann zur Musik gekommen? Hast du da immer schon einen Draht zu gehabt?

Als ich ein Säugling war, hat mein Vater schon seine Dixieland-Singles auf dem Plattenspieler aufgedreht. Als ich zwei Jahre alt war, konnte ich den Plattenspieler dann selber bedienen und hab selber aufgelegt, was mir am besten gefallen hat.

Hattest du da schon richtige Präferenzen?

Ja. Wenn man so will, habe ich die DJ-Tätigkeit mit zwei aufgenommen. Mein erstes bewusstes Lieblingslied war der „Tiger Rag“. Der wurde im Original 1917 von der Original Dixieland Jazz Band aufgenommen, aber das hatte mein Vater natürlich nicht. Der hatte eine Revival-Version aus den Fuffzigern, von den damals ziemlich bekannten Firehouse Five Plus Two. Er hat eine EP mit vier Liedern gehabt und das war meine Lieblingsplatte. Der „Tiger Rag“ war das lauteste, wildeste, schnellste Stück und das war mein Lieblingslied (lacht). Also vielleicht noch nicht mit zwei, aber dann mit drei, vier, sechs. Ich hab das dann auch immer erkannt, wenn es in anderen Versionen gespielt wurde.

Und natürlich – klar – Louis Armstrong. Ich glaube, Louis Armstrong macht eine Musik, die jedes Kind sofort versteht und gut findet. Als Kind mochte ich natürlich seine erste Aufnahme von „When The Saints Go Marching In“ von Ende 1938 – das war das erste Crossover von Swing und Gospel.

Und wie ist das jetzt? Magst du Armstrong immer noch?

Ja! An meiner Wand hängen zwei große Bilder von ihm. Ich würde sagen, das ist der Mega-Hyper-Star des 20. Jahrhunderts, sogar für alle Altersgruppen übergreifend. Okay, frag heutzutage mal ‘nen Teenager nach Armstrong, der wird sich wohl wundern, wer das nun sein soll, aber Armstrong hat von 1922-1970 aufgenommen und hat, wenn man so will, beim Jazz fast im Alleingang alle Arten von Musikern, alle Arten von Instrumenten und später dann auch Sänger inspiriert. Er hat auch den Swing durch seine Spielweise erst initiiert.

Und wie ging es dann musikalisch weiter bei dir?

Ich hab mit vier Jahren dann zum ersten Mal die Soundtrack-10‘ zur „Glenn Miller Story“ in die Hände gekriegt,  und das war von da an dann auch meine Lieblingsplatte. Am liebsten mochte ich natürlich „In The Mood“. Da war ich mit vier dann Swing-Fan. Ich wusste nicht, dass das Swing war, aber Glenn Miller war mein Liebling – bis zu der Zeit, wo ich zum ersten Mal Bill Haley gehört habe.

Bill Haley habe ich mit knapp 11 zum ersten Mal bei meiner Großtante gehört. Das Zimmer ihres Sohnes war noch so, wie er es Anfang der 60er verlassen hatte – für heute ein Traum, aber damals als Kind hat man auf sowas nicht geachtet. Da war auf jeden Fall ein Musikschrank drin. Ich habe sowieso am liebsten von morgens bis abends Platten gehört – also auch bei der Großtante Schlager und so’n Zeug, aber eben auch die Singles von dem Sohn. Und da habe ich irgendwann so eine Platte in die Hände bekommen, da stand Bill Haley drauf. Was’n das? Keine Ahnung, aufgelegt und nach zwei Takten war klar: „Rock Around The Clock“. Das will ich. Ich wusste genau: Das will ich. Das hat sozusagen mein Leben von da an bestimmt und die Platte habe ich dann, wenn ich da in den Ferien war, von morgens bis abends hoch und runter durchgefräst (lacht). Bill Haley war mein Ding und ist mein Ding. Ich hab mich bis heute nicht dran sattgehört, obwohl das jetzt  ‘ne ganze Weile zurückliegt. Das war in den Herbstferien 1977 und da hatte ich von Elvis noch keine Ahnung, der kam erst viel später für mich.

War Elvis dann noch einmal genauso ein Aha-Erlebnis für dich?

Sagen wir mal so: Das Aha-Erlebnis war Peter Alexander (lacht). Das war auch so gegen Ende 1977 und als Kind musste man Samstagabend im Fernsehen das gucken, was die Eltern sehen wollen. Und weil meine Mutter natürlich großer Peter-Alexander-Fan war, haben wir Samstagabend die Peter-Alexander-Show geguckt. Und da hat der dann aus aktuellem Anlass – Elvis ist ja im August 1977 gestorben – „Heartbreak Hotel“ gesungen. Da bin ich vom Stuhl gefallen! Das hat der sowas von authentisch gemacht, das kann man sich nicht vorstellen. Peter Alexander hatte in den 70ern ja meistens ‘ne Tolle, und dann ging das Licht aus in dem ganzen Saal, er wurde von hinten angestrahlt und du hast nur die Silhouette gesehen, mit der Gitarre. Das war wirklich Eins zu Eins Elvis. Okay, vielleicht war’s das auch nicht, aber damals – ich kannte Elvis ja nicht – war das der Hammer!

Und dann hat sich mein Freund zu Weihnachten ’77 eine Elvis-Kassette gewünscht. Die habe ich ein paar Monate später, als es nicht mehr so interessant war für ihn, natürlich ausgeliehen. Und irgendwann Jahre später, als ich dann von einem anderen Freund eine Kassette mit Aufnahmen von Original-Platten gehört habe, ist mir aufgefallen: Häh, das klingt ja schon irgendwie ganz anders?! Und dann hab ich zu meinem Freund gesagt: „Ey Hans, was du da hattest, das war gar kein Elvis, das war ein Imitator!“ (lacht). Da hat sich der Vater wahrscheinlich gedacht: Ach, ich nehm die Billigste… Wir fanden das damals natürlich trotzdem gut, aber es war halt nicht Elvis. Es gab 1977 zig Imitatoren oder so Revival-Gedächtnis-Platten, und das war eben so eine. Und der hat es auch nicht schlecht gemacht.

Das ist dir nach Peter Alexander also nicht direkt aufgefallen.

Harald: Nee… nee, das ist mir erst so 1979, 1980 aufgefallen (lacht). Aber ich war im Ursprung sowieso eher von anderen Rock’n’Roll-Interpreten inspiriert. Von Bill Haley natürlich, und dann habe ich angefangen, Platten anzusammeln. Relativ spät, im Vergleich zu anderen Teenies. An Ostern 1979, mit 13, habe ich meine erste eigene Musik-LP bekommen: Showaddywaddy (lacht). „Under The Moon Of Love“, „Dancin‘ Party“ und „When“ waren ja alles Covers vom Ende der 50er, Anfang 60er. Aber die waren tatsächlich in der deutschen Hitparade drin – ein Segen auf der Tanzfläche zwischen den ganzen Discoliedern. Das war also meine Lieblingsband zu der Zeit, also mal von Bill Haley abgesehen. Ich hab von Anfang an LPs gesammelt, Singles waren irgendwie nicht so interessant. Die hab ich zwar auch sporadisch gehabt, aber Ende der 70er hat man sich gleich LPs geholt. Und wenn man nicht so in der Popmusik drin war, sondern was Spezielles wie Rock’n’Roll gesucht hat, hat man sowieso alles genommen, was da zu kriegen war. Später, so Ende der 70er, fing das bei mir mit „Rama Lama Ding Dong“ so an, dass man alles wie ein Schwamm aufgesaugt hat, was irgendwie Rock’n‘Roll war im Fernsehen oder im Radio, und danach die Augen und Ohren offengehalten hat.

Wie viele Platten hast du mittlerweile?

Ich weiß es nicht. Es sind Tausende mittlerweile. Ich hab sie nie gezählt und auch leider nie katalogisiert. Es sind wirklich viele und ich müsste etliche Schülerpraktikanten verschleißen, um das zu katalogisieren, was natürlich nicht schlecht wäre.

Weißt du auch so immer, wo du was findest?

Ich weiß, wo der Kram steht. Ich habe sie nach Genres und alphabetisch sortiert. Aber selbst mir passiert es natürlich, dass ich mir eine Platte hole und dann feststelle, dass ich sie schon hab. Das passiert – wenn auch für diese Menge an Platten recht selten. Dann kommen ja noch die CDs dazu… Da muss man auch Prioritäten setzen: Ich habe keinen Kleiderschrank, der passt nicht in die Wohnung. Ich habe eine Ein-Zimmer-Wohnung mit Kachelofen und der nimmt ja schon allein ein bisschen Platz ein. Eine Wand ist voll nur mit Platten und die Klamotten hängen an Bügeln auf einer Kette unter der Decke, mit Folie drüber (lacht).

Das kenne ich von Büchern.

Oh ja und Freunde hassen dich dafür – zumindest nach dem Umzug (lacht). Es ist ja nix schwerer als Platten oder Bücher in Umzugskisten, boah. Aber jeder hat halt seine Leidenschaften und sein Ding. Ich hab mir dann schon Ende 1979 meine erste Platte mit 50er-Jahre-Rock’n‘Roll-Musik zugelegt, das war Johnny & The Hurricanes (lacht). Die habe bei meinen Großeltern in Schwäbisch Hall im Plattengeschäft gekauft und hab 19,99 Mark dafür ausgegeben – eine unvorstellbare Summe damals, ein Vermögen! Dabei ist das was, was ich mir heute praktisch nie anhöre, weil Johnny & The Hurricanes eigentlich total langweilig ist (lacht) und da auch mein Hassinstrument Orgel mit drin ist. „Sheba“ ist eins der wenigen Stücke, wo die Orgel nicht nervt. Aber damals, im Plattengeschäft, über Kopfhörer war es natürlich der Hammer.

1980 waren wir dann auf Klassenfahrt an der Nordsee und dann auch mal in einer größeren Stadt, Wilhelmshafen oder so. Da lief mir dann auch ein Plattengeschäft über den Weg –ich natürlich sofort rein. Meine erste Buddy-Holly-Platte mit eher unbekannten Stücken wie  „Baby, Won’t You Come Out Tonight“ und  „I’m Looking For Someone To Love“, meine erste Shadows-Platte… und meine erste eigene, allerneueste Bill-Haley-Platte! Ich bin fast vom Stuhl gefallen. 1980 habe ich auch mein erstes Rock’n’Roll-Konzert gesehen – also als Zuschauer. Das war Fats & His Cats.

Die Band hat wohl seit Ende der 50er existiert. Otto Ortwein, genannt Fats, kam ursprünglich aus Hamburg und hat damals so einen Louis-Prima-/-Fats-Domino-Stil gefahren. Ich fand das 1980 voll den Hammer! Wenn man’s heute sehen würde, als Rockabilly-Fan, würde man wohl denken: Uah, was ist denn das?! Aber damals als 14-jähriger fand ich das absolut spitze, absolut super.

Wie bist du sonst an die alten Sachen rangekommen?

Ich hatte ‘nen Klassenkameraden in der 5. Klasse. Später, in der 11. Klasse waren wir zusammen beim Fußball. Und beim Training hat er mir irgendwann erzählt, dass er jede Menge Elvis-Platten hätte. Boah, dann können wir uns ja mal austauschen! Dann hab ich meine Showaddywaddy-Platten mitgebracht und die Bands, die zu der Zeit eben gerade aufgekommen sind – Racey, so eine Pop-Band, die aber mit Rock’n’Roll in der Hitparade war; The Darts mit Doo Wop „Who’s That Knocking On My Door“ und „Duke of Earl“, und Matchbox mit „Rockabilly Rebel“… da wusste und fühlte man, jetzt ist unsere Zeit angebrochen – wir haben unser eigenes Ding.

Und bei dem Fußballkumpel waren die alten Sachen dann natürlich eine Riesenoffenbarung. Vor allem so die Elvis-SUN-Sachen… ich habe mir alles aufgenommen, was ging, und er hat sich dafür meine neuen Sachen überspielt.

Heute kann man sich ja alles ruckzuck im Internet zusammenbestellen, selbst wenn man noch gar keine Ahnung von Style und Musik hat. Wie bist du an das passende Outfit zur Musik gekommen?

Damals gab‘s in Frankfurt und Umgebung kaum Second Hand Shops. Wenn man dann endlich mal einen Ted (so wurden die Rock’n’Roller damals genannt, nach den englischen Teddyboys – auch wenn sie nicht so aussahen, denn dies war schon ein spezieller Stil) kennengelernt hatte und der einem verraten hatte, wo dieser oder jener andere ältere Ted seinen Kram verkaufte, dann hat man sich also aufgemacht nach Darmstadt oder Frankfurt oder Wiesbaden, und versucht, was Passendes zu finden.

(c) Harald Hertel

(c) Harald Hertel

Damals meinte man noch, dass spitze Schuhe so typisch 50er gewesen wären, tatsächlich sind die eher typisch für die frühen 60er, ebenso wie die schmalen Krawatten und die engen Anzughosen ohne Aufschlag. Also, meine ersten spitzen Schuhe hab ich Ende ‘83 in Darmstadt bei so’m halboffiziellen Second Hand Shop gekauft. Ich hab sie heut noch und vor kurzem tatsächlich mal wieder angehabt.

Meinen ersten Anzug hab ich im Frühjahr ‘84 auf’m Flohmarkt in Langen bekommen für 5 DM – Zufall! Ich war so berauscht, dass ich dem Typ noch mal 5 DM für eine große Plastiktüte gegeben habe, nur für den Fall, dass es regnet…. Meine ersten Haifischkragen-Hemden in kurzärmlig hab ich praktisch als Nachlass von meinem Opa geerbt, auch ‘84. Im selben Sommer habe ich in einem Second Hand in Wiesbaden, der von Rock’n’Rollern betrieben wurde, die ersten melierten Hosen und Sakkos damals für mich sehr teuer gekauft. Und die Klamotten habe ich natürlich auch nicht ohne Stolz auf der Bühne getragen.

Also war eher der Anzug-Look in bei euch?

Es gab damals bei uns zwei Fraktionen – die, die in Anzügen rumliefen, also authentischer und in der Regel deutscher 50er-Jahre-Style, und die, die mit Jeans und an den Ärmeln abgeschnittenen Flanellhemden, dazu meist Converse-Turnschuhe und College- bzw. Baseball-Jacken rumliefen. Wer von den Letzteren die Kohle hatte, leistete sich natürlich eine Motorrad-Lederjacke, wo dann die üblichen schwarzen Aufnäher (mit gelber Schrift) draufkamen – aber auf die hab ich noch nie gestanden. Eine entsprechende Lederjacke hab ich mir zwar auch 1985 zugelegt, aber da kam nie was druff.

(c) Harald Hertel

(c) Harald Hertel

1985 entdeckte ich dann neben dem Flohmarkt in Frankfurt, den ich schon ein paar Jahre kannte, den Flohmarkt in Offenbach am Mainufer. Dort kaufte ich mir im Laufe der Jahre Aberdutzende von kurzärmligen Haifischkragen-Hemden für 5 DM das Stück. Da verlangen Händler heute wahnwitzige Unsummen dafür, ich glaube 30 Euro aufwärts, und 60 Euro sind keine Seltenheit. Und viele Haifischkragen-Hemden sind dann sogar schon aus den frühen 60ern. Leider hab ich sehr viele davon verschenkt oder verloren, oder sie sind verschlissen und ich musste sie wegwerfen.

An Jeans hat man natürlich versucht, Levy 501 zu bekommen und möglichst dunkle – die waren damals ja nicht in. Es gab in Frankfurt irgend so’n seltsamen Militär-Second Hand. Da hab ich dunkle 501 bekommen, bretthart, teuer, aber geil – die liefen also noch ein beim Waschen. Man hat viele Jahre gebraucht, um festzustellen, dass die 501 eigentlich total unbequem und nicht sonderlich authentisch sind oder waren. Die sind eben für Teenager-Figuren gemacht, nicht für Männer, die viel trinken und essen….

Ich glaube, aufgeschlagen hab ich mir die schon immer, schon bevor ich als Rock’n’Roller erkennbar rumgelaufen bin. Schlaghosen-Jeans hatte ich nie. Natürlich hat man nicht solche extremen Aufschläge wie heute gehabt – denn das ist ja Kult bei uns, um sich von den Normalos zu unterscheiden, und so extrem wie heute, wurden die Jeans auch in den 50ern nicht aufgeschlagen.  Und die hässlichen Stonewashed-Jeans in Karottenform von Anfang der 80er hab ich nie getragen.  Ich mochte immer den klassischen Schnitt grade runter und heut mag ich die Freddies am liebsten.  Hüfthosen sind halt nix für uns alte Säcke (lacht).

Damals wie heute geht es ja immer noch viel ums „echt“ sein. Wie würdest du Athentizität deiner Meinung nach definieren?

Authentisch ist ein Rock’n’Roller, wenn er seinen Stil lebt und durchzieht, ohne sich einer Gruppe, (egal, ob andere Rock’n’Roller oder Mainstream-People), anzupassen. Und vor allem, wenn ihn die Modewellen innerhalb seiner Gruppe kalt lassen. Authentisch ist einer, der keinem Alphatier am Wochenende hinterherrennt, zu welchem Event auch immer. Sondern der sich den Event raussucht, der ihn interessiert und da auch hingeht, wenn sonst niemand mitkommt. Das trifft für jede Art von Stilist zu.

(c) Harald Hertel

(c) Harald Hertel

Und nur weil einer 100%ig so aussieht, muss er nicht unbedingt Rock’n’Roller sein. Wir hatten ja drüber gesprochen, wie schnell man heutzutage übers Netz an alle Style-Infos kommt… Oder wo man sich informieren kann, wo die Veranstaltungen laufen. Ergo – Anfang der 80er konnte man die Wochenend-Rock’n’Roller genau erkennen, heutzutage ist das rein optisch nicht mehr möglich. Erschwerend hinzu kommt, dass viele andere Gruppen – von Neo-Punks über Ex-Gruftis, Autoschrauber und Edel-Biker bis zu den Mainstream-People viel von unserem Klamotten- und Frisuren-Stil übernommen haben. Nur wenn du sie dann auf unsere Musik ansprichst, kommt ein großes Fragezeichen über ihrem Kopf…

Fazit:  Einen authentischen Menschen erkennst Du heute nicht an seinem Äußeren. Nix von wegen  „Kleider machen Leute.“

Vielen Dank für dieses erste Gespräch!

Demnächst geht es weiter mit Teil 2: Von Flaming Star zu Boppin‘ B. Die Bandbiografie. Und Teil 3: DJ Capt’n K und Berlin.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s