DYNAMITE #84: Psychomania Rumble No. 7

3 Ps für ein Halleluja: Pfingsten, Potsdam, Psychobilly!

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Von wegen verflixtes siebtes Jahr: Der Rumble No. 7 läuft wie am Schnürchen. Bei Europa-Debüts, exklusiven Auftritten und einem Fenech-Doppelpack lassen die Bands die Fetzen fliegen und sogar das Wetter macht mit.

Der perfekte Samstag

Potsdam – normalerweise eine verschlafene Idylle mit gemütlichen Alleen, kuschligen Gärten und Mittagsruhe. Außer an Pfingsten: Dann wird die schnuckelige Kleinstadt in Potsdamned umgetauft und die Straßen rund um den Lindenpark von den Psychobillys eingenommen – Flats, Kutten und Vorglühen, soweit das Auge reicht.

Es eröffnen The Rusty Robots aus Goslar. Das Sideprojekt von Tazmanian Devil Salmi übernimmt damit die undankbare Rolle der ersten Band und lässt es trotz recht leerer Halle mit Oldschool Psychobilly rocken. Bei The Grims füllt sich der Saal dann schon langsam und im Pit vor der Bühne beginnt der Warm-up. Die drei Jungs aus L.A. legen die Messlatte für Lautstärke und Tempo höher, und können am Ende stolz auf ihr erstes Europakonzert sein.

Zwischendurch geht es zum Luftschnappen in den Außenbereich: Hier glüht bereits der Grill und mit einem überdachten Bereich haben die Veranstalter sogar möglichen Regenfällen vorgebeugt, aber die bleiben zum Glück aus. Die Massen – darunter u.a. Hellfreaks-Sängerin Shakey Sue, die Damen von Retarded Rats, Bruno und Joe von Blue Rockin und The Devil’n’Us, die Holy Hack Jacks und Shakey von den Klingonz – können also im Trockenen Bier, Burger und Bandpausenfluppe genießen.

Bei Stressor ist es wohl deswegen zuerst recht leer – unverdient, denn die Russen hängen sich bei ihrer Bühnenshow einfach legendär rein: Die bisher beste Show des Abends beginnt mit dem Everly-Brothers-Cover „Bye Bye Happiness“, geht weiter mit „Gravity“ und „Full Of Zombies“ und kriegt den Saal spätestens bei der Bodentanzeinlage zu „Surfin Bird“ rappeldicke voll.

Apropos beste Show des Abends: Mit Bang Bang Bazooka sind gleich die nächsten Anwärter auf diesen Titel am Start. Mit silberglitzerndem Doublebass, ihrem heißen Mehr-als-Rockabilly und treibenden Gute-Laune-Rhythmen heizen die Eindhovener dem amüsierwilligen Publikum ordentlich ein.

Die Highliners warten anschließend mit britischem Rock’n’Roll und Psychobilly auf, zu dem im Pit abwechselnd gewreckt und Ringelreihen getanzt wird. Vom Text versteht man kein Wort, aber als Anheizer taugen Luke Morgan und seine Mannen allemal.

Zugabe!

Warmgemacht bringt sich das Publikum danach für Sir Psyko & His Monsters in Position: Die Frauen im Publikum besetzen vorsorglich die erhöhten Plätze und von den Herren der Schöpfung muss plötzlich keiner mehr so dringend rauchen wie in den anderen Spielpausen. Die Österreicher sind im dritten Jahr in Folge in Potsdam dabei, und von „Welcome To Our Hell“ bis „King Of The Swamp“ kriegt man auch 2013 einfach nicht genug. Bei „Los Cuatro Contenados” versemmelt Gitarrist Ben zwar die Tonart, aber SPAHM retten sich nach der Hälfte in „Nowhere Train“. Und es geschieht ein kleines Wunder: Sir Psyko dürfen mit der Reloaded-Version von „Outlaws“ die einzige Zugabe des Festivals geben.

Bei den Tall Boys danach ist die Halle nur noch zu zwei Dritteln gefüllt, auch der Pit ist merklich geschrumpft. Bei Songs wie „Feel It“ wird trotzdem gefeiert. The Quakes liefern im Anschluss ein würdiges Ende des ersten Tages: Nach fünf Jahren Abstinenz füllen sie die Halle bei ihrem exklusiven Auftritt mit glasklarem Psychobilly-Sound. Und wenn die Handrücken vom Vollkontakttanz auch noch so geschwollen sind und die Füße längst schmerzen – ein Tänzchen geht noch.

Bei der Aftershow gibt es statt Konservenmucke Live-Musik von der Dark-Shadows-Frontfrau Brigitte Handley, solo und akustisch. Damit endet ein großartiger Samstag: Pünktlich durchgeplant wie immer, entspannte Stimmung auf allen Seiten und eine tolle Steigerung im Line-up. So kann’s weitergehen!

Der Sonntag beginnt sonnig und energiegeladen mit Degenerated: Die Berliner lassen es auch vor praktisch leerer Halle ordentlich krachen. Es folgen: The Hot Wheels. Sie haben Songs vom Debütalbum im Gepäck, und von „Destiny“, ihrem „Rockabilly Boogie“-Cover und „Stand By Me“ in gefühlt vierfacher Geschwindigkeit lassen sich doch einige Leute aus dem lauen Frühsommerabend in die dunkle Halle locken.

Danach zelebrieren Tom Toxic und Die Holstein Rockets mit viel Unterstützung ihren „Holsteinbilly“: Bei „Kreaturen der Nacht“ gibt Norman Flanders Gesangs-Support, dann kommen „Jack & Jim“ aus Amerika dazu und spätestens bei „Rock’n‘Roll Rebell“ ist auch das Publikum mit ganzem Herzen dabei.

Ein Festival ohne Howling Wolfmen?

So oft wie einem die Howling Wolfmen auf Festivals begegnen, scheinen sie entweder unter chronischer Geldnot oder unter akuter Spielsucht leiden. Nun, wenn man ihnen bei „Tranquilizer“, „Worth It“ & Co. so in die strahlenden Gesichter schaut, muss es wohl Letzteres sein und das wirkt auch beim Psychomania ansteckend: Es wird wieder getanzt und besonders die Psychobellas freuen sich über die schwungvolle Performance von Basser Ave.

Nach den Dresdenern kommen wieder Berliner auf die Bühne: Damage Done By Worms treten erstmals mit Ex-Mad-Sin Holly Burnette am Bass auf. Sie spielen „etwas für die ruhigen Gemüter“ („Suicide City“), amüsieren das Publikum mit Running Gags (Was trinken wir? Bier!) und am Ende räumen sie mit ihrer gigantischen Version von „Ghost Riders In The Sky“ endgültig den Jackpot ab.

Rockabilly Mafia liefern ebenfalls einen großartigen Auftritt. Mit einer Zugabe wird es hier allerdings wieder nichts – die Leidtragenden sind die eifrigen Techniker, die beim Bühnenumbau gnadenlos ausgepfiffen werden.

Dann: ein pompöses Intro und ein triumphaler Auftritt von Gary Griswald und seinen Jungs.

Mit Klassikern wie „Let’s Go Surfing“, dem genialen „Psychobilly In Love“, „Teenage Kicks“ und „Psycho Tendancies“ verbreiten sie gnadenlos gute Laune. Gary füllt die Bühne wie kaum ein anderer, und zwar ganz mühelos, mit Surfermoves und Albereien unter Bandkollegen. Die Griswalds finden eben immer einen Grund zum Lachen – und sei es, dass sie nach schlappen 23 Jahren mit „Better Late Than Never“ gerade ihr zweites Album herausgebracht haben.

Die Urväter des Psychobilly

Der Abend nähert sich dem Ende – und der Headliner-Doppelspitze mit P. Paul Fenech, denn der ist gleich mit zwei Bandprojekten dabei: Zuerst serviert er gemeinsam mit Mark Robertson und Nigel Lewis die Ur-Suppe des Psycho – besser bekannt als The Legendary Raw Deal –, danach krönt der King of Psychobilly das Festival mit seinen Meteors. Mit der (limitierten!) Single „The Psychomania Syndrome (Welcome)“ hat er außerdem den offiziellen Soundtrack des Wochenendes geschaffen.

So weit, so gut. Fenech ist wie üblich in Krawalllaune, auch seine Freundlichkeiten klingen wie Drohungen und er lässt die Gitarre wie üblich nicht aus den Händen: „If you like us, thanks a lot… kläng-kläng, if you don’t… schrammel … get the fuck outta here, kläng!“ Wäre die Gitarre eine Knarre, Fenech hätte die ganze Meute wohl dem Erdboden gleichgemacht. Über mangelnde Stimmung kann er sich dank World Wide Wrecking Crew trotzdem nicht beklagen.

Am Ende verlässt man das Gelände mit vielen blauen Flecken und etwas Wehmut. Was wäre Pfingsten nur ohne Lindenpark? Die Potsdamer hätten gegrillt, in der Sonne rumgelegen und die letzten Fußballspiele vor der Sommerpause geguckt. Wie langweilig! Denn ein Leben ohne Psychomania ist zwar möglich, aber sinnlos. Man sieht sich im nächsten Jahr.

 

Nachgehakt

Norman Flanders

(Mit-Organisator und Sänger bei Thee Flanders)

Bist du mit der Organisation des diesjährigen Rumble zufrieden?
Ja, klar, nach all den Jahren weiß man, was zu tun ist, welche Probleme auftreten könnten und wie man dem entgegenwirkt. Der Lindenpark und seine Crew unterstützen uns dabei tatkräftig, denn vor allem Gastro und Technik überlassen wir lieber den Profis.

Wie viele Besucher waren dieses Jahr dabei?
Am Sonntag hätten wir fast die 1000er Marke geknackt! Insgesamt war es wohl der erfolgreichste Psychomania Rumble aller Zeiten. Das freut uns natürlich, da im Allgemeinen der Trend ja eher in die andere Richtung geht.

Auf welche Band hast du dich in diesem Jahr besonders gefreut?
Freuen und dann auch die Zeit haben, sie zu sehen, sind für einen Veranstalter leider zwei Paar Schuhe. Quakes hätte ich gerne gesehen und auch Raw Deal, leider musste ich bei beiden Bands arbeiten. The Grims standen noch ganz groß auf der To-See-Liste und ich hab es wirklich geschafft, für ein paar Songs vor der Bühne zu stehen.

Wie kam es zu deinem Gastauftritt bei Tom Toxic?
Ich hatte den Song „Kreaturen der Nacht“ schon damals als Studioversion im Duett mit Tom gesungen. Irgendwann haben wir Flanders den Song auch noch gecovert und sogar ein Video gedreht, bei dem wieder Tom Toxic und die Holstein Rockets einen Gastauftritt hatten. So kommt es schon mal vor, dass wir wechselweise den ein oder anderen Song zum Besten geben.

Was würdest du Pfingsten machen, wenn es das Psychomania nicht gäbe?
Faulenzen, mich langweilen oder auch arbeiten!

 

Gary Griswald

(Sänger und letztes Original-Mitglied von The Griswalds)

Ihr wart ja das ganze Wochenende da, hattest du auch ein bisschen Spaß neben der Arbeit?

Ja, auf jeden Fall, die anderen Bands waren toll und das Publikum war auch gut dabei.

The Griswalds haben nach schlappen 23 Jahren gerade ihr zweites Album veröffentlich. Hast du Reaktionen auf „Better Late Than Never“ bekommen?

Die Leute waren tatsächlich durchgehend begeistert. Es scheint so, als wären alle damit zufrieden, dass sich unser Sound nicht großartig verändert hat.

Was gefällt dir am Psychomania am besten?

Ich habe viele Leute getroffen, die ich bisher nur über Facebook kannte (lacht). Potsdam ist großartig, weil ich hier wirklich Leute kennenlernen kann – und es gibt nichts Schöneres, als mit Menschen zu quatschen, die deine Musik mögen. Und es ist immer schön, die wiederzutreffen, die ich über die Jahre schon kennengelernt habe. Darauf kann man mit einem Bier anstoßen, und das ist das Beste.

 

Eine kleine Anekdote am Rande

2012 war ich zum ersten Mal beim Psychomania Rumble. In der Schlange vor der Tür rangelten zwei Typen herum, der eine trug ein Unterhemd und eine Schmalztolle. Später traf ich ihn und seinen Kumpel (der mittlerweile mit dem Kopf auf dem Tisch lag und pennte) draußen im Biergarten wieder. Wir plauderten ein paar Worte, aber auch wenn er schöne Augen hatte – er war einfach zu voll. Und ganz schön unfreundlich, um genau zu sein.

Als ich ihn ein halbes Jahr später in einem Club wiedertraf, war die Schmalztolle einem halben Irokesen gewichen, aber die Augen waren immer noch schön. Und der Typ schon wieder voll, aber nicht voll genug, um diesmal nicht auch Gefallen an meinen Augen zu finden. Um es kurz zu machen: 2013 waren wir zusammen beim Rumble. Und werden auch 2014 wieder zusammen gehen. Die Iro-Tolle ist einem anständigen Flat gewichen, aber ich… ich weiche so schnell nicht von seiner Seite.

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