Record Store Day: I’d sell my soul for Rock’n’Roll.

Gerockt, nicht geschüttelt #25: Wozu brauchen Menschen Wohnzimmer? Ich habe in meiner Heimatstadt Hannover eine Stamm-Disco gehabt, in Berlin verbringe ich 50% meiner Zeit am Schreibtisch, 30% in Konzerthallen und Clubs und 20% in Plattenläden.

24_3 albenMeine erste CD habe ich tatsächlich noch bei Karstadt gekauft, 1996 oder ‘97 war das. Eins der beiden ersten Alben von den Backstreet Boys – Friede ihren Seelen und Asche auf mein Haupt. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich sie bald darauf an ein kicherndes Mädchen aus meiner Klasse verkaufte und das Geld in „Rubber Soul“ von den Beatles investierte.

Viele Jahre danach habe ich meine Musik auf Flohmärkten gekauft – Schallplatten natürlich. Von „Yellow Submarine“ in gelbem Vinyl bis „A Hard Day’s Night“ mit kyrillisch beschriftetem Cover hat meine Sammlung einiges zu bieten. Mit Anfang der Ausbildung um 2002 herun kamen dann die Sicherheitskopien auf. Schließlich hatten wir gerade die Milleniums-Apokalypse überlebt, was waren wir da vorsichtig! Vorsicht ist in diesem Fall aber weder schön, noch gut. Ich wollte wieder richtige Alben. CDs, mit Cover und Booklet. So ein USB-Stick oder eine gebrannte CD ist einfach mal nichts gegen diesen Kunstgenuss!

Ein Freund, seines Zeichens Darkwave- und Danzig-Hörer, führte mich zu 25music auf der Hannoverschen Lister Meile – damals noch ein winziger Laden mit angeschlossenem Reisebüro. Da es damals aber noch keine Heavy-Metal-Kreuzfahrten gab, hat da nie jemand was gebucht, und der Typ konnte sich den ganzen Tag den Wanst kratzen und Kippen rauchen. Das gab dem Ganzen schon mal einen unvergesslich familiären Touch.

Dazu trugen auch die Plattenverkäufer bei, denn die waren wie große Brüder: Bevor ich mir vor denen eine Blöße geben und sagen wollte, dass System Of A Down für meine zarten Trommelfellchen zu heavy war, suchte ich beim Probehören lieber verstohlen und schwitzend nach dem Volume-Knopf und bezahlte anschließend ohne mit der Wimper zu zucken. Um die Scheibe dann zuhause im Regal zu verstecken. Ich habe sie dann etwa fünf Jahre später erst dazu benutzt, mich an meinen krachschlagenden Nachbarn zu rächen, und dann noch mal zwei Jahre später hatte ich mich selber so weit dran gewöhnt, dass ich „Toxicity“ mit wachsendem Genuss hören konnte. Und mir nach und nach auch zwei, drei weitere SOAD-Alben zulegen musste.

Sie riechen gut, vertreiben jedwede Wartezeit aufs Angenehmste und bereichern ungemein. Haben Plattenläden eigentlich keine Nachteile, wird sich der Laie fragen? Oh doch. Die haben sie. Tückisch versteckt im größten alles Vorteile – nämlich im guten Equipment aka in den Probe-Kopfhörern. Da hab ich mir doch neulich versehentlich eine Muse-CD gekauft, weil mich „They wiiiiill not force ussss…!!“ mit Sennheiser-Dolby-Surround-Schallmaske derartig umgeblasen hatte, dass ich kaum noch wusste, wo oben und unten war. Zuhause… na ja. Zuhause war es dann doch eben doch nur ein Vampir-Soundtrack. Hm ja. Ich hab das Album nicht mehr. Brauchte Platz für neue Empfehlungen der Großen Brüder.

Alsdann, Freunde: Am 3. Samstag im April ist Familientreffen! Am RECORD STORE DAY ist der 20.4. nicht nur der Tag, um seinem persönlichen großen Bruder mit Blumen & Bier ‚Danke‘ zu sagen – es gibt in allen unabhängigen Plattenläden eures Vertrauens auch besondere Special Editions zu kaufen. Diese Sonderauflagen, Limited Editions, unveröffentlichte B-Seiten-Compilations etc. werden nur für diesen einen Tag hergestellt und zeitgleich angeboten, außerdem sind Hunderte von Bands und Künstlern an diesem Tag auf Instore-Gigs und Meet&Greets unterwegs. Und zwar international – von den USA und Kanada über Großbritannien, Irland, Frankreich, Deutschland, Holland, Belgien und Italien bis nach Japan, Hongkong, Australien und Neuseeland.

Die ursprüngliche Idee des RECORD STORE DAY wurde 2007 erstmals von Michael Kurtz als US-Mitbegründer und einer Handvoll Musik-Enthusiasten in die Tat umgesetzt. Damals wie heute ist er (mehr als) eine Geste, um bei aller Monopolisten-Konkurrenz und zunehmender Download- und Streamerei den Hut vor der einzigartigen Kultur der Indie-Plattenläden zu ziehen.

In diesem Jahr sind in Deutschland über 150 Plattenläden mit am Start, wenn Placebo, Nick Drake, Biffy Clyro, Foals, The Velvet Underground, The Thermals, Junip, Calexico, Built to Spill sowie Tegan and Sara zum RECORD STORE DAY mit ihren Spezialausfertigungen an den Start gehen. Desweiteren dürfen wir uns auf Specials von Olli Schulz, Kettcar Marcus Wiebusch und Stereo Total freuen.

Den Preis in absoluter Crazyness dürften allerdings Deine Freunde um Ex-Echt-Drummer Florian Sump mit ihrer Single „“Schokolade“ aus (surprise!) Schokolade abräumen: Denn das Ding schmeckt nicht nur, es ist auch tatsächlich abspielbar. Das dürfte schwer zu toppen sein!

Aktuellen Listen im Netz sollte man dabei besser keinen Glauben schenken: Viele Kontributionen befinden sich derzeit tatsächlich noch in der Planung oder der Produktion. Bei vielen Releases wird auch die Verteilung der Stückzahlen für die einzelnen Ländern noch verhandelt, und die Releases der einzelnen Länder ist sowieso verschieden. Mehr dazu kann dir dein großer Bruder erzählen.
Gehen, fragen, CDs durchflippen und glücklich hören.

Mein Lieblings-Statement zum RECORD STORE DAY will ich euch nicht vorenthalten:
“Der Geruch von Vinyl, das Gefühl, unzählige Platten beim Blättern durch die Finger gleiten zu lassen. Sich durch Stapel von LPs zu hören während dir der Verkäufer kommentarlos einen Kaffee hinstellt. Mit wildfremden und gleichermaßen Gestörten über so lebenswichtige Themen zu streiten, welches Morrissey-Soloalbum nun das Beste ist (und vor allem warum) oder ob Radiohead totale Genies oder doch komplett überschätzt sind. Den Laden nach ein paar Stunden mit einer Tüte voller Neuentdeckungen wieder zu verlassen um dann zu Hause irritiert festzustellen, dass man die Platte, wegen der man eigentlich da war, im Eifer des Gefechts völlig vergessen hat. All das gibt’s nicht online und schon gar nicht beim Elektrodiscounter. Natürlich kann man Musik auch da kaufen, aber das wirkliche Erlebnis gibt’s nur hier – Im Plattenladen!”
[Mario Luesse, UNIVERSAL MUSIC]

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2 Gedanken zu “Record Store Day: I’d sell my soul for Rock’n’Roll.

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