Der Echo. Eine Alternative zur Peinlichkeit.

Gerockt, nicht geschüttelt #23: Der Echo… was war das noch gleich? Ach ja, dieser überflüssige deutsche Musikpreis, der sich an reinen Verkaufszahlen orientiert und letzte Woche verliehen wurde und im Internet also längst Kaffee ist. Mit Niklas Kolell vom Soundkartell als Preisrichter zeigt diese Kolumne Musik, die länger lebt als peinliche Auftritte und Umsatzzahlen.

(c) Farina Gerhardt

(c) Farina Gerhardt

Niklas Kartell hat in der letzten Woche mit wachsender Wut vor dem Fernseher gesessen und sich bei einer Kategorie nach der anderen – und das waren viele – fassungslos vor die Stirn geschlagen. Gegen die Echo-Kopfschmerzen gab es nur ein Mittel: Eine alternative Preisverleihung an folgende Perlen des Musikjahres .

Hit des Jahres: Kein Dschungelcamp-Song. Keine WM, keine EM. Keine Lena. Ein Jahr ohne Hit? Unmöglich. Begutachtet man die Liste der Vorschläge, so ist es schlichtweg verwunderlich, warum nicht wenigstens „I Follow Rivers“ oder „Wolke 7“ auftauchten. Immerhin könnte man mit ihrer Radiospielzeit ganze Tage füllen. Gut, der Gewinner „Tage wie diese“ läuft sogar manchmal noch und jedes Mal, wenn dieser Song läuft, muss man Angst haben, im Schockstarre zu verfallen. Oder beim Versuch, das Radio zu zertrümmern, Amok zu laufen.

Umso trauriger ist es, dass eine Band noch nicht mal in Erwägung gezogen wurde: Kid Kopphausen. Am 10.10.2012 starb mit Nils Koppruch ein wichtiger Musiker der Formation, und nicht erst seit damals rührt uns das Album „I“ wie kein anderes. Und darauf ist ein Song wie kein anderer. Unser Song des Jahres ist “Das Leichteste der Welt”. Warum? Es gibt keinen ehrlicheren, keinen echteren Track auf dieser Welt. Der Text trifft den Kern, wenn sie singen, „jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.“ Jawohl. Darin steckt alle Authenzität, aller Lebensmut und alle Lebenssehnsucht, die beim Echo komplett gefehlt haben.

Bester Videoclip: Bei den Nominierungen des besten Videos ging es knallhart zu: Dort waren Künstler wie CRO und die Toten Hosen gelistet, Lena hätte keiner auf dem Schirm gehabt – wir auch nicht. Gott sei Dank! Insgesamt eine schreckliche Liste mit unzähligen Nomierungen, die eine einzige Frage provoziert: Können wir Deutschen überhaupt Musikvideos produzieren?

Glaubt man der Echo-Liste, dann können wir das definitiv nicht. Wir räumen mit diesem Vorurteil auf und vergeben den Preis für das schönste Video an eine Band aus dem hässlichen Gießen. OK Kid und ihr „Verschwende Mich„. Dieses Video hat Klasse und alles, was man braucht: Die richtige Kulisse und wundervoll gekleidete Bayern. Ein Video muss Gefühle auslösen – in diesem Fall ist es Fernweh. Und dann kann sich der deutsche Videomacher aka Alex Schiller und Lukas Tielke selber auf die Schulter klopfen. Wir können es nämlich doch.

Künstler national: Er ist kein Könner. Aber trotzdem küren wir ihn – und zwar zum besten Künstler 2012. Wer besoffen auf der ITB peinliche Aussagen provoziert, im Suff dann ganze Stände umreißt und dazu auch noch ein neues Album produziert, kann nur erfolgreich sein. Wer hat ihn erkannt? Es ist natürlich Olli Schulz, seines Zeichens Unsympath und Publikumsliebling zugleich. Dass er doch Musik machen kann, bewies er auf seinem neuen Album „SOS“. Ob er sich wie Heino oder Peter Maffay bis ins Krückstock-Alter hält, lassen wir mal dahingestellt. Vermutlich sitzt er dann entweder wegen Verunglimpfung in Haft oder ist vom Alkohol bereits niedergestreckt. Sowohl als auch kein Grund, um sich jetzt schon Sorgen zu machen. Kurz: Deutschland braucht keinen Heino oder einen zweiten Tabaluga. Es ist vielmehr so, dass ein Leben ohne Olli Schulz für die deutsche Musikindustrie möglich, aber nicht halb so lustig wäre.

Künstler international: Die absolute Flut an Sommerhits 2012 produzierten Electric Guest. Vergleicht man ihre Songs mit Robbie Williams oder Joe Cocker, bekommt man den Eindruck, es habe bei Letzteren den ganzen Sommer hindurch geregnet. Jawohl, hallo globale Erwärmung, aber selbst wenn es regnet – in meiner Anlage soll bitte die Sonne scheinen. Es macht mich wütend, dass Electric Guest mitsamt ihrem Sonnenschein noch nicht einmal gelistet wurden. Es sei den Leuten in den Echo-Gremien ernsthaft geraten, sich diese Platte zu Gemüte zu führen – bei den Temperaturen draußen ist es höchste Zeit, sich einen echten Sommer ins Haus zu holen.

Album des Jahres: Schade eigentlich, dass es die Kategorie „Miesestes Album des Jahres“ nicht gab. Gut, die Alben von CRO, den Toten Hosen oder den Ärzten haben sich mitunter gut verkauft. CRO hat sogar mitgeholfen eine neue demographische Erkenntnis zu entwickeln: Deutschland überaltert nämlich nicht. Überbevölkerung haben wir! Und zwar mit kreischenden Girlies.

Für uns ist das kein Grund für einen Preis. Den vergeben wir lieber an Sizarr und sein „Psycho Happy Boy“. Einen größeren Volltreffer landete keine andere deutsche Band – beim Echo reichte es für Sizarr gerade mal für eine Kritikerpreis-Nominierung. Kritikerpreis? Nie davon gehört. Stattdessen hätte man Sizarr mit „Boarding Time“ für den Hit des Jahres nominieren und gewinnen lassen können. Wär auch gegangen. CRO &  Co. gehen aber eben nicht.

Scherzfrage: Was haben der Echo und diese Preisliste gemeinsam? Beide verlieren kein Wort über Frei.Wild! Muhahaha. Aber anders als beim Echo haben die Deutschrocker bei uns weder in diesem, noch in einem vergangenen Jahr auf der Liste gestanden.

Wobei wir wieder bei den peinlichen Auftritten wären – Anti-Rechts-Shitstorms sind ja zur Zeit ganz groß. Man weiß gar nicht, wer „Opfer“, wer „Täter“ ist und wer von beiden mehr Nutzen aus dem Presserummel zieht. Allerdings würden wir gern noch einen Preis in der Kategorie „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“ verleihen: Nämlich an alle, die sich hier einmischen, ohne Frei.Wild vorher auch nur einmal gehört zu haben – und an die, die auf den Seiten der falschen M.I.A. und bei Kraftwerk statt Kraftclub freiwilderten. Denen gebührt sowohl als auch ein fetter Lacher – und das ist auch noch eine Woche später gesund.

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