Texas Music Massacre auf der Country Music Messe, Berlin am 01.02.2013.

Texas Music Massacre machen zwar so etwas wie Country – Countrypunk, um genau zu sein. Aber sie sind die Einzigen, die die Country Messe nicht ernst nehmen. Halt – die Einzigen? Nein. Ihre Fans tun es auch nicht.

(c) Andreas Krüger

(c) Andreas Krüger

Texas Music Massacre – kurz TMM – aus Texas, New Leipzig sind eine Nummer für sich: Auf ihrem CD-Cover sehen sie aus wie Kleinwüchsige. Auf ihren Konzerten erzählen sie mit amerikanischem Akzent von ihrer dreißigjährigen Tournee. Mit Johnny Cash natürlich, und quer durch Hawaii bis nach Spanien. Ihre Fans sind ein wilder Haufen Strohhutträger, die nicht nur die Tanzeinlagen vor der Bühne, sondern auch gleich die Band-Promotion übernehmen. Herzblut meets Selbstironie. Meets Country.

In Berlin spielen TMM als letzte Live-Band auf ersten Abend der Country Music Messe. Ich bin überpünktlich in der Urania – und schon auf dem Weg nach drinnen ein bisschen kulturgeschockt von der Wild-West-Welle, die mir aus dem Inneren entgegenschwappt. Das Publikum trägt zum 70% Cowboyhut und/ oder die passenden spitzen, bestickten Stiefel – wer sie nicht hat (oder nicht genug davon), kann sie natürlich bei den Ausstellern erwerben. Und dazu das silber- und türkisbesetzte Hutband oder den Waschbärschweif zum Hinten-ran-Klemmen. Aber Hut, Stiefel und Karohemd sind ja was für Einsteiger.

Die echten Cowgirls tragen schulterfreie Blusen, wallende Saloonkleider mit Rüschen und Petticoat. Der passende Westernheld kann mindestens mit fransenbesetztem Star-Spangled-Banner-Hemd und fetter Gürtelschnalle aus mexikanischem Silber aufwarten. Im Idealfall trägt er Backenbart und Ausgeh-Anzug mit Zylinder oder die Indianerversion des Ganzen: Webdecke und Fuchsschwanz. Und auch hier gilt: Was man/frau noch nicht hat, lässt sich auf der Messe einkaufen.

Ich ziehe da lieber den Reißverschluss über dem Motörhead-Shirt etwas höher und verziehe mich in die drei Konzertsäle. Im ersten spielen Roots & Boots, und zwar ernsthaften Country mit Schwung. Im zweiten steht ein einsamer Tom Reno auf der Bühne. Er rockt allerhand Countrystuff in Deutsch und Englisch herunter – mit Gitarre und ohne Band, denn Drums, Bass und was man sonst so braucht, kommt von der Konserve. Ich finde Begleitung vom Band ja zweifelhaft, und auch seine Qualitäten als Entertainer reißen mich nicht gerade hin vor Begeisterung. Aber vielleicht kommt es darauf auch nicht so an, denn die Country Music Trophy 2012 hat er trotzdem gewonnen – und um mich herum sehe ich in zufriedene Gesichter. Auf der Tanzfläche stampfen 30 Leute im Linedance-Gleichschritt und lauthals mitgesungen wird auch. Der Mann wird mit seinen Lonesome-Trucker-Songs tatsächlich ernstgenommen.

Einen Stock tiefer haben The Hunters ihren Auftritt mit viel Jodelaeidiii beendet und TMM entern den Saal. Aus Leipzig sind sie mit einem ganzen Bus voller mittlerweile gut aufgewärmter Hardcore-Fans angereist und kriegen scheinbar denselben Kulturschock wie ich. Drummer Sam trägt neben der Banduniform aus Cowboyhut und Sonnenbrille ebenfalls ein Motörhead-Hemd und schaut entgeistert auf das wohlbehütete Publikum: „Ob wir uns das gut überlegt haben…“, grinst er.

(c) Andreas Krüger

(c) Andreas Krüger

Die Frage ist wohl eher, ob die gestandenen Countryfans im Saal sich das gut überlegt haben. TMM werden vorschriftsmäßig steif vom Ansager eingeführt und los geht’s mit „Johnny“. Soweit alles gut. Aber statt sich nun mit verschränkten Armen wie ein echter Cowboy auf den vorgesehenen Sitzplätzen niederzulassen, legen die TMM-Fans direkt mit bühnennahen Tanzeinlagen los.

Sänger und Bassist Jesse röhrt sein „For All The Cows“ als Hommage an alle Ex-Freundinnen der Welt ins Micro und Sam drischt ebenfalls auf sein Drumset ein. Im Publikum entgleisen die ersten Gesichtszüge  – und zwar in beide Extreme: Entweder wird gelacht und mitgefeiert – oder mit versteinerter Miene fassungslos Richtung Bühne gestarrt.

Oben thront Gitarrist Scott in seinem eigens angekarrten Sessel und lässt sich nicht beeindrucken. Weder von denen, die den Saal verlassen, noch von denen, die vor der Bühne durch anhaltendes „Dödödöpp! Dödödöpp!“ den Fan-Favoriten „Turn Around“ an den Anfang der Setlist vorziehen wollen. Es ist Sänger Jesse, der da erziehend eingreift: Den Abtrünnigen ruft er ein fröhliches „Gefällt dir nicht? Na, dann geh lieber!“ hinterher, die anderen weist er mit einem: „Wir sind doch nicht alleine hier! Die Leute möchten nicht nur den einen Song hören!“

Nein, das wollen sie in der Tat nicht. Am Ende des Konzerts hat sich der Saal bis auf ein Drittel klatschender TMM-Begeisterter und ihre mitgebrachten Jünger geleert. Aber: Alle, die noch da sind, haben ein breites Grinsen im Gesicht und trauen sich nach „T.M.M.“, „Amigo“, „Road On Fire“ und dem begeistert begrüßten „Turn Around“ sogar zum Mittanzen vor die Bühne.

Doch in Countryland geht es furchtbar gerecht zu. Jede Band bekommt ihre zugeteilte halbe Stunde. Es bleiben noch „T.s.w.i.c.m.h.f.a.b.n.h.“ und die Zugabe „Way To Hell“. Dann ist Schluss. Schluss heißt: Mikro aus, Strom aus.

(c) Andreas Krüger

(c) Andreas Krüger

TMM versuchen noch eine kleine Akustiknummer mit Blechtröte und auch ihre Fans können ziemlich lange „Dödödöpp!“ machen, aber nichts geht mehr. Da kann man den An- und Absager mit seinen Programmankündigungen noch so sehr niedersingen und „Reißt die Hütte ab, reißt die Hütte ab!“ fordern, der Techniker bleibt stur. Schade.

Immerhin: Sie waren die Lautesten. Die Verrücktesten. Und das muss man in einer Halle voller Hutträger mit Fellschwänzchen dran erst mal schaffen. Mission erfüllt, das findet auch die Band. Und beim nächsten Mal sehe ich sie hoffentlich in einer Location wieder, die den Strom nicht nach der Uhr abdreht. Dödödöpp! Dödödöpp! Dödödödödödödöpp!

Bilder: Andreas Krüger, www.sichtkunst.de

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