Schönes teures Jahr, Ihre GEZ.

Gerockt, nicht geschüttelt #17 – ein Gemeinschaftsprojekt mit Monsieur Manie: Ab sofort haben wir jeden Monat 17,98 € weniger im Portemonnaie. Nicht viel weniger. Für den Gegenwert von 1,5 CDs oder 1,7 Konzerttickets für Newcomerbands bekommen wir jede Menge Radiogedudel. Oder nicht mal das?

(c) Farina Gerhardt

(c) Farina Gerhardt

In der Neujahrsnacht habe ich einen seltsamen Traum: Ich bin in meinem Lieblingsplattenladen. Auf meiner Einkaufsliste stehen Kyla La Granges „Ashes“ und Kärbholz‘ „Rastlos“ – darauf freue ich mich schon lange.

Zwischen Rihanna, Sido und Markus Alexander werde ich nicht fündig, aber dafür gibt es hier zum Glück Hilfe vom freundlichen Verkäufer: „Kyla La Grange kann ich dir als Import besorgen, oder du bestellst sie mit dem Kärbholz-Album vor. Die erscheint ja auch erst im März.“ Wie schade. Ernüchtert und ohne eine einzige CD in der Hand bedanke ich mich und wende mich zum Gehen.

Doch plötzlich schrillen Alarmglocken durch den Laden. „Stopp, junge Frau! Sie bleiben mal schön stehen!“ Von hinten legt sich eine Hand mit eisernem Griff auf meine Schulter, der Hausdetektiv präsentiert mir seinen Ausweis und führt mich dann freundlich, aber unerbittlich zur Kasse. Mir schießt das Blut in Kopf, wie peinlich – aber ich habe doch nichts geklaut! Nicht mal gekauft! Bevor ich zu einer Verteidigungsrede ansetzen kann, schnappt sich der Detektiv bereits meine Tasche.

„Sie kaufen nichts? Das macht dann 17,98 €.“

„So, die Dame… Sie hatten nichts gefunden, richtig? Das macht dann 17,98 €.“ Mein Verkäufer lächelt und neben mir wühlt der Hausdetektiv bereits in meinem Portemonnaie. Der Alarm tobt immer noch.

Schweißgebadet erwache ich endlich und erschlage das Weckerklingeln. Es ist der 1.Januar 2013. Der erste Tag mit GEZ-Pflichtzahlungen für alle.

Was heißt das eigentlich? Pflichtzahlung? Für was, für alle, und warum überhaupt? Die GEZ-Gebühr nennt sich jetzt Rundfunkbeitrag, und der soll gerecht sein. Geräteunabhängig, ohne Hintertüren. Die Regel heißt: Eine Wohnung – ein Beitrag. Egal, ob da nun das Rentnerpärchen, die Chaos-Clique oder die ganze Familie wohnt. Gezahlt wird in jedem Fall. Das nennt man Solidarmodell – alle beteiligen sich gemeinsam an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das sind ARD, ZDF und ebenso wie diverse Radio- und andere Fernsehsender. Könnte gut sein. Wenn dabei auch jene zum Zahlen gezwungen würden, die sich dafür überhaupt nicht interessieren. Dass da dann angeblich 1,5 Millionen Haushalte plötzlich entlastet sind, nun, das bleibt auch fast das einzige positive Argument. Dass man aber auch bei Zweitwohnsitz doppelte Beitragszahlungen leistet – das will weniger einleuchten. Wie kann man an zwei Orten zugleich die selbe Leistung beziehen?

Noch völlig verwirrt von meinem Traum setze ich mich an den Frühstückstisch. Eine Tasse Kaffee, und ein bisschen Radio – wenn ich schon dafür zahle, kann ich es auch benutzen. Kyla La Grange und Kärbholz gibt es ja noch nicht, haha. Aber da ich gerade von Musik spreche – die gab es an diesem 1. Januar auch nicht. Stattdessen Werbung und dann Nachrichten.

Danach wird auch noch vor die Wettermeldung ein Werbeblock gequetscht und anschließend lachen zwei supercoole Moderatoren hysterisch über ihren Silvesterkater ab. Nach gefühlten 10 Minuten, die mit Halbsätzen, sich-gegenseitig-ins-Wort fallen und schenkelklopfenden Lachsalven sowie ein paar Höreranrufen zum Thema Alkoholexzess zum Neujahr überbrückt werden. Ich weiß schon, warum ich sonst nur Alben und Streams höre.

Dieser Weg wird ein teurer sein…

Als endlich die ersten Musikstücke laufen, rettet das meine Stimmung mitnichten. Xavier Naidoo säuselt tapfer: „Dieser Weg wird ein teurer sein / dieser Weg wird unfair und schwer“ und Psy tanzt unbeirrt den „Ooop Ooop Gebühran Style“, aber ich schalte ab. Vehement und mit dem Gefühl, mein Geld sogar in meinem Alptraum besser angelegt zu haben. Die platte Radiolandschaft hat meine 17,98 € so definitiv nicht verdient.

Sicherlich haben’s die öffentlich-rechtlichen nicht sonderlich einfach. In Zeiten technischer Vielfalt, bei Smartphone, Computer und Internetfernsehen, lässt sich einfach nicht mehr kontrollieren, wann wer was konsumiert. Daher gehen die öffentlich-rechtlichen Sender jetzt einfachmal davon aus, dass in nahezu allen Wohnung entsprechende Geräte zur Verfügung stehen. Gezahlt wird – für eine Möglichkeit. Eine sehr wahrscheinliche, zugegeben. Trotzdem kann man sich fragen: Wenn ich zahlen muss, sollte ich dann nicht auch Leistungen beziehen, etwas, für das ich auch zahlen will?

Die Informationen, die ich durchs Radio bekomme, könnte ich mir auch sparen, denk ich. Nachrichten? Okay, eine Basic-Informationsleistung. Ist die fast 18 € wert? Will ich das? Beiträge werden für eine Bereitstellung angeboten, heißt es – unabhängig von der eigentlichen Inanspruchnahme. Ich überlege, dass ich theoretisch auch eine neue Kfz-Steuer zahlen könnte, weil… auch wenn ich keinen Führerschein habe, machen könnt ich ihn ebenso, wie ein neues Auto kaufen. Da muss man doch vorsorgen! Immerhin ist es gut zu wissen, dass manche Intendanten mehr verdienen, als die deutsche Bundeskanzlerin, und das will ja auch von irgendwem finanziert werden, so ein Einkommen. Wenn es doch nur zu den hervorragenden Journalisten fließen würde, die jeden Tag fast in Vergessenheit geraten, zu den innovativen und unkonventionellen Newcomern in der Musikbranche, zu all diesen kleinen Bands und Labels, die im Haifischbecken der Musikindustrie fast untergehen – das wär’s!

Über die GEMA regen sich alle schon ganz grundsätzlich auf – über die GEZ nicht?

Tatsache ist, gezahlt werden musste immer schon. Nur ist das Modell auch fair? Funktioniert das Modell denn überhaupt? Über die GEMA regen sich alle schon ganz grundsätzlich auf – über die GEZ nicht? Gefragt wurde niemand, natürlich nicht. Ich überlege, wie seltsam das ist. Aus der Kirche kann man austreten, aus dem öffentlich-rechtlichen Medienraum nicht? Nur wer Empfänger von Sozialleistungen ist, wie z.B. Sozialhilfe, oder Ausbildungshilfen, wie Bafög, bezieht, hat Glück. Befreien lassen können sich weiter Taubblinde und Empfänger von Blindenhilfe. Alle anderen – auch Sehbehinderte, Hörgeschädigte und Menschen, die zu 80% behindert sind -, zahlen. Letztere allerdings 5,99 €, immerhin!

Für 17,98 € hätte ich gut anderthalb CDs bekommen – mit meiner Musik und mit Gewinn für die, die ich wirklich unterstützen will. Ein Tag, an dem man eine neue Musik kauft, ist niemals ein verlorener Tag. Weder für den Steuerhaushalt und die Musikindustrie, noch für die, um die es wirklich gehen sollte: Musiker und ihre Fanbasis.

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