Pogo, Gangnam-Style und das schönste Konzert der Welt.

Gerockt, nicht geschüttelt 1#6: Die letzte Kolumne 2012 – Zeit für einen Jahresrückblick. Mit Musik natürlich: Warum Pogo etwas für Anfänger ist, ein Irokesenschnitt in jede Erste-Hilfe-Kiste gehört und dass Vorstellungskraft die schönsten Konzerte macht.

(c) Farina Gerhardt

(c) Farina Gerhardt

Wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, die Weihnachtssterne auf den Tannen funkeln, Gebäck in der Küche duftet… die ersten Chinakracher in Polen gekauft werden und in der allgemeinen Festtagsstreiterei der Schnaps des Vergessens zum Einsatz kommt… dann ist es Zeit für einen kleinen Rückblick auf die letzten zwölf Monate. Natürlich mit Pauken und Trompeten, hier kommen also meine Top3 der musikalischen Erkenntnisse 2012.

Focus Online hat gerade so schön darüber geschrieben, dass der Rapper Psy mit seinem unsäglichen Gangnam-Style einer der Reiter der Apokalypse sei. Sein Gehopse mag zwar mehr wie humpelndes, denn wie tanzendes Pferd aussehen, aber wenn das kein falsch interpretierter Nostradamus-Gag ist, lernen wir: Die Ringgeister… Verzeihung, die Reiter der Apokalypse tragen Sonnenbrille und haben schwerwiegende Gehfehler. Was den Berliner Durchschnitts-Hipster nicht am Nachmachen hindert: Wer cool sein will, tanzt Gangnam – aber wer cool ist, tanzt Pogo. Das ist ja wohl klar. Auf einem Festival in Potsdam bekam ich dieses Jahr allerdings eine Steigerung zu sehen und damit eine neue Erkenntnis: Wer es richtig cool braucht, der wreckt.

Was bitte? Wrecking: Gegenseitige Körperverletzung mit freiwilliger Zustimmung aller Opfer, abwechselnder Täterrolle und fröhlichem Gesicht, so steht es im StGB, glaub ich. Fakt ist: Was dem Punk der Pogo, ist dem Psychobilly sein Wrecking. Mein Tipp an die Mädels: Lasst euren Typen auffällig im Nacken tätowieren, färbt ihm die Haare oder drückt ihm einen dieser Kinderwimpel in die Hand. Dann könnt ihr leicht kontrollieren, ob der Macker noch steht oder ihr schon mal Wundkleber und Pflaster zücken müsst.

Die zweite Erkenntnis bleibt beim Thema Erste Hilfe: Plant man (oder frau), sich bei einem Konzertbesuch größere Mengen Alkohol zuzuführen – bis hin zur Bewusstlosigkeit oder wenigstens bis zum Gleichgewichtsverlust –, ist ein steil gestellter Irokesenschnitt absolut unverzichtbar. Der hängt beim Kotzen nicht im Gesicht, Freunde finden einen sehr viel besser wieder (auch, wenn man mit dem Gesicht bereits in der Gosse liegt) und wenn man im Gewühl zu Boden geht, ist so ein Iro ebenfalls äußerst hilfreich. Denn tanzende Mitbesucher stehen als Erstes auf den Haaren und stapfen einem erst danach mit ihren Stahlkappenstiefeln ins Gesicht. Falls doch… dann präsentiere ich aus meinem Ersthelfer-Kurs am letzten Wochenende die Erkenntnis 2b: Nasenbluten leicht vorübergebeugt einfach laufen lassen und Herz-Lungen-Massage am besten synchron zu „Stayin‘ Alive“ von dem BeeGees. Der Song hat mit 104 Schlägen genau die richtige Reanimations-Taktzahl pro Minute. „Yellow Submarine“ geht übrigens auch, nur einem „Another One Bites The Dust“-pfeifenden Sanitäter sollte man lieber nicht trauen.

Apropos Vertrauen. Erkenntnis Nr. 3: Ich werde alt. Hat eigentlich nichts weiter mit Musik zu tun, außer, dass ich mir manchmal lieber eine Prise Klassik statt noch eine Runde Motörhead gebe. Und hätte auch nichts weiter damit zu tun, wenn ich meinem Gedächtnis restlos trauen könnte.

Aber dann stand da in meinem Kalender dieser Konzerttermin… 8.11. The Carburetors im Wild At Heart. Dick und fett. The Carburetors sind eine ziemlich coole Punk’n’Roll-Combo, das Wild At Heart ist ein ziemlicher cooler Rock’n’Roll-Schuppen hier in Kreuzberg – soweit passte das schon. Und schließlich gab es ja auch diese Mail vom Carburetors-Label, aus der ich den Termin hatte. Alles wunderbar, also! Schick angezogen, Haare gemacht, Freunde eingeladen.

Und schön vor verschlossener Tür gestanden. Kein Plakat, keine Leute, nichts.

Zuhause habe ich das Internet und mein Postfach durchsucht. Nichts. Kein Wort von den Carburetors in meinen Mails, keine Termine im Netz – die Jungs sind derzeit nicht mal auf Tour. Ich habe mir alles restlos ausgedacht – ein wunderbares imaginäres Konzert. So stelle ich mir Altwerden vor: orientierungslos rumlaufen und sich den ganzen Tag wundern. Aber wenn man richtig alt ist, vergisst man vielleicht auch das, und erzählt den Enkeln begeistert von dem schönen Carburetors-Konzert, auf dem man gerade war.

In diesem Sinne! Es gibt immer noch Hoffnung, solange man nur tanzt und den Iro immer schön hochstellt.

PS: Ach so… schöne Weihnachten übrigens! Und schönen Weltuntergang! Und was den angeht,  übergebe ich das Wort an Peter Fox, denn der findet dazu die einzig Richtigen:

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