Mando Diao, Walter Moers und die Inspiration from Outta Space.

Gerockt, nicht geschüttelt #14: Mit der Inspiration ist das so eine Sache. Mal kommt sie unverhofft und dann wieder ergreift einen die berühmte Angst vorm weißen Blatt. Was machen Musiker dann eigentlich? Warum ist nach einem guten Album so oft Schluss? Und was hat Walter Moers damit zu tun?

(c) Farina Gerhardt

(c) Farina Gerhardt

Ich erlebte es vor zehn Jahren mit Mando Diao. Ich entdeckte die damals noch Unaussprechlichen („Mando-wer?“) per Zufall – die Schweden waren noch grün hinter den Ohren und hatten mit „Bring ‘em In“ gerade ein wahres Geheimtipp-Album losgelassen: Der Sound noch etwas ungeschliffen, aber in der Form noch nie gehörter Wahnsinns-Indie-Rock. Ein echter Knaller.

Natürlich hab ich das Album überall propagiert („Diao, D-I-A-O!“) und scheinbar war ich nicht die Einzige. Denn mit „Hurricane Bar“ stellte sich langsam, aber sicher der Erfolg ein: Gustaf Norén & Co. wussten mittlerweile mit Technik und Handwerkszeug bestens umzugehen und traten dementsprechend gut gerüstet ihren Siegeszug Richtung Charts an. Allgemeiner Applaus!

Mit Nr. 3, der „Ode To Ochrasy“ ging es gleich mal steil in die Hitlisten – für mich war die Luft raus. Indie war‘s immer noch, und rockig irgendwie auch, aber das Fieber war für mich vergangen.  „Never Seen The Light Of The Day“ und „Give Me Fire“ entzündeten bei mir weder Flächenbrand noch sonst ein Licht, aber spätestens bei „Dance With Somebody“ waren all die kreischenden kleinen Mädchen ja nicht mehr zu halten. Wer nicht mehr mittanzte, waren die Hörer der ersten Stunden.

Kein Einzelfall: Die Elvis-Metaller von Volbeat mit ihrem rauen „The Strength / The Sound / The Songs“ (2004) bis zum beinahe vollständig geglätteten „Beyond Hell / Above Heaven“ (2010) nehmen bisher einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so rasanten Verlauf – das kommende Album wird entweder mit banger Hoffnung erwartet oder bereits mit einem Schulterzucken im Voraus abgeurteilt.

Auch Travis, The Verve und Wir sind Helden gingen denselben Weg: Den Start legten sie allesamt mit Überschallgeschwindigkeit hin – und dann war Schluss. Too much Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Narzissmus? Oder einfach nix mehr zu holen? Walter Moers – einer meiner Lieblingsautoren, Zamonien-Schöpfer und u.a. zuständig für Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn und das Kleine Arschloch – hat in seiner „Stadt der Träumenden Bücher“ für diese Ausfälle eine einleuchtende Erklärung gefunden: Es ist das Orm. Ganz einfach.

Das Orm ist die geheimnisvolle Kraft, die in allen großen Köpfen wirkt: Der Moment der Inspiration, in dem die kreative Energie frei fließt und den Künstler am Ende verschwitzt, glücklich und mit einem perfekten Werk in den Händen zurücklässt. Eine Art Orgasmus des Geistes, in dem Meilensteine der Kunst geschaffen werden.

Das Gute daran: In diesem Momenten schreibt, malt, musiziert es sich wie von allein. Der Nachteil: Es lässt sich nicht steuern. Wer das Orm einmal erlebt hat, wird zwar immer danach streben, aber auf Befehl funktioniert es nur bei den wenigsten. Oft erst recht dann nicht, wenn begeisterte Zurufe eines massenhaften Publikums das Auge des Künstlers trüben und sein kritisches Gehör übertönen. Dann wird das, was so aus der Feder tropft, bald für höchste Kunst gehalten, von flinken Mixern und Lektoren obendrein schön glattgehobelt – und vom hungrigen Pöbel beinahe ungeprüft als großartig gefeiert. Doch der alte Funke, das Kratzen im Ohr, der kleine Moment, der alles besonders und einzigartig macht, fehlt. Da mag die Scheibe (oder das Buch) in den Charts noch so hoch schießen – ein Indiz für das Orm sind Verkaufszahlen nicht.

Wenn die Inspiration nicht wirklich rockt, hätte man das Blatt in manchem Fall lieber weiß gelassen. Oder sich einem anderen Moers’schen Phänomen bedienen sollen: der eydeetischen Intelligenzübertragung.

Eydeeten sind die klügsten Wesen in Moers‘ Zamonien-Universum, sie besitzen mindestens drei Gehirne und ihr Wissen auf allen Spezialgebieten ist dementsprechend ausufernd. Außerdem sind sie in der Lage, ihre Kenntnisse gezielt und ganz einfach an andere weiterzugeben – man muss ihnen einfach nur den Finger ins Ohr stecken. Und da Input-Input-Input der Schlüssel zu allem ist, verlässt man das Gehirn eines Eydeeten in der Regel voller Schaffensdrang und mit einem Haufen guter Ideen – der erste Schritt zum Orm. Schön wär’s, wenn das so wirklich einfach wäre.

Aber den Finger ins Ohr stecken hilft ja trotzdem – bei schlechten Alben ohne Inspiration besonders, wenn man beide gleichzeitig benutzt.

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