Was bist denn du für Eine?!

Gerockt, nicht geschüttelt #4: Ein bisschen musikalischer Starrsinn darf schon sein, das zeugt von eigenständigen Ohren und wahrer Leidenschaft. Aber wann ist ein Fan ein Fan – und vor allem: Wann darf er es sein?

(c) Farina Gerhardt

(c) Farina Gerhardt

Wenn mich jemand mit Radiogedudel von Pop bis Flop verwöhnt, mich zu einem Couchabend mit Kuschelrock oder ein bisschen Relaxen mit voll gechilltem Dubstep oder fettem Rap einlädt, muss ich leider gehen. Oder mir entgleiten unkontrolliert Bemerkungen über den gehörreinigenden Wert von Motörhead und System Of A Down.

Ich heiße Sabine und ich bin Rockmusikfaschist. – Hallo, Sabine.

Jeder hat seine Vorlieben, damit kann ich durchaus leben. Wenn auch vorzugsweise fern meiner Ohren, in vielen Fällen. Umso schöner ist es, wenn man jemandem begegnet, der denselben Geschmack pflegt. Oder besser: Einen meiner vielen Geschmäcker, denn ich nenne mich zwar Rockfaschist, aber da reicht die Bandbreite von Oldschool-Rockabilly über Punkrock bis Metal. Alles, was mich rockt, eben. Gitarren sollten drin sein, ein guter Rhythmus und Gesang, bei dem man wenigstens ab und an ein paar Worte versteht. Aber da geht es ja schon los: Was bin ich denn nun? Metalhead? Punkrocker? Rockabella?

Vor ein paar Wochen besuchte ich den Psychomania Rumble in Potsdam, die gebotene Musikrichtung dort: Psychobilly, eine seit den 80ern bewährte Subkultur-Kreuzung aus Punk und Rockabilly. Zu den Großen gehören hier Mad Sin, DAG und andere, deren Philosophie sich aus wummerndem Kontrabass und Zombiefantasien zusammensetzt. Weil die Psychos u.a. im Punk wurzeln, ist man hier ein bisschen toleranter als bei den puren Fifites-Anhängern, bei denen Tolle und Tanzschritt alles sind. Aber als ich gerade begann, mich in meinem Sailor-Kleidchen samt Netzstrumpfhose-mit-Naht wohl zu fühlen, kam prompt die Gretchenfrage: „Du bist aber ooch keen echter Psycho, wa?“ Erwischt. Autsch.

Irgendwie gedemütigt verzog ich mich zum Tanzen – fern des Pits, denn Wrecken (was eine härtere Spielart des Pogo ist) kann ich als Teilzeit-Psycho (und Frau) nämlich tatsächlich nicht.

Aber… was macht denn nun das „Echte“ aus? Ich traute mich nicht, nachzufragen. Ist der Psycho „echt“, der schon nach der zweiten Band zu besoffen zum Zuhören auf der Tanzfläche zu Boden geht – „echt“ allein deshalb, weil er dabei einen messerscharf rasierten Flattop als eindeutiges haariges Erkennungszeichen trägt? Sind die Frauen „echt“, die als Betty-Boop-Lookalikes mit perfekter Frisur, Hellbunny-Kleid mit viel Dekolleté und Oldschool-Tattoos das Festival damit verbringen, vor der Halle über Schuhe und Schlagerpartys zu tratschen? Ist der szenekonforme Look alles, was beim „Echtsein“ zählt? Und darf man nur eines sein – Rockabilly, HipHopper, Metaller oder Punk?

Ich liebe die Outfits der Rockabellas und die pomadisierten Tollen der Rock’n’Roller, keine Frage. Vielleicht werde ich mir sogar mal ein paar Frisurentipps bei youtube besorgen – aber bevor ich Stunden vorm Spiegel Löckchen drehe, sperre ich lieber Augen und Ohren auf, wenn meine Lieblingsbands spielen oder lasse mir von alten Hasen Texte, Termine und Techniken erklären. Denn die, die voller Hingabe für ihre Musik leben, besitzen für mich die wahre Leidenschaft – und dann ist es auch schon egal, ob sie das in Tigerjacket und Creepers, in Kutte und Nieten oder in Jeans und T-Shirt tun.

Fakt ist: Meine Haare werden niemals akzeptabel sitzen und schminken lerne ich in diesem Leben auch nicht mehr – weder für die eine, noch für die andere Subkultur. „Echt“ hin oder her, da leihe ich mir doch das Motto meiner Lieblings-Psychobilly-Band: „I live my life like I wanna do / I am what I am so fuck you“. Damit lässt sich der Spieß herrlich in alle Richtungen umdrehen und mich befreit alles genießen, was die Plattensammlung hergibt.

Ich heiße Sabine und ich höre, was mir gefällt. – Hallo, Sabine.

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