Lauschst du noch oder tanzt du schon?

Gerockt, nicht geschüttelt #2: „Mach den Krach leiser!“ – das hat wohl jeder (Ex-)Teenager schon mal zu hören bekommen. Hatte Mama damit recht? Nö, niemals. Aber wenn das Geräusch aus den Boxen für sie Lärm war und für uns Musik, wo ist dann eigentlich die Grenze?

(c) Farina Gerhardt

(c) Farina Gerhardt

24/7 mit Kopfhörern auf den Ohren rumlaufen kann jeder. Und macht auch fast jeder, zumindest wenn man sich in den Berliner Bussen und Bahnen umsieht. Überall Musik hören wollen ist die eine Sache, überall welche hören können – auch ohne Kopfhörer – ist die andere. Denn auch simple Geräusche können höchste musikalische Genüsse hervorbringen, und das sogar ganz unerwartet.

Wenn einem heute nach dem Konsum gewisser Substanzen (gemeint ist natürlich Sekt) an einem Silvesterabend der Raketenlärm wie ein ganzes Orchester in den Ohren klingt, ist das keine neue Erfindung. Die Fluxus-Bewegung hat in den frühen Sechzigern sogar noch ganz anderes für konzerttauglich befunden: Schweigen, Klötzchenklopfen und schweres Atmen nach Notenvorgabe – das muss einem ja nicht gefallen, aber es bringt einen schon auf Ideen…

Mit John Lennon und seiner „Revolution No 9“ (als Song auf dem sogenannten ‚White Album‘, in Fleisch und Blut in Gestalt von Yoko Ono) ging’s munter weiter mit den Klangcollagen: Hier fanden neben einer durchweg gesprochenen Tonspur eine Menge Orchesterschnipsel, Lachen, Pferdehufe und Alltagsgeräusche wie zuschlagende Autotüren Verwendung.

Tatsächlich sind manche der alltäglichen Klänge gar nicht so weit von Melodien oder guten Rhythmusgrundlagen entfernt: Was ist zum Beispiel mit dem singend ansteigenden Ton, wenn eine Straßenbahn losfährt? Oder Tastaturklappern. Türenschlagen. Entspanntes Geschirreinräumen. Mein Lieblingserlebnis bisher war allerdings ein MRT, den ich kürzlich machen musste. Durfte – denn während ich in diesem Raumschiff von Röhre eingesperrt war, habe ich ganz unerwartet ein ziemlich cooles Elektro-Konzert auf die Ohren bekommen.

Ja, ich bin eigentlich eher der Rockertyp. Aber vorausgesetzt, dass sich all diese unnötigen Lounge-Chill-out-Melodieversuche aus der Musik fernhalten, so dass nur der reine Rhythmus bleibt, dann finde ich Elektro ab und an ganz interessant. Nennt man das blanke Beatgerüst dann Minimal? Keine Ahnung, sicherheitshalber bleibe ich beim 90er-Generalbegriff des Techno.

Auf jeden Fall bekam ich beim MRT genau das: Dumpfes Dröhnen und schädeldeckenhebendes Klopfen. Ohrenbetäubendes UZ-UZ-UZ eben. Ich war sehr amüsiert, so sehr, dass die blecherne – genau ins Technokonzept passende – Ansage „Bitte nicht bewegen, noch drei Minuten“ genau das Gegenteil auslöste. Nun hatte ich endgültig Lust zu tanzen, und die Arzthelfermäuse wunderten sich nicht schlecht, als ich am Ende restlos begeistert aus ihrer Höllenmaschine krabbelte.

Vermutlich hatte auch der amerikanische Performancekünstler Robert Wechsler grad einen MRT oder ein Hupkonzert hinter sich, als ihm die Idee zu seinen interaktiven Choreographien kam: Mit Hilfe eines eigens entwickelten Computerprogramms wird dabei die Bühne gescannt, auf der der Tänzer sich bewegt – und erst seine Tanzbewegungen lösen die entsprechende Musik aus, statt wie gewohnt in umgekehrter Reihenfolge. Wenn die „Musik“ dann klingt wie Russeneinmarsch und übelster Husten mit Auswurf mag es eher zum Lachen sein, aber das Konzept ist eigentlich ein Schönes.

Umgekehrt geht es allerdings auch: Für das neue Album von Taken by Trees hat Sängerin Victoria Bergsman sich von Naturklängen auf Hawaii inspirieren lassen. Die Songs, die dabei herauskamen, reflektieren Naturschönheit der Inselgruppe. Und letztlich ist Musik ja nichts anderes: Wo die Sprache Laute zu Worten domestiziert, bringt man mit Musik bloß Geräusche in Reih und Notenlinie. Und wer nicht mal Noten lesen kann, ist klar im Vorteil und kann den nächsten MRT mit echter Vorfreude erwarten.

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