The Greenbaums im White Trash, Berlin am 22.06.2012 (mit Interview).

Wenn Konzerte in Stadien stattfinden, muss die Musik der Band zweifelsohne etwas Besonderes an sich haben. Umgekehrt – wenn das Publikum etwa im schmalen Eingang von Berlins trashigstem Restaurant Platz findet – muss die Größe kein Indiz für schlechte Performance sein. Im Fall The Greenbaums gilt sogar das komplette Gegenteil.

The Greenbaums: Ein Gruppe junger Israelis aus Tel Aviv und Wahl-Berlin, mit so viel Blues im Blut, dass dieses vermutlich eher blau als rot durch ihre Adern fließt. Ihr Debütalbum „The Greenbaums“ erschien im Februar dieses Jahres und ist eine echte Empfehlung an alle Fans von richtig guter Gitarrenmusik. Hier passt einfach alles, Sänger Eyal Dayan legt so viel Seele in seine Worte wie seine Bandkollegen in Mundharmonika, Gitarre und – das sieht man vor allem auf der Bühne – Drumbeats. Joe Bonamassa? Frankie Chavez? The Black Keys? Mindestens hier finden The Greenbaums als Newcomer ihren Platz.

Dabei hat ihr Sound etwas ganz Eigenes: Herz – Herzblut! –, Seele, Tiefgang, aber auch jede Menge Energie, einen von Indie-Anklängen und Rock’n’Roll getriebenes Tempo… und Spaß. Beim Interview vor dem White Trash sind die Fünf noch sichtlich geschafft von etlichen Stunden Anfahrt, von den Aufnahmen zum neuen Album und den Festivalauftritten. Sie sind hungrig und außerdem haben sie zwischendurch immer wieder neue alte Bekannte zu begrüßen. Aber Sänger Eyal, Gitarrist Neta und Harmonika-Spieler Dani versuchen ihr Möglichstes.

Wo seid ihr jetzt gerade hergekommen?

Eyal: Wir haben in einem kleinen Dorf in der Nähe von München auf einer privaten Hochzeit gespielt, das war nett.

Valve: Wie ich höre, habt ihr in den letzten Tagen eurer zweites Album aufgenommen.

Eyal: Ja, das stimmt. Wir haben uns für Blues-Festivals in Bosnien und Kroatien beworben und sie haben uns genommen. Und dann sagten sie, dass sie dort dieses wunderbare Studio haben und wir es günstig benutzen könnten. Also sind wir drei Tage vor dem Festival hingefahren, haben die Aufnahmen gemacht, dann das Festival gespielt und am nächsten Tag ging es Richtung München.

Das klingt nach einer erfolgreichen Woche. Die 15 Songs für euer Debüt habt ihr innerhalb eines Monats fertiggestellt, hattet ihr auch diesmal schon alles Material für das neue Album beisammen?

Eyal: Ja, es war eine sehr gute Woche. Für das neue Album hatte jeder von uns Songs geschrieben. Manche Songs hatten wir schon bei Shows gespielt und andere haben wir vorher in Israel ausgearbeitet, also waren wir ziemlich gut vorbereitet.

Neta: Ziemlich (lacht).

Eyal: Ja, perfekt war es noch nicht.

Wie seid ihr eigentlich zum Blues gekommen?

Neta: Oh, wir machen gar keinen Blues, eigentlich ist African Fusion mehr unser Ding.

Eyal: Das stimmt. Aber vielleicht kann Dani das mal beantworten, er ist immer so still.

Dani: Ich höre Blues, seitdem ich ein kleiner Junge war. Mein Vater ist ein großer Blues-Sammler und so bin ich damit aufgewachsen.

Neta: So war es bei mir auch, mein Vater hatte da großen Einfluss auf mich. Es begann als ich klein war, und als wir dann angefangen haben zu spielen, haben wir die ganzen alten Alben wieder ausgegraben. Blues ist die Grundlage des Rock’n’Roll und deswegen kommt man immer wieder darauf zurück. Vielleicht hat man in den Neunziger all diese Neunziger-Bands gehört, aber am Ende kommt man immer dahin zurück, wo alles begann.

Eyal: Ich habe es nicht von meinen Eltern, aber ich habe Blues gehört, seitdem ich denken kann.

Welche Musiker bewundert ihr besonders? Wer inspiriert euch?

Dani: Also, der Bandname kommt von Peter Green, der eigentlich Greenbaum heißt.

Neta: Wir könnten eine Menge Namen von alten Bluesmen aufzählen, zum Beispiel… ähm… (lacht).

Dani: An aktuellen Bands mögen wir zum Beispiel The Black Keys und die White Stripes. Ich höre aber auch ständig die alten Sachen.

(Zwischendurch werden die vegetarischen Burger für die hungrige Band serviert. Essen und Reden gleichzeitig wird schwierig, aber wenn es um ihre Vorbilder geht, legen die Drei die Gabel doch noch einmal weg.)

Man hört, dass Künstler wie Joe Bonamassa dem Blues derzeit ein Comeback verschaffen.

Eyal, Dani, Neta: Bonamassa?! Na ja…

Eyal: Ich mag Bonamassa nicht. Ich finde, für ein Comeback sorgen eher die Black Keys.

Neta: Er ist ein lausiger Gitarrist (lacht). Nein, ernsthaft. Ich weiß nicht viel über Bonamassa, ich habe ihn in Israel gesehen und ihn im Radio gehört…

Eyal: Er klingt wie Stevie Ray Vaughn mit einer Les Paul.

Neta: Wie ein beschissener Gary Moore. Ich nenne sowas “Touch Me”-Blues, weil es kein Blues ist, sondern Live-Masturbation.

Welche Art von Blues machen demnach The Greenbaums?

Neta: Electric Desert Blues (lacht). Wir mögen es nicht einfach nur als Blues bezeichnen. Wir machen mehr diese Art von Musik, zu der auch The Black Keys gehören. Man kann die Blues-Einflüsse in unseren Stücken hören, aber eigentlich ist es für mich eher Rock’n’Roll. Als wir mit den Greenbaums angefangen haben, wollten wir auf keinen Fall diesen langweiligen 12-Bar-Blues machen. Klar, manchmal passiert es, aber wir versuchen es weiter. Dieses 12-Takt-Schema langweilt mich so, und dazu dann ein Gitarrensolo… und noch ein Solo… nein.

(Inzwischen treffen immer mehr Besucher für das Konzert ein und unter ihnen begrüßen die Greenbaums viele alte Freunde.)

Eine letzte Frage noch: Seid ihr Optimisten oder Pessimisten? Spielt man den Blues besser, wenn das Glas halb voll oder halb leer ist?

Eyal: Das ist die beste Frage, die jemals jemand gefragt hat (lacht). Aber keine Ahnung, was sagst du, Neta?

Neta: (auf deutsch) Ich sprecke kein English, kein Deutsch… keine Ahnung!

Eyal: Ich bin Optimist. Aber ich habe eine pessimistische Seite und die versucht, die Oberhand zu gewinnen. Ich lasse das nicht zu, aber es gibt sie. Wahrscheinlich bin ich also beides.

Aber ist es die pessimistische oder die optimistische Seite, die für den Blues zuständig ist?

Eyal: Beide.

Neta: Unser Blues dreht sich ja nicht nur ums Traurigsein.

Dani: Also… ich bin ziemlich pessimistisch (lacht). Aber wir spielen eben keinen reinen Blues, unsere Musik hat nur eine bluesige Seite. Ich mag es nicht, wenn Leute es auf Blues reduzieren. Aber wenn ich sage, dass ich Pessimist bin, ist es trotzdem der Optimismus, der mich spielen lässt. Wenn man zu viel nachdenkt, bringt man nichts zustande. Der eigene Stellenwert in der Musikgeschichte fühlt sich manchmal so gering an, da darf man nicht viel nachdenken, sondern muss einfach machen.

Eyal: Kurz gesagt, mein Vater hat mich nicht geschlagen und meine Mutter wurde auch nicht vergewaltigt (lacht).

Das ist doch ein schöner Abschlusssatz. Vielen Dank und guten Appetit!

Im Interview versuchten sie ihr Möglichstes – aber auf der Bühne geben sie ihr Bestes und drehen gnadenlos auf. Mit einem Stück vom neuen Album geht es kräftig los, und schon nach den ersten Tönen blüht die Band regelrecht auf. Drummer Gidon Carmel drischt los, dass die Boxen dröhnen und schon beim zweiten Song „Airbourne Sharks“ die Becken zu kippen drohen. Darüber wird nur gelacht, Sänger Eyal stellt sie schnell wieder zurecht, weiter geht’s.

Und dem Publikum gefällt’s, der schmale Raum zwischen Bühne und Eingang füllt sich schnell. Nach den ersten sieben Songs ist erst mal Schluss, schließlich muss in Restaurants auch gegessen werden. Aber nach kurzer Pause steigen The Greenbaums wieder auf die Bühne, und direkt am ersten Tisch zeigt ein Fan eindrucksvoll, dass er auch beides kann: Seelenruhig verzehrt er direkt vor den fetzenden Gitarren sein Seafood-Festmahl – im Takt und schon im Sitzen wild tanzend. Als der Teller leer ist, schiebt er dann Tisch und Stuhl beiseite und legt richtig los.

Denn so ist der Indie-Blues-Rock der Greenbaums: Wild, laut und tanzbar. Da werden nicht nur auf der Bühne strahlende Blicke getauscht, auch im Publikum bleibt kein Mundwinkel unten und kein Fuß am Boden. Neben „Come Around“, „Easier Said Then Done“, „Baby Realove“ und vielen mehr testen die Greenbaums auch schon einige Titel vom neuen Album – man darf gespannt sein, denn sie stehen dem bekannten Material in keinster Weise nach.

Um viertel nach 1 ist nach dem grandiosen „Bad Karma“ Schluss, leider gibt’s auch in Berlin so etwas wie Sperrstunde. Immerhin müssen die Greenbaums heute Nacht nicht mehr weiter – die aktuelle Tour startete in der Berliner Knochenbox und endet jetzt (nach Umwegen über Kroatien, Bosnien und die Tschechische Republik) im White Trash. Hoffentlich sind die Fünf bald wieder live in der Hauptstadt zu begrüßen – aber die Zeit der winzigsten Locations dürfte für The Greenbaums bald vorbei sein.

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