African Journal #10 – Abschied in Stonetown.

With water like new!

Während wir morgens noch im Bett liegen, um die Dämmerung herum, rauscht draußen ein richtiger Tropenregen, schließlich ist Winter auf Sansibar. Die Tropfen trommeln auf die Blätter draußen und strömen über das Palmenwedeldach, da ist es sehr gemütlich, sich noch einmal unter dem Moskitonetz zu wälzen und noch einen Moment länger zu dösen.

Unser Zimmer, unser Himmelbett

Unser Zimmer, unser Himmelbett

Aber irgendwann reicht es sogar C.’s dickem Cocktailkopf und wir müssen raus. Ins Meer, natürlich, das heute richtig kühl ist. Bestimmt nur 20 Grad. Weil die Flut gerade ihren höchsten Stand erreicht hat, schlagen die Wellen über das Korallenriff und rollen noch mit Macht an den Strand. Wir lassen uns treiben, werfen uns gegen das Wasser – und haben urplötzlich alle beide keinen Boden mehr unter den Füßen. Das werden wir uns erst nach dem Baden erzählen, aber tatsächlich schlucken wir ein paar Augenblicke lang ordentlich Wasser und ein wenig Panik hinunter.

Natürlich kommen wir sicher an den Strand, vermutlich wollte mir das Meer nur den Abschied leichter machen. Was nicht klappen wird.

Nach dem Frühstück mit Pancakes, Gewürzkaffee, frischem Maracujasaft und Obst stöbern wir ein wenig in dem kleinen Hotelshop. Hotelshop? Um diesen Begriff zu entkräften: Man stelle sich darunter bitte kein staubfreies, wohlonduliertes Etablissement mit Marmorboden vor. Sondern eine Hütte wie alle anderen, in der sich auf dem Fußboden und an den Wänden kunterbunte Ölbilder stapeln. Der Verkaufende zeigt, dass es wirklich Öl ist, indem er den darauf getropften Tropenregen und den angesammelten Staub einfach mit der Handfläche herunterrubbelt: „See, with water like new!“ Ich finde ein Bild mit der dreifachen Abbildung der Mama Africa und eine spitzmäulige Giraffenmaske, außerdem eine Gewürzseife, die im Dorf aus am Riff angebauten Algen hergestellt wird.

Danach muss ich packen. Wehmütig. Aber viel habe ich ja zum Glück nicht dabei, meinen geliebten langen schwarzen Rock mit den kleinen Perlen darauf schenke ich C. Er steht ihr so gut und so bleibt von mir auch noch ein bisschen was auf Sansibar.

Abschied von den Massai.

Ich beeile mich mit dem Packen, wir wollen noch ein bisschen mit D. am Strand liegen und vergessen, dass das hier mein letzter Tag ist. Die Sonne trägt ihren Teil dazu bei, dass es uns gut gelingt. Ich habe sogar einen richtigen Sonnenbrand auf dem Rücken, meine linke Schulter brennt so sehr, dass ich heute nur auf dem Rücken im weißen Sand liegen mag. Die beiden Massai wandern vorbei, Frank ist traurig, weil nach meiner Abreise nur noch Jacob ein Mzungu-Mädchen haben wird. Dabei hat er schon gesagt, dass ich der Farbe nach in spätestens einer Woche sowieso in den Massaizustand übergehen würde.

D. zieht jetzt zu C. ins Zimmer, in mein Bett und brummt, dass sie mit mir gar keinen Spaß gehabt habe. Als sie gegen Mittag zu ihrer Arbeit ins Dorf geht, verabschieden wir uns lieber schnell. Auf dem Weg nach Stonetown kann ich ihr aus dem dala dala noch einmal winken.

C. und ich gehen für eine weitere kleine, gestohlene Stunde an den Strand. Als die Zeit vorbei ist, suchen wir Frank und Jacob, die inselabwärts Schmuck verkaufen und ich nehme wirklich Abschied. Weil ich immer noch keinen Massai habe springen sehen, hüpfen wir alle vier über den Strand, Jacob like a chicken und Frank like a buffalo. Ich umarme beide, europäische Sitten hin oder her.

Von der Pünktlichkeit oder Little Italy.

Dann machen C. und ich uns auf den Weg nach Stonetown. Und wie immer, wenn man gegen pole pole gar nichts hätte, wenn man gern noch eine halbe Stunde wartend am Straßenrand sitzen und Orangenkerne in die Gegend spucken würde, dann kommt das fahrplanlose dala dala sofort.

Eine Stunde etwa dauert die Fahrt zurück nach Stonetown, und am Ende soll niemand seinen Reisbeutel, wohl aber die Mzungu ihren Rucksack bezahlen. Eine Weile diskutieren wir, aus reinem Prinzip, aber am Ende drücke ich dem Fahrer einfach das Geld in die Hand, 50 Cent sind die viel zu kostbar verrinnenden Minuten Stonetown nicht wert.

Vorbei an den auch heute wieder kräftig riechenden Fleischverkaufsständen geht es ab ins Gewimmel der Gassen. Richtige Straßen im Sinne von breit und befahrbar gibt es in der Innenstadt nicht, nur lauter verwinkelte kleine Wege zwischen immer enger zusammenrückenden Häusern. Es erscheint einem ein bisschen wie Italien – Sizilien, Palermo – etwas verfallen, bunt, und beengt.

Die Gassen von Stonetown

Die Gassen von Stonetown

In der einen Gasse finden sich viele kleine, staubige Souvenirshops, Kochtopf-und-Nüsse-Läden für alles, farbenprächtige Stände mit Kangas und bunten Stoffbahnen – und in der nächsten das Ende der Welt mit Wand davor. Hier herrscht gemütliches Chaos, und ohne ortskundigen Führer ist man ziemlich verloren.

Wir fragen uns zum Sansibar Coffee House durch; ein bekanntes Café und Hostel, in dem wir meinen Rucksack abstellen und bei einem Gewürzkaffee noch fünf Minuten entspannen wollen, bevor wir uns wieder ins Labyrinth stürzen. Dafür ist das Coffee House auch genau der richtige Ort: Strahlend freundliches Personal, leckeres (ziemlich teures) Essen, eine verschnörkelt schnucklige Architektur und – nach dem Casino in Dar und vor dem Camp-Waschhaus – das zweitschickste Ebenholz-Klo der Reise. Oh ja. Erleichtert und gestärkt geht’s weiter.

Es ist außerhalb der Saison, deswegen haben viele Ladenbesitzer nur auf uns gewartet. So scheint es zumindest. Wir rufen tausend Mal an diesem Nachmittag „mambo“ (hallo) und natürlich geht es uns „nsuri sana“. Aber asante, danke, wir wollen wirklich nicht in jeden Shop reinkommen. Und uns auch nicht mehr als nötig übers Ohr hauen lassen: Wenn die erste Postkarte 1000 Tsh kostet, sind wir nicht gewillt, für die zweite 3000 zu bezahlen. Wir drücken dem Typen 1500 Tsh für eine Karte samt Briefmarke in die Hand und damit ist die Sache geregelt. Er ist auch nicht böse, sondern grinst und lädt uns ein, uns in seinem Laden weiter umzuschauen.

An einem staubigen Straßenkarren kaufe ich noch ein paar Armreifen. Diesmal aus Plastik, aber mit – hui! – Glitzer und so vielen verschiedenen Tiermustern, dass ich unsere ganze Safari an meinem Arm nacherzählen kann. Schickschick, nachdem ich sie einmal abgespült habe, kann man das sogar richtig gut erkennen.

Too Much Feeling.

Wir wandern Richtung Hafen und schauen ein paar Minuten zu, wie der abendliche Essensmarkt aufgebaut wird: Ab Sonnenuntergang kann man hier dann alles Mögliche frisch zubereitet kaufen. C. schwärmt, aber bei uns wird die Zeit letztlich nur für einen Teller Abschieds-Chipsi reichen.

Hinter dem Hafen geraten wir tatsächlich auf eine asphaltierte Straße. Hier wimmelt es plötzlich vor weißen Touristen. Die Souvenirshops sind eisgekühlt, pieksauber und westlich penibel sortiert. Und ganz schön langweilig. Wir riechen ein bisschen an Kaffeesorten und heimischen Gewürzen, aber hier treiben sich einfach zu viele Resort-Mzungus herum.

Too Much Feeling

Too Much Feeling

Lieber gehen wir noch ein bisschen zurück zum Hafen, wo über dem Strand gerade blutrot die Sonne im Meer versinkt. Das ist schon fast zu viel. Uns wollen fast die Tränen kommen. Passenderweise liegt neben uns ein Boot mit dem hübschen Namen „Too Much Feeling“ auf dem Sand. Puh, doppelt so viel Kitsch lässt sich dann doch wieder aushalten. Noch ein Blick, ein Teller Chipsi und dann machen wir uns wieder auf die Suche nach dem Sansibar Coffee House.

In der Innenstadt haben die Shops jetzt geschlossen, wenn es dunkel wird, spielt sich das Leben auf dem Essensmarkt ab, und ohne Shops haben wir sämtliche Anhaltspunkte verloren. Wir irren herum. Und wieder findet sich jemand, der uns bringen will. C. lehnt erst ab, weil sie ihn für einen Schlepper hält, aber das ist er nicht. Er bringt uns freundlich auf den richtigen Weg, bis das Coffee House in Sicht kommt, und verschwindet dann fast ohne Dank im Gewirr der Gassen. Dank Fleischverwesungsgestank finden wir den Weg zurück zum Busbahnhof und zu den Taxis von allein.

Wir heulen jetzt nicht, nein?

Jacob und Frank rufen an, um ein letztes Mal auf Wiedersehen zu sehen. Dann steigen wir ins Taxi und machen uns auf Richtung Flughafen. Eine Fahrt, die doppelt keinen Spaß macht. Erst einmal habe ich noch gar nicht genug von Sansibar und außerdem muss ich C. hierlassen, die noch eine Woche länger bleiben wird. Und nachdem ich vor dem Urlaub ein bisschen skeptisch war, was meine sozialen Fähigkeiten betrifft (normalerweise halte ich es mit niemandem mehr länger als bei-aller-Liebe-maximal 12 Stunden aus), mag ich mich jetzt gar nicht von ihr trennen. Am Flughafen checken wir mich ein und dann ist wirklich Abschied angesagt. Der so aussieht: „Wir heulen jetzt nicht, nein?“ (schnief), „Auf gar keinen Fall!“ (schnüffel). Wir drehen uns ganz schnell um und gehen. Sie zurück ins samtige Dunkel draußen und ich allein in die eiskalte, von der klappernden Klimaanlage beschallte kahle Wartehalle.

Zwei Stunden sind totzuschlagen. Beim Handgepäckcheck unterhalte ich mich mit dem Flughafenmitarbeiter, der mich begeistert über meinen Aufenthalt ausfragt und mich schon fürs nächste Mal willkommen heißt. Als ich mich wegen der Klimaanlage in meinen Kanga wickele, ist er restlos begeistert und kommt extra vorbei, um mir zu sagen, wie schön das aussieht. Als ich aufgrund sinnloser Warterei Paranoia wegen meines gepäckscheins entwickle, der plötzlich verschwunden scheint  (ich fliege zum ersten Mal und weiß nicht, wie irgendwas geht), und den halben Flughafen aufscheuche, habe ich auch das restliche Personal auf meiner Seite. Sie zeigen mir lachend, dass der Schein natürlich in meinen Papieren steckt, und der Handgepäckchecker winkt mir herzlich zu, als mein Flug aufgerufen wird und ich hinausgehe.

Wir heulen jetzt aber doch.

Draußen atme ich noch einmal tief die Nacht ein. Ein bisschen feucht, sehr warm und voller Grillenzirpen ist sie, und mir laufen ein paar Tränen übers Gesicht. Ich möchte noch gar nicht gehen. Aber es hilft ja alles nichts. Und es sind nur 20 Minuten Flug bis Dar.

Dort habe ich noch einmal über sechs Stunden Aufenthalt. Mein Flug geht um 3.40 Uhr und vor 24 Uhr kann ich nicht einmal mein Gepäck einchecken. Ich verkrümele mich samt Rucksack in eine ruhige Ecke. Und kriege da eine erneute Panikattacke, diesmal wegen meiner Flugtickets, und dementsprechend bedeutend stärker. In heller Aufregung C. anrufen und schreien „ich habe kein Ticket, sondern nur so einen blöden Zettel mit den Zeiten!“ sind eins. Ja. Hm. Hätte mir auch mal vorher jemand sagen können, dass Flugtickets heute so aussehen. Mein Herzrasen legt sich.

Dafür heule ich jetzt wie ein Wasserfall. Ich bin gar nicht so traurig (nach drei Stunden Warten möchte ich vor allem heim), es ist alles gut, aber mir laufen die Tränen übers Gesicht wie der Tropenregen am Morgen übers Palmwedeldach.

Hier zeigt sich wieder einmal zeigt sich die Vielverwendbarkeit von Kangas: Zieht man sich den übers Gesicht, kann man auch in der Öffentlichkeit mal eben drei Liter Tränenwasser lassen und keiner merkt’s. Ich beruhige mich auch bald wieder. Vermutlich ist es nur das Abenteuer der letzten zehn Tage und jetzt das plötzliche Alleinsein.

Africa, the Beautiful.

Kurz vor Mitternacht kommen die Mitarbeiter des Flughafens langsam wieder zurück an ihre Arbeitsplätze, und in der sonst gänzlich leeren Halle beginnt eine Frau zu singen. Diese dritte Mama Africa ist nicht hübsch, im Gegenteil, aber ihre Stimme drückt mir schon wieder auf den Tränenkanal, so überirdisch schön klingt es. Sie lächelt mich an, als sie an mir vorbeigeht.

Gepäckeinchecken, tausend Formulare ausfüllen, ein letztes asante sagen und dann geht’s mit einer halben Stunde Verspätung zurück nach Istanbul. Es ist nach 4 Uhr, ich habe seit 21 Stunden nicht geschlafen. Ich bin so erschöpft, dass ich wegen der Verspätung fast schon wieder heule und im Flugzeug noch auf dem Rollfeld einschlafe. Erst das Abheben weckt mich kurz. Badae, auf Wiedersehen, Afrika.

*Ich mag diesen letzten Eintrag gar nicht schreiben. Und erst recht nicht beenden. Im Erleben, im abends erzählen und Reisetagebuchschreiben und im Bloggen habe ich drei Mal reisen können. Jetzt kommen noch die Fotos, und dann… dann ist es endgültig Erinnerung. Aber: Eine der besten. Ein großer Schritt für mich, ein weiter Weg und hoffentlich nicht die letzte Reise mit der wunderbaren C. Badae! Asante!

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5 Gedanken zu “African Journal #10 – Abschied in Stonetown.

  1. mirirallalla schreibt:

    Ich habe gerade heute eine Reise nach Tasania und Sansibar für September gebucht, freue mich sowieso schon sehr (ich will seit ich klein war nach Afrika!) und nach diesem schönen Bericht jetzt noch viel mehr! Vielen Dank sagt Mirjam 🙂

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