African Journal #4 – Camp und Lake Manyara.

Auf in die Wildnis

Heute schlafen wir bis um 7 Uhr. Sehr erholsam und sehr dekadent. Dann schrecken wir den dampfenden, nur mit einem Handtuch bekleideten Wachmann aus der Dusche (scheinbar hat er sehr wohl „hot water“), damit er uns das Vorhängeschloss an der Veranda öffnet. Denn zum Frühstück geht man hinüber ein das zweite von drei Monjes-Häusern.

Dort finden wir eine Art offene Garage, in der uns eine verschlafen wirkende junge Frau heißes Wasser für Tee, Toast und Rühreier zum Frühstück macht. Es ist so kalt, dass ich mir Mamas gestrickte Wollsocken anziehe und noch eine Kapuzenjacke aus dem Zimmer holen muss. Afrika, ja? Nee, is klar.

Fahrer und Vaterersatz für drei Tage.

Fahrer und Vaterersatz für drei Tage.

Um 9 Uhr steht unser Fahrer Halifa mit seinem fetten, olivgrünen Landrover vor der Tür, in den ich mich entgegen meiner sonstigen Autoresistenz sofort verliebe. Aber mit welcher Power dieses Riesengefährt durch die Schlaglöcher kracht, ist einfach zu hinreißend.  Außerdem fühlt man sich auf den hohen Sitzen einfach stark und unbesiegbar. Bereit für eine Safari eben.

Vorher: Ein Gang zur Bank, dann im Sunny-Safaris-Office den stolzen Preis für die Tour bezahlen, Wertgegenstände in den Safe packen, nochmal europäisch Pipi machen (machbare Klogänge sind tatsächlich wichtiger als man denkt und können sehr wohl als ladylikes Gesprächsthema herhalten), ein Wassereinkauf im Supermarkt und dann geht es los.

Oder fast. Denn vorher kracht Halifa beim Ausparken des Riesenrovers mit dem Vorderrad in einen Straßengraben. Und als wir mit zwei Rädern in der Luft baumeln, zeigt sich unverzüglich Sinn und Nutzen der rund um die Uhr auf ihren Motorrädern lungernden Gangs am Straßenrand: Ruckzuck sind die beiden erschrockenen Mzungus aus dem Wagen geholt und der Allrad-Wagen wird mit vereinten Kräften wieder auf festen Boden gebracht. Wir klatschen Beifall und haben Freunde fürs Leben gefunden.

Sei Kolonialist oder Luxusleben in Afrika.

Wir machen uns auf den zweieinhalbstündigen Weg zum Camp am Lake Manyara. Bei dem Wort „Camp“ hatte ich mir schon das maximal erträglich Schlimmste ausgemalt: Winzige Zelte, Insekten im Essen und vor allem kein Klo. Nichts von alledem trifft zu. Wir wohnen extrem kolonialistisch und luxuriös. Kurz gesagt: Echte Safariromantik, wie man sie sich in seinen dekadentesten Träumen ausmalt.

Waschhaus

Waschhaus

Unser Camp besteht aus einem weitläufig pallisadengesäumten Grundstück. Unter hohen Bäumen findet sich eine große, palmendachbeschattete Terrasse für die Mahlzeiten, etwa 5 mannshohen Zelte und zwei neugebaute Waschhäusern mit Waschbecken an den Außenseiten (damit die Affen besser in die Spiegel schauen konnten) und (sogar lauwarmen) Duschen. Dazu eine offene Küche, ein Kral für das abendliche Lagerfeuer und ein nach allen Seiten offenes Empfangsbüro am Eingang. Wirklich traumhaft schön.

Außer uns sind an den ersten beiden Tagen noch 2-3 Pärchen auf Honeymoon dort. Lahme Amerikaner, die in ihrer sauertöpfischen Stumpfsinnigkeit von uns direkt in Honeymoaner umgetauft werden. C. und ich dagegen können unser Glück und all die unverdiente Schönheit dagegen kaum fassen. Ich bin froh, dass C. ebenso wenig Lust auf ihre Gesellschaft verspürte wie ich. Und nach dem Mittagessen – Fleisch mit scharfer Sauce und Chipsi – geht es sowieso los zum Lake Manyara Nationalpark.

Lake Manyara und das Bush-Baby.

Schon auf dem Weg dorthin begegnen uns am Straßenrand die ersten Paviane. Außerdem sehen wir eine von europäischen Störchen weißgeschissene Baumgruppe samt flügelrauschenden Bewohnern. Halifa hält bereitwillig an, damit wir staunen können.

Im Park selbst fahren wir eine ganze Weile durch dschungelartigen Wald, ohne mehr zu sehen als ein paar den Hang hinauftobende Affen. Aber die Fahrt mit dem offenen Sonnendeck des Landrovers allein ist ein Erlebnis. Ich glaube, in den nächsten drei Tagen werden wir uns keine drei Mal hinsetzen, so oft dieses Schiebedach geöffnet war. Selbst wenn es keine Tiere zu sehen gibt, atmen wir den wilden Duft von Afrika – eine Mischung aus frischem Heu, Spekulatius und Sonnenhaut – in tiefen Zügen.

Nach der Fahrt durch den Wald erreichen wir die steppenartige Ebene dahinter. Auf dem weiten Land sichten wir unser erstes Gnu – „waterbeast“ genannt, was mir noch besser gefällt – und die ersten Zebras. Wir freuen uns und machen tausend Bilder von diesen ersten Tieren – in den nächsten Tagen werden wir so viele davon sehen, dass wir sie nur noch im Dutzend überhaupt wahrnehmen können, aber diese Ersten feiern wir mit großer Begeisterung.

Wir passieren eine schmale Baumkante und erblicken weit, weit dahinter den Lake Manyara. Dazwischen entdecken wir eine Herde Wasserbüffel samt zugehörigen weißen Vögeln im Wasser und –  spätestens hier sind wir restlos begeistert – die flirrenden Ohren zweier Nilpferde im Hippopool. Davor ein schreitender Hornvogel, so groß wie ein Schulkind.

Elefanten am Lake Manyara

Elefanten am Lake Manyara

Aber damit geht es erst los. Als Nächstes begegnet uns ein Elefant, der sich am Wegesrand seelenruhig mit einem Baumstamm den Bauch kratzt. Halt. Ein Elefant? Nein. Es war eine ganze Horde. Immer mehr kommen aus dem Unterholz und schubbern sich post-bademäßig die Schwarte an den Bäumen. Und noch mehr stehen dahinter in der Steppe. Wie viele? 20? 30? Noch mehr? Große, kleine, blätterrupfende, langsam schreitende… surreal viele. Wir stehen einmal mehr und staunen.

Danach begegnen wir einer Gruppe Giraffen in weiter Ferne. Dann immer mehr Giraffen in immer größerer Nähe. Impalas. Warzenschweine. Ein paar Mungos in einem Baumloch. Einer doppeltarmlangen schlafenden Eidechse an einem Bachlauf. Mehr Zebras, mehr Gnus, mehr Büffel. Und immer wieder erschnüffeln wir Raubkatzengeruch unter den Bäumen, aber von denen lässt sich keine einzige blicken. Das wäre an diesem Tag aber auch zu viel für uns gewesen, wir haben das begeisterte Strahlen so schon nicht mehr aus unseren Gesichtern bekommen.

Abendessen im Camp

Abendessen im Camp

Grinsendes Abendessen also unter den Honeymoanern, die alles Gesagte mit „oh! wow!“ in einem derart dümmlichen Tonfall kommentieren, das wir bald ans Lagerfeuer fliehen. Da sitzen wir dann, hören die nimmermüden Zikaden zirpen und draußen vor dem Camp ein Baby schreien und heulen. Zumindest denken wir, es müsse ein Baby sein, und es ist es auch eins. Genauer gesagt ein „bush baby“, also ein telleräugiger nachtaktiver Maki, der gerade Bananen frisst und dabei zetert und gurgelt wie ein Kleinkind.

Dazu die dumpf glucksenden Rufe des Hornvogels. Und Sternschnuppen. Tansania meint es fast zu gut mit uns, wir kriegen alles, was man sich nur wünschen kann und noch mehr. So viel Schönheit macht müde. Wir rollen uns im Zelt in unsere Schlafsäcke.

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