African Journal #3 – Busfahrt Dar-Arusha.

Good Morning, Africa!

Wir wachen mit dem Weckerklingeln auf und gehen mit dem ersten Ruf des Muezzins ins Badezimmer. Nach einem Tage habe ich mich schon daran gewöhnt, mit geschlossenem Mund zu duschen und mir die Zähne mit Trinkwasser aus der Flasche zu putzen, sogar im Halbschlaf.

Water? Apple? Chewing Gum?

Water? Apple? Chewing Gum?

Vor der Tür des Kibodya wartet schon Benson mit seinem Auto auf uns, so früh am Morgen mögen wir keinen Bus und kein Taxi suchen. In kürzester Zeit sind wir am Ubungu. Beim Aussteigen scheißt mir ein Vogel auf die Schulter, aber das soll ja Glück bringen.

Mit Benson sind wir auf jeden Fall gut dran: Er sucht zwischen Dutzenden von Reisebussen auf dem riesigen Gelände den richtigen Bus für uns und wir sind doppelt froh, ihn zu haben. Unsere Sachen werden verstaut und wir auf unsere Plätze gesetzt. Wir warten aufgeregt. Es ist halb 7 und wir denken, wir seien pünktlich. Was wir nicht wissen: Abfahren wird der Bus erst um halb 9. Aber die Mzungus wollten ja unbedingt 7 Uhr hören.

Kindlein, wechsel dich und Bus-Entertaining galore.

Was dazwischen passiert: Ein junger Papa steigt mit seinem entzückenden Babytöchterchen ein. Auf das kleinste Lächeln von uns haben wir den pechschwarzen Krümel sofort auf dem Schoß. Wir bewundern gerade ihren goldenen Ohrschmuck als Papa wohlgemut aussteigt und uns mit dem Kind allein lässt.

In Tansania werden oft Gepäckstücke mit Bussen auf die Reise geschickt und auf der Strecke am Bestimmungsort aus dem Fenster gereicht. Sollen wir jetzt das Kind irgendwo rausreichen? Was machen wir, wenn es Hunger bekommt oder seine Windel voll ist? Wir geraten dezent in Panik. Zum Glück outet sich bald die Frau auf der anderen Gangseite ganz entspannt als Mama. Lektion 4: Kinder sind überall gut aufgehoben. Und wenn es ihnen auf Mamas sonniger Busseite zu heiß wird, bekommt sie jeder im Bus mal auf den Arm gedrückt. Gestillt wird übrigens auch sehr entspannt in aller Öffentlichkeit, während Brüste und Ausschnitte sonst eigentlich gar nicht vorkommen.

Mittlerweile ist es halb 8 und endlich bewegt sich der Bus. Der Motor lief im Übrigen schon, bevor wir einstiegen. Im Rollen wird ein singender Säufer mehrmals ein- und ausgeladen, über den Straßengraben hinweg springen Leute noch im letzten Augenblick auf den fahrenden Bus auf, die Busbegleiter scheinen wahllos und fliegend zu wechseln … hier wird entweder im  im allerletzten Moment entschieden. Oder nach einem für uns unbegreiflichen System, das erstaunlich entspannt funktioniert.

Straßenszene II

Straßenszene I

Aber endlich rollt der Bus wirklich. Auf der Straße und gar nicht mal langsam. Sieben Stunden Fahrt wurden uns angekündigt, dem sehen wir entspannt entgegen und die Landschaft ist so abwechslungsreich, dass auch keine Langeweile aufkommt. Trotzdem: Letztlich werden es zwölf Stunden Fahrt sein, aber das wissen wir zum Glück noch nicht. Und wir haben sogar Glück, wie man uns später erklären wird, denn eine so lange Busfahrt ohne Panne ist sehr selten.

Draußen wechseln Landstriche mit Palmen und saftiggrünem Unterholz mit Dörfern auf roter Erde, mit steppenartigen Grasflächen, sogar mit ein wenig wüstenartiger Sandigkeit, und wieder zurück. Überall sind Menschen entweder auf dem Weg irgendwohin – in Schuluniform, mit Tierherden oder Lasten auf dem Kopf. Oder sie sitzen, stehen, liegen am Wegesrand. In Bäumen, auf Motorrädern, neben Häusern, als täten sie es für die Ewigkeit. Niemals steigt jemand gerade auf einen Bretterstapel, niemals legt sich gerade jemand auf seinem Fahrrad zurecht – jedes Mal scheint es, als sei alles schon immer so gewesen und bliebe so bis zum jüngsten Tag.

Apropos: Zwischendurch steigt eine Art Wanderprediger (oder vielleicht nur äußerst gläubiger Mitreisender) ein, der mit schreigewohnter Stimme in ungeheurer Lautstärke über den Buslärm hinweg sehr nachdrücklich aus der Bibel vorliest. Etliche Kapitel. Wirklich sehr viele Kapitel. Das am häufigsten vorkommende Wort (und meine erste Suaheli-Vokabel) ist „baraka“ – als wenn das Anschreien allein „glücklich“ mache. Konfessionstoleranz hin oder her, die Lautstärke ist unvorstellbar. Nach zehn Minuten stecken wir uns Ohropaxstopfen in die Ohren, um keine Kopfschmerzen zu kriegen. Der Prediger macht ungerührt weiter.

Straßenszene III

Straßenszene II

Zwischendurch wird gesungen – er beginnt und viele Leute aus dem Bus fallen ein. Wir pulen die Ohrstöpsel heraus, denn das ist wieder richtig schön. Allerdings folgen danach noch ein, zwei Brüllkapitel, aber dann haben wir es geschafft.
Am Nachmittag lernen wir von zwei Vertretern, die während der Fahrt ihr Warensortiment von Spüli bis Handyzubehör anpreisen, den Ausdruck „nsuri sana“ – „sehr gut“. Denn was sie dabeihaben ist natürlich alles außergewöhnliche Spitzenware.

Ansonsten halten wir nur zwei Mal in zwölf Stunden: Einmal zum Massenpinkeln im Busch (Männer links, Frauen rechts) und einmal zum Mittagessen an einer Art offener Raststätte. Dazwischen haben wir Stunde um Stunde Zeit, die fremdschönen Paradoxe Tansanias zu betrachten: Ein fein gefegter Hof neben einem vollkommen vermüllten Straßenrand, mit Blumen bepflanzte Vorgärten neben Plastikflaschensammelsäcken, Lehmhütten neben unfertigen Steinbauten, kleine Rinderherdenhüter neben Schulkindern in Uniform, heftige körperliche Arbeit in Tischlereien und Ziegelherstellung neben nachmittäglichen Schläfern… endlos viel gibt es zu sehen. Wir fühlen uns wie in einem Dokumentarfilm, als wären wir noch gar nicht angekommen. Alles ist so fremd, aufregend und schön, dass wir es kaum mit einem einzigen Augenblick erfassen können. Abends erzählen wir uns den Tag und schreiben Reisetagebuch, um nichts zu vergessen.

Arusha, die sicherste Stadt Afrikas.

Arusha erreichen wir in tiefster Dunkelheit und nachdem wir unsere schmerzenden Hinterteile schon seit vier Stunden mit einem endlosen „wir sind sicher gleich da“ beruhigt haben.

Am Busbahnhof erwarten uns statt unseres Safaripartners nur Scharen von Taxifahrern – natürlich, denn wir hatten uns ja etliche Stunden früher angekündigt und sind nun sogar für afrikanische Verhältnisse reichlich zu spät.

Wir vertrauen uns dem Ruhigsten unter der Taximeute an, lassen uns über schlaglochübersäte Buckelpisten ins Monjes Guesthouse bringen und nehmen – zum zweiten Mal als einzige Weiße – ein Zimmer. Einen kleinen Raum, der um einiges weniger ansprechend ist als das schlichte Zimmer im Kibodya, das für uns in zwei Nächsten so etwas wie Heimat in der Fremde geworden ist. Hier gibt es keinen Deckenventilator und kaum Platz, um unsere Sachen abzustellen. Direkt vor dem Fenster erhebt sich eine mit Glasscherben besetze Mauer, die dem Ganzen einen Hauch von Knast verleiht.

Bevor wir das Guesthouse zum verabredeten Abendessen mit Ray von Sunny Safaris verlassen, checkt der Wachmann obendrein, ob unsere Fenster fest verschlossen und alle unsere Besitztümer außer Sichtweite und mindestens auf Armeslänge vom Fenster entfernt sind.

Draußen begrüßt uns Ray und bringt uns in seinem nahezu luxuriösen Mercedes zum Essen in ein für uns viel zu europäisches, richtiges Restaurant – igitt, guck mal, da sind ja Weiße! Und Asiaten! Ray ist Kanadier und witzigerweise einmal im Jahr zur Toursimusmesse in Berlin, wo er in Sichtweite meiner Wohnung immer in demselben Hotel wohnt. Die Welt ist eben klein.

Wir besprechen die Bedingungen für unsere Safari: Camp am Lake Manyara, wo wir auch den ersten Nachmittag verbringen werden. Dann eine Ganztagesfahrt in den Ngorongoro, der als einer der schönsten Nationalparks Tansanias gilt. Am letzten Tag ein paar Stunden Tarangire und danach wieder zurück nach Arusha. Weil wir so spontan buchen wollen, wird die Safari für uns teuer, fast 750 dekadente Dollar werden wir am Ende mit Trinkgeldern zahlen, aber wir bekommen ein Auto mit Fahrer für uns allein. Und wie sehr sich das lohnt, werden wir im Laufe der Safari immer wieder feststellen.

Auf dem Heimweg setzt Rays Mercedes beim Überwinden einer zu hohen Bordsteinkante auf der löcherigen Buckelpiste von Straße auf. Zum Glück kommen wir von allein wieder los – manchmal ist eben der Umweg der direkte Weg.

Jetzt aber erst mal ab ins Bett. Die eiskalte Dusche davor wird uns schwer – in Dar hatten wir zwar auch nur lauwarmes Wasser, aber dort waren es auch nachts an die 35 Grad. Arusha ist durch die Nähe zum Kilimandscharo und Mount Meru sehr viel kälter, die Nacht fühlt sich an wie 10-15 Grad. Und eiskaltes Wasser in einem mit „hot water“ werbenden Gästehaus ist nicht cool. Oder zu cool für uns. Egal. Morgen fahren wir auf Safari.

Vor unserer Tür schläft der Wachmann.

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