African Journal #2 – Busfahrkartenkaufen in Dar.

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt.

An diesem erstenTag steht für uns nur eins auf dem Plan: Buskarten kaufen für die Fahrt in das etwa 800 Kilometer nördlich gelegene Arusha, denn von dort starten die berühmten Safaris in die Serengeti und – in unserem Fall – den Ngorongoro, Tarangire und Lake Manyara Nationalpark.
In Deutschland hätten wir die Tickets easygoing im Internet gekauft und uns den Rest des Tages an den Hafen gesetzt, mit einem eisgekühlten Fruchtsaft in der Hand. Hier in Dar wären die Eiswürfel aus bakterienbelastetem Leitungswasser vermutlich das geringste Problem an diesem Plan gewesen: Hier wartet erst einmal eine Reise zur Reise auf uns.

Straßenszene I

Straßenszene I

Wasserflasche und Stadtplan einpacken und uns auf den Weg zum gar nicht mal so weit entfernten Office des im Reiseführer empfohlenen Skandinavian Express machen, ist das Eine. Den Weg nicht finden und niemanden nach der Richtung fragen zu können, weil die meisten Tansanier zwar fröhlich „hallo!“ rufen und einem nach einem kurzen Smalltalk über Herkunft und Ziel wohlgemut auf die weiße Schulter klopfen, bevor sie entspannt weiterschlendern, das andere. Und an einen Schlepper geraten, ist das Dritte.

Zuerst verfrachtet eben dieser Frank uns mit der Auskunft, dass es unsere Buslinie nicht mehr gäbe, nur in ein passendes Esshaus (Restaurant passt nicht, Imbiss auch nicht… ein betonierter Raum voller Plastikmöbel mit Küchennische und offener Vitrine mit Frittiertem eben, wie wir sie in den nächsten zehn Tagen noch oft besuchen werden). Als einzige Weiße weit und breit nehmen wir unter freundlicher Beobachtung unser Frühstück zu uns: Chipsi, also frittierte Kartoffeln, mit Chilisauce und ohne Salatbeilage – siehe Eiswürfel, siehe Wasser, siehe bakterielle Darminfektion.

Draußen steht danach – welch Überraschung! – schon wieder der Schlepper bereit und begleitet uns wie ein Schatten zum Office des Skandinavian Express. Dort hängen zwar auch ein paar Typen herum, aber die Busse sind offensichtlich alle restlos demoliert, auch nach afrikanischen Maßstäben, und das scheinbar schon seit geraumer Zeit.  Wir bekommen die Auskunft, dass hier wirklich nichts mehr fährt und wir zum zentralen Busbahnhof Ubungu müssen. Dieser ist etwa eine halbe Stunde Busfahrt von der Innenstadt entfernt.

Was neue Fragen aufwirft: Denn wie findet man den richtigen Bus, wenn man seinen Abfahrtsort nicht kennt? Und nicht weiß, welcher Bus wohin fährt? Und beides nicht und nirgends gekennzeichnet ist? Schlepper ist die Antwort.

Die linken Hände des Teufels.

Wir flitzen also hinter dem zielsicher flitzenden Frank her. Kaufen unterwegs noch eine Ray&Ban-Stylomatenbrille für meine im ungewohnt hellen Sonnenlicht schmerzenden Augen und köstliches Zuckerrohr zum Auslutschen und dann stecken wir mit etwa 20 anderen Leuten in einem Minibus.
Lektion 2: Müll – ob Zuckerrohrrest oder Wasserflasche – wirft man aus dem Fenster. Das Zungenschnalzen der Wasserverkäufer ist nicht persönlich gemeint und gehört samt Münzenklimpern zur CI. Und niemand hat Kontrolle über die Fahrpreise. Besonders nicht die weißen Ladies, die kein Wort verstehen und auf die Hilfe mitfahrender Frauen angewiesen sind, die genau wissen, wie viel eine Fahrt kostet und um wie viel Frank für uns erhöht.

Nach einer halben Stunde heißer Fahrt kommen wir am Ubungu an und werden sofort von einer neuen Herde Schlepper umringt. Hier sind wir richtig froh, einfach hinter Frank herzulaufen und in ein winziges Office gezerrt zu werden.

Ein Busfahrer, dessen linke Hand schon aus einem guten Meter Entfernung so riecht, dass man das Gebot über die Unreinheit derselben sofort nachvollziehen kann, verkauft uns schließlich unsere Tickets. 36.000 Tsh sollte eine Fahrt kosten – auf unseren Protest hin geht er anstandslos auf 28.000 herunter (1 Dollar sind etwa 1.600 Tsh). Dafür verlegt er auf unsere Nachfrage, ob es neben dem Bus um 6 und 8 Uhr nicht auch eine Abfahrt um 7 Uhr gäbe, die Abfahrt des zweiten spontan eine Stunde nach vorn. Jaja, natürlich gäbe es auch einen um 7 Uhr. Von wegen – wir werden am nächsten Morgen eine Stunde zu früh im stehenden Vehikel sitzen. Das hat man von seiner westlichen Drängelei.

Aber erst einmal freuen wir uns über unsere Tickets nach Arusha, und machen uns auf den Rückweg. Frank will nicht noch einmal Bus fahren, sonder nun ein Taxi nehmen, um zu seinem Shop in der Innenstadt zu gelangen. Wir verweigern das, denn wir weder hatten ihn um Begleitung gebeten, noch wollen wir ihm jetzt einen neuen Phantasiepreis für das Taxi zahlen. Wir nehmen den Bus, da kann er noch so viel über sein Gutmenschentum lamentieren. Er steigt fluchend allein ein und fährt davon.

Doch als wir auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle über den Ubungu laufen, ruft er uns doch noch einmal einen wegweisenden Rat zu, und wir sind plötzlich nicht mehr sicher, ob wir ihm nicht doch Unrecht getan haben. Diese Situation wird uns noch oft begegnen, denn an praktisch jeder Ecke begegnet uns Freundlichkeit. Meistens Freundlichkeit für Geld, die ohne Geld in endlose Diskussionen ausartet.

Lektion 3: Man weiß es einfach nie. Der netteste Typ versucht dich als Mzungu-Touristin im ersten Moment erstmal über den Tisch zu ziehen und kehrt bei Widerstand nahtlos zu überströmender Freundlichkeit zurück. Oder jemand macht auf Gastfreundlichkeit und totale Sicherheit, und das geht dann nach hinten los. Wann Misstrauen angebracht ist, lernen wir bis zur Abreise nicht. Leider. Denn viel mehr Leute stellten sich als aufrichtig freundliche Wegweiser und nicht als finstere Fieslinge heraus.

Grundbedürfnisse. Pipi, Hunger, Schlaf.

Diese Busreise zurück ist problemlos – und billiger als die Hinfahrt. Zurück in der Innenstadt schleichen wir uns in ein Casino ein, um vor der großen Fahrt nach Arusha noch einmal luxuriös Pipi zu machen (auf einem Klo mit Klobrille und zum Hinsetzen, wow) und Klopapier zu mopsen (das in Tansania dünn und fluffig ist, weil alle Einheimischen einen Wasserschlauch benutzen). Ich glaube, das Wachpersonal weiß, warum unser Aufenthalt in der goldblitzenden, klimagekühlten Spielhalle nur ein paar Minuten dauert. Aber sie drücken großzügig und lächelnd beide Augen zu.

Es folgen ein kleiner Einkauf im Supermarkt und ein Abendessen in einem öffentlichen Park. Zumindest war das unser Plan, als wir uns auf dem Rasen niederlassen  – bis ein Wachmann kommt, um uns aufzuscheuchen. Erbost und für ihn zum Glück unverständlich zischt C.: „Im Park sitzen ist verboten, aber Kiffen ist erlaubt?“ Ja, für Wachmänner im Dienst offenriechlich schon, denn er schlendert zufrieden zurück in seiner blaue Wolke.

Immerhin, am Rand dürfen wir sitzen und zu Ende essen (natürlich etwas Frittiertes), bevor uns die sich schon ab 18 Uhr schnell herabsinkende Dunkelheit zurück ins Hotel treibt. Per Telefon vereinbaren wir jetzt noch einen Termin mit einem Safarianbieter in Arusha und stellen den Wecker auf 5 Uhr.

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