RotFront feat. Daniel Kahn in der Volksbühne, Berlin am 04.05.2012.

Raggamuffin Emmigrantski Klezmer-Dancehall-Ska mit Hip-Hop-Einschlag? Was bitte? Die Definition „Russendisko“-Soundtrack hilft da vielleicht eher weiter – und dieses vielköpfige Party-Kollektiv haut dabei noch um einiges besser rein als der eher laue Schweighöfer-Film.

Während im Film drei Möchtegern-Emmigrantskis ohne jeglichen russischen Akzent durch das Berlin der Post-Wende stolpern, tritt hier mit Daniel Kahn als erstes der amerikanisch-kapitalistische (Ex-)Bestandteil von RotFront auf die Bühne. Was nicht heißt, dass ärrr nichcht rrrussisch sprechen (und singen) kann, im Gegenteil, sogar Jiddisch ist für den Herrn an Spieluhr und Akkordeon eine leichte Übung. Und das kommt bei dem gemischten Publikum von der gemütlichen Babuschka mit Muttersöhnchen bis zum Berliner Hipster mit Milchbärtchen gut an: Spätestens nachdem gleich zu Beginn begeistert die „Internationale“ mitgeschmettert wird, ist klar, dass dieses Konzert ein bisschen abseits der normalen (westeuropäischen) Regeln stattfinden wird.

Aber noch bleibt es ruhig. Yuriy Gurzhy – RotFront-Kämpfer und bessere Hälfte der RussenDisko – kommt mit seiner Gitarre dazu, und nach einer kurzen Pause wird dann richtig losgelegt: Ab geht’s mit „VisaFree“ aus dem gleichnamigen zweiten Album, dann „Immigrant Radio“ und schon als drittes Stück gibt es das wohl bekannteste Stück „B-Style“, das froh und spöttisch die Schönheiten der Hauptstadt besingt. Prompt erheben sich 70% des Publikums (die Babuschkas bleiben sitzen) und bewegen sich zum allgemeinen Tanzen-Singen-Springen vor die Bühne.

Und so bleibt es auch, denn diesem durchgedrehten Haufen von Ukrainern, Amerikanern, Deutschen und Ungaren sowie vor allem ihrer gemeinsamen Liebe zu Musik, Party und Berlin kann man nur schwer widerstehen. Da kann der Bandname noch so martial kommunistisch klingen, in den Songs geht es eigentlich gar nicht um Politik. Aber so bunt wie hier Nationalitäten, Sprachen und Musikrichtungen von Ska, Reggae, Dancehall und Cumbia-Sounds mit Klezmer, frechem Hiphop mit Berliner Schnauze, osteuropäischer Turbopolka, mediterranen Melodien und Rockriffs gemixt werden, dürfte die politische Aussage dann doch „alle sind gleich, passt doch!“ heißen.

 

Es folgen „Berlin-Barcelona“, „Real Berlin Wedding“, „Sigaretta“ und natürlich „James Bondski“… mit Humor und vor allem Spaß an der Sache wird hier auf Deutsch, Russisch, Ungarisch und Englisch alles in Greifweite durch den Kakao gezogen und betanzt. MadMilian sorgt für den Style, die Urgesteine Yuriy an der Gitarre und Simon Wahorn am Bass für den rockigen Groove und das Bläser-Trio für jede Menge Speed. Dazu kommt mit Katya Tasheva bald neben einer weiblichen Stimme eine weitere Portion funkensprühender Lebenslust auf die Bühne. Nach „Revolution Disco“ und vielen anderen Songs mit Tanzpotential wird außerdem die Wiedervereinigung mit Dan Kahn gefeiert – zumindest für diesen einen Abend.

Gemeinsamen werden „Emmigrantski Raggamuffin“, die Bekenntnishymne „Gay, Gypsy & Jew“ und „Mama“ zelebriert, mit Power, Jump und Energija galore. Als Zugabe lassen sich zuerst nur „Czövas“ und „Disko Boy“ herauskitzeln – aber wenn das Publikum nur lange genug klatscht, pfeift und stampft, dann gibt’s manchmal eben doch noch Zuschlag. In diesem Fall eine zweite Runde „B-Style“ – auf Konzerten bringt RotFront eben nicht nur die Bräute um den Schlaf in Berlin!

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4 Gedanken zu “RotFront feat. Daniel Kahn in der Volksbühne, Berlin am 04.05.2012.

  1. Neuköllner Botschaft schreibt:

    Ich hatte das Vergnügen Kahn bereits 2009 kennenzulernen – ein kleines Theater im P*berg – und damals in der Konstellation „D.K. and the painted birds“. Pre-Release der damals aktuellen Scheibe „Lost Causes Songbook“ mit meinem Favoriten: „The ruins of Görlitzer Park“

    Heute aktuell:

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