Hannover, laute Liebe.

… oder: Das Rockhouse. Ein Abgesang.

Neulich war ich nach langer Zeit mal wieder in meiner Lieblingslocation in Hannover. Das Rockhouse gibt es etwa seit acht Jahren und ich gehe schon fast genau so lang hin – allerdings seit fünf Jahren mit zunehmend mit längeren Pausen. Davor war es über zwei Jahre lang meine Samstagnachtheimat. Jeder Quadratmeter, jede Säule, jede versiffte Sitzecke, selbst der Vorraum vom Klo steckt voller Erinnerungen.

Die Rock-Location in Hannover.

Die Rock-Location in Hannover.

Als ich diese Zeit als Stammgast begann, wurde das Rockhouse noch etwa zur Hälfte von echten Altrockern mit langen Haaren und Lederhosen besucht. Die „Alten“ haben wir Nachwuchsoldies bald vergrault und es folgte einen Zeit des exzentrischen Publikums: Ausdruckstänzer, die sich schon mal durch am Boden wälzen expressive Freiheit verschafften. Ein älterer Herr, der grundsätzlich im knappen 70er-Jahre-Sporthöschen herumzappelte und nach Schweiß aus derselben Epoche roch. Eine Frau mit dunklen Haaren, die um-die-Tanzfläche-joggen für eine eindrucksvolle Tanzdarbietung hielt.

Passend dazu gab es einen Gläserschlepper weit über dem Rentenalter, eine Klofrau, die einem schon einmal einen Kamm in die Hand drückte und einen Türsteher, bei dem man nie sicher war, welches Auge nun wohin schaute. Bei Ausweis und Ausschnitt standen die Chancen definitiv 50:50.

Schnell entwickelte sich ein Stammpublikum, das sich im Rockhouse wie in einem zweiten Wohnzimmer einrichtete. Der DJ trug auf seine Art zu diesem Wohnzimmergefühl bei – denn meistens hatte man (wie bei einer selbstgebrannten Mix-CD) schon im Gefühl, welches Lied als Nächstes kommen würde.

Trotzdem – die vollgekotzten Sitzecken, immer dieselben Gesichter, die beschränkte Musikauswahl samt schlechten Übergängen… das alles hatte seinen Charme. Außerdem ist es schon praktisch, wenn man die Uhrzeit am jeweiligen Musikgenre festmachen kann: „Oh, schon Disturbed? Ich muss nach Hause, die letzte Bahn fährt gleich!“

Man merkt es vermutlich kaum, aber ich liebe diesen Laden einfach. Immer noch. In den muffigen Ecken lungern einige meiner besten Hannoveraner Stunden herum – mit Freunden und durchquatschten Nächten, mit guter Musik, mit dem König von Deutschland, mit anschließenden Fahrradfahrten durch eine schlafende Stadt, mit Tanzschweiß und allem, was das Leben erst lebenswert macht.

In Berlin dreht sich das Nachtleben um Glitzerkonfetti, 30-Stunden-Elektropartys und die beste Zeit fürs Berghain. In Hannover hat das alles ein etwas kleineres Format. Noch vor ein paar Monaten habe ich damit gerechnet, dass das Rockhouse still und heimlich untergehen würde.

Das Rauchverbot hatte schon viele vertrieben, und die Gäste aus meinen Tagen sind ebenfalls größtenteils verschwunden (wohin eigentlich?). Doch irgendwie haben sie die Kurve bekommen. Nach einigen erfolglosen Experimenten – z.B. kommen mehr Leute, wenn wir keine Getränkechips mehr verteilen und im Vorraum vier Bilder von Gitarristen aufhängen, von denen man nur zwei eindeutig identifizieren kann? Oder: Kann Klogeruch ein Publikumsmagnet sein? – scheint jetzt der richtige Ton getroffen und am vergangenen Wochenende war der Laden endlich mal wieder angenehm voll.

Der neue DJ hat sogar ein paar frische Platten mitgebracht und dennoch ein Händchen für grauenvolle Übergänge und aneinandergeklatschte Punkrock-Dauerbrenner bewahrt. Die Krökel-Fraktion ist längst an professionellere Tische abgewandert, aber der Amateur-Nachwuchs wickelt weiterhin Kondome um lockere Spielfiguren und schlägt sich tapfer die Nächte um die Ohren.

So richtig voll wie früher ist es längst nicht mehr. Und oft fühle ich mich dort verdammt alt. Wenigstens an schlechten Abenden. Meist fühle ich mich verdammt alt und enorm belustigt – bspw. wenn die ganze Bude voller Gothik-Under-Ager mit Schweißerbrillen und Mundschutz ist, die zackig, ekstatisch und ausschließlich mit den Armen tanzen.

Alt oder nicht, heruntergekommen oder aufgefrischt, Rockhouse, du bist für mich das Eine.
I love Rock’n’Roll, so put another dime in the jukebox, Baby…

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7 Gedanken zu “Hannover, laute Liebe.

  1. Abu el Mot schreibt:

    Im Rockhouse war ich auch ein- oder zweimal, als es neu war (und davor ein paarmal im Eternity) … bevor mir aufgefallen ist, daß ich Konservenmusik alleine viel angenehmer hören kann und mich laute Musik bei der Konversation stört.

    • rocknroulette schreibt:

      dann ist ne disco wohl wirklich nicht der richtige ort 😀 hab mich da einmal heiser geschrieen, bevor ich gemerkt habe, dass mich konversation beim konservenmusiktanzen stört (und bei live-musik erst recht). das sind definitiv keine orte, um zu reden (höchstens auf dem klo)… wohl wahr.

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