Various: Don’t Mess With The Girls.

Anlass für den “Female-Fronted Psychobilly“-Artikel war diese Compilation von Wolverine Records. Entsprechend der Erkenntnis, dass einer der beiden Kardinalfehler in Sachen Frauenbands ist, dass eben diese unabhängig von Genre und Stil gern über denselben Kamm geschoren werden, habe ich mich bei meinem Review im DYNAMITE ziemlich ereifert:

dontmess*** Vorweg: Ich war absolut unentschlossen, was die Bewertung angeht. Für das Konzept „Das sind Frauen, die passen gut zusammen auf ein Album“ könnte ich mich nämlich selbst dann nicht begeistern, wenn parallel noch eine „Don’t Mess With The Guys“ nach demselben Prinzip rauskäme – das ist maximal 1 Stern. Aber: Diesem Album eine schlechte Wertung zu geben, würde aussehen, als wären Frauenbands generell schlecht – und damit wären wir wieder beim Eintopf-Motto. Außerdem ist a) die blutrote, auf 500 Exemplare limitierte Vinyl-Scheibe wunderschön und b) die meisten Songs zum ersten Mal auf Platte zu haben und c) Band für Band wirklich gut. Hellfreaks, Night Nurse, The Silver Shine: Was diese Sängerinnen vereint, ist ihr kräftiger, rau-rotziger Gesang, wie ich ihn am liebsten mag. Dafür hätte ich glatt 5 Sterne vergeben. Nur Miss Behave & The Caretakers fallen sowohl genretechnisch (das ist Horrorpunk und kein Psycho) als auch gesanglich (Zucker statt Rotz) aus der Reihe. Frauen passen eben nicht per se zusammen! Doch bis auf diese Ausnahme wäre es eine gelungene Zusammenstellung gewesen – unabhängig vom Girls-Konzept. Im Durchschnitt gesehen bleiben also 3 Sterne. PS: Zum Trost für FeministInnen gibt’s bei den Bands selbst und exklusiv bei Wolverine 166 Exemplare in lila Vinyl.

Abgesehen davon, dass die Ironie des letzten Satzes nicht wirklich zündete – mit diesem Review beging ich Kardinalfehler Nr. 2: Ich gab mehr oder minder einen Scheiß auf die Musik, sondern konzentrierte mich fast nur auf das Frauending. Ups.

Das mag zum einen dem knappen Platz geschuldet sein, zum anderen war ich nach dem Female-Artikel wohl etwas auf Krawall gebürstet. Dennoch: kein echter Grund, die Musik außen vor zu lassen. Das sei also hiermit nachgeholt:

Mit dem “Don’t Mess With The Girls”-Sampler kann man sich in Sachen Hellfreaks, Night Nurse, The Silver Shine und Miss Behave & Caretakers einen ersten Einblick verschaffen. Gut, erstere Band aus Ungarn/Berlin ist Psychobilly-Fans natürlich bekannt: Trotzdem machen “Spladdernbar’n Sin” (zum ersten Mal auf Vinyl!) und besonders “Godless Girl’s Fun” mit seinem Sailor-Akkordeon, dem tanzbaren Break und Shakey Sue’s rauer Stimme richtig Spaß! Ein großartiger Song mit Ohrwurmqualität – und einem obendrein recht sehenswerten Video.

The Silver Shine kommen ebenfalls aus Ungarn. Sängerin Krista Kat steht bei “Never Again” und “Lordy Lordy” wie gewohnt am Kontrabass – allerdings geht der hier ein bisschen unter. Nach der Hellfreaks-Fullpower ist diese zweite Hälfte der A-Seite auch ein klein wenig schwächer geraten.

Weiter mit der B-Seite und den gigantischen Night Nurse aus Finnland: Nurse Camy und ihre Crew habe ich schon einmal vorgestellt und mit “Down To The Bone” sowie vor allem “Mean Old Low Down Dirty Bastard” hauen sie mich auch auf dieser Scheibe vom Hocker. Das ist schöner gitarren- und rhythmusbetonter Psychobilly, und die Singstimme samt düsterem Backing-Chor lässt einem die Haare zu Berge stehen. Wohooo!

Die Schweden von Miss Behave & The Caretakers liefern die letzten beiden Stücke: “Miss Behave” und “On The Top Of The Graveyard” hauen musikalisch ordentlich auf die Pauke und gehen auf vom Tempo her anständig nach vorn. Auch an der Sängerin ist im Prinzip nichts auszusetzen – als “zart” kann man sie definitiv nicht bezeichnen. Ich hab’s nur einfach lieber in tieferen Tonlagen und weniger sweet, aber das ist meine ganz persönliche Geschmacksrichtung. Gut macht Miss Behave ihren Job dennoch, in jedem Fall, und in Kombination mit schaurig-schönen Lyrics erzeugt die Zuckerstimme sogar einen recht reizvollen Kontrast.

Ich bin noch nicht ganz schlüssig, wie ich die blockartige Zusammenstellung und die Zusammenstellung der Bands generell finde. Die Frage: Müssen die Songs auf Samplern bzw. Compilations gut zusammenpassen? Oder ist das völlig egal – je mehr Stile, desto besser?

Wenn ich eine Platte öfter hören will, schätze ich es, wenn die Reihenfolge der Songs aufeinander abgestimmt ist. Das ist hier nicht unbedingt der Fall. Für einen ersten Einblick in Sachen Sound ist das allerdings gar nicht notwendig – da ist die en-bloc-Variante sogar sinnvoller und erspart das Rätselraten, wen man nun gerade hört. Die Antwort lautet also: jein.

Vorm Fazit noch eine kurze Kritik in Richtung Produktion: Eine Papierhülle für die Platte wäre wohl nicht zuviel verlangt gewesen, denn das schöne, bunte Vinyl soll ja schließlich nicht gleich zerkratzen. Ansonsten: 4 anständige Bands (davon 2 für mich sehr genial) mit 8 sehr repräsentabel ausgesuchten Songs – viel Tempo, viel Power und kein bisschen Langeweile.

 

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